Nikolaus Förster Danke, NSA! Was uns die Spähaffäre lehrt

Wir könnten so weiter machen – uns jeden Tag erneut empören über die ach so bösen Amerikaner. Über ihre Datengier. Ihre paranoide Kontrollsucht. Ihr Machtgehabe. Ihren Bruch von Gesetzen. Das ist alles richtig. Und natürlich wird dies Folgen haben, die sich die US-Geheimdienstler – und all die, die eingeweiht waren – wohl so nicht vorgestellt haben. Wer auch nur einen Hauch von historischem Bewusstsein hat – oder einen moralischen Kompass –, weiß, welche Katastrophen drohen, wenn Menschen all das ausreizen, was technisch möglich ist.

Nur: Die eigentlich erschreckende Erkenntnis betrifft nicht die Amerikaner, sondern uns selbst. Unser Abwiegeln. Unser Schweigen. Unsere Scheinheiligkeit. Und Bequemlichkeit. Versagt haben – das ist die bittere Wahrheit – vor allem wir selbst:

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Unsere Politiker, die den Blick für das verloren haben, was im wahren Interesse der Bürger ist – und das ist nur am Rande das Handy der Kanzlerin. Warum haben sie geschwiegen und abgewiegelt, als bekannt wurde, welche Daten die NSA seit Jahren abgreift? Was wussten sie bereits? Wie kann es sein, dass sie erst jetzt aktiv werden?

Unsere Wirtschaftsverbände und Unternehmen, die sich nach wie vor in seltsamer Zurückhaltung üben. Hier mal eine Stimme, da mal eine – aber ansonsten auch da: vornehmes Schweigen. Als sei nicht klar, dass es hier nicht nur um das Ausspähen von Politikern geht, sondern auch um handfeste Wirtschaftsinteressen – um interne Daten, die viel Geld wert sind.

Unsere (Groß-)Verleger, die gerne über digitale Geschäftsmodelle reden, aber sich in Sachen NSA vornehm zurückhalten. Dabei sind sie nicht nur Unternehmer, sondern müssten eigentlich für das kämpfen, was im Kern ihre Geschäftsgrundlage ist: die grundrechtlich garantierte Pressefreiheit. Wenn sie zulassen, dass diese technisch ausgehöhlt wird, brauchen wir bald nicht mehr über Informantenschutz zu reden – oder über die öffentliche Kontrollfunktion von seriösen Medien.

Wir selbst, die wir seit Jahren – zumindest ansatzweise – sehr wohl wissen, wie leicht Daten abgegriffen werden können. Der NSA spielt das in die Hände, was uns am verwundbarsten macht: unsere eigene Bequemlichkeit.

Noch vor ein, zwei Wochen sprach ich mit einem Unternehmer, der davon überzeugt war, dass die Debatte bereits wieder zu Ende sei. Da war noch nicht bekannt, dass auch das Kanzlerhandy abgehört wurde – und Daten ganzer Rechenzentren abgesaugt werden. Wie man sich irren kann. Höchste Zeit, dass wir selbst auch etwas ändern, nachdem wir unseren Lesern bereits vor ein paar Monaten konkrete Vorschläge gemacht haben, was sie tun können. Seitdem diskutieren wir im Team, wie wir mit dem Thema umgehen – konkret: was wir in Hardware und Software investieren können, um mehr Sicherheit zu gewährleisten, ohne in Paranoia zu verfallen. Und wie wir gegen die eigene Bequemlichkeit ankommen. Statt uns nur zu empören.

 

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