Nikolaus Förster Causa #Spiegel: Sind Journalisten gute Mitunternehmer?

Kam heute beim Spiegel vorbei. Oben: blauer Himmel. Innen drin: schlechte („feindselige“) Stimmung, wenn man all den Medienredakteuren glaubt, die in diesen Tagen, offenbar von Spiegel-Leuten mit Infos versorgt, genüsslich über den Streit zwischen dem designierten Chefredakteur Wolfgang Büchner und der Redaktion berichten.  (Für die, die die Querelen nicht so genau verfolgt haben, also für alle Nicht-Journalisten:  Der neue Chefredakteur will als Vize den stellvertretenden Chefredakteur der Bild-Zeitung, Nikolaus Blome, durchsetzen – und stößt damit bei seiner künftigen Redaktion auf großen Widerstand.)

Spiegel-Foto

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Was die Sache, auch für Nicht-Journalisten, interessant macht, ist die Eigentümer-Konstruktion: 1974 hatte Rudolf Augstein die Hälfte des Verlags den Mitarbeitern übertragen. Die neu gegründete Mitarbeiter KG erhielt eine Gewinn- und Kapitalbeteiligung und zugleich weitreichende Mitspracherechte bei der Bestellung bestimmter Führungskräfte (wobei umstritten ist, ob dazu auch ein stellvertretender Chefredakteur zählt). 25 Prozent der Anteile verkaufte Augstein damals an Gruner + Jahr, den Rest behielt er selbst und sicherte sich damit eine Sperrminorität. Nach dem Tod des Verlegers Ende 2002 wuchs den Mitarbeitern noch mehr Macht zu, weil Augstein in seinem Testament verfügt hatte, dass sie und Gruner + Jahr je ein weiteres halbes Verlagsprozent erwerben konnten, sie also auf 50,5 % und 25,5 % kamen  – zu Lasten der Erbengemeinschaft, die plötzlich nur noch 24 Prozent der Anteile hielt, also ihre Sperrminorität verlor. „Die Besitzverhältnisse am SPIEGEL-Verlag“, schreibt der Verlag auf seiner Website, seien „einzigartig in der europäischen Medienlandschaft.“ Weiter heißt es: „Mitverantwortung, Mitentscheidung und ein Anspruch auf die Hälfte des Gewinns zählen seither zu den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und prägen das Klima im Haus. Nirgendwo sonst ist die Idee, die Beschäftigten eines Unternehmens auch zu Inhabern zu machen, so konsequent verwirklicht worden.“ (siehe http://www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/Navigation/2B9246186F708D07C1256F5F00350C61?OpenDocument)

Nur: Heißt „konsequent“ auch, dass es sich tatsächlich um eine sinnvolle Konstruktion handelt? Ich bin da skeptisch, halte eine Gewinnbeteiligung – wie wir sie in diesem Herbst bei impulse einführen werden – für sehr sinnvoll, eine Kapitalbeteiligung wie beim Spiegel dagegen für gefährlich.

Es wird zumindest spannend, wie sich diese radikale Mitbestimmung in der Krise bewährt. Wie gehen Redakteure, die traditionell größten Wert auf ihre journalistische Unabhängigkeit legen, damit um, dass sie selbst Mitunternehmer sind? Ist ihnen bewusst, welche Verantwortung ihnen in dieser Funktion zukommt? Wie stark ist ihr Drang, den einst sehr lukrativen Status quo zu bewahren – und etwa Spiegel-Online-Mitarbeiter weiter außen vor zu lassen? Und wie groß ist die Lust und Fähigkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die wahrscheinlich auch die eigene Position in Frage stellen?

Oder sind das alles konstruierte Fragen – und heute ohnehin längst alle Journalisten angehalten, auch unternehmerisch zu denken?

1 Kommentar
  • Andreas R. J. Schnee-Gronauer 27. August 2013 09:39

    Ich meine nicht, dass eine Gewinnbeteiligung per se besser ist, als eine Kapitalbeteiligung.

    Eine Kapitalbeteiligung kann – wenn Sie denn gut gemacht ist – nach meiner Erfahrung deutlich besser geeignet sein, um längerfristige Ziele zu erreichen, als eine reine Gewinnbeteiligung, die oft auch dazu dient, die Fixkosten des Unternehmens zu senken.

    Ihre Skepsis ist aber im Hinblick auf Kapitalbeteiligungen dann angebracht, wenn die Ausgestaltung der Stimmrechte nicht sinnvoll ist – dann sind Konflikte, wie es sie beim Spiegel zu geben scheint, absehbar. Der „Trick“ ist die Trennung von Tagesgeschäft und Anteilsbesitz.

    Unter dem Strich sind Kapital- und Gewinnbeteiligung zwei Instrumente die unterschiedliche Anreize setzen und die man deswegen auch gut gemeinsam einsetzen kann. Auf das Modell von Impulse bin ich ehrlich gespannt.

    Bleibt natürlich die generelle Frage: Wer hat das Zeug um langfristige unternehmerische Entscheidungen zu treffen?

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