Nikolaus Förster Im Land der Besitzstandswahrer

Für mich ist die Wahl gelaufen. Ich habe meine Kreuze gemacht, heute morgen, im Rathaus Altona – weil ich am Sonntag nicht in Hamburg sein werde, sondern in Peking, beim World Young Leaders Forum. Ich habe mir also meine Unterlagen geschnappt, den Wahlhelfern versichert, dass ich wirklich ich bin, und – Augen zu und durch – tatsächlich ein paar Kreuze gemacht: Erststimme. Zweitstimme. Und ein Nein zum Rückkauf der Hamburger Energienetze durch die Stadt.

Wahlkabine

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Die Wahl ist mir nicht leicht gefallen – nicht nur, weil die zahllosen amtlichen Wahlscheine, Stimmzettel, Merkblätter und Umschläge die wunderbarsten Kombinationen zulassen (warum verschließen wir unsere Geheimnisse eigentlich in Pastellfarben?), sondern vor allem, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass einem ohnehin keine richtige Wahl bleibt: Ob ich für die Umverteilungpartei A, Umverteilungspartei B, Umverteilungspartei C oder für Umverteilungspartei D stimme – macht das tatsächlich solch einen gravierenden Unterschied? Mir kommt es vor, als seien wir auf einem Basar. Mit allerlei Geschenken werden die Bürger umgarnt, dazu noch mit Ressentiments in Stimmung gebracht. Kein Wunder, dass in solch einer Situation der Mittelfinger eines Kanzlerkandidaten solch ein Gewicht erhalten kann.

Erschreckend ist, dass kaum einer darüber redet, wie wir unseren Wohlstand überhaupt bewahren oder gar neuen schaffen können, wie sich beispielsweise Gründertum in Deutschland fördern lässt. Warum zum Beispiel kam bei der ARD-„Wahlarena“ mit Angela Merkel letzte Woche kein einziger Unternehmer zu Wort? Warum fiel dort das Wort „Gründer“ oder „Unternehmertum“ nicht ein einziges Mal? Und warum wurde „Wirtschaft“ mal wieder auf einen Konzern reduziert, der über die Maßen Leiharbeiter beschäftigt?

Wie gut muss es uns eigentlich gehen, wenn es nur noch ums Umverteilen geht? Warum weist kaum jemand darauf hin, dass mit falschen Karten gepielt wird – angesichts einer billionenschweren Verschuldung? Wir leben offenbar, so ernüchternd das auch ist, nicht nur im Land der Erbsenzähler (http://bit.ly/18sgDea), sondern auch im Land der Besitzstandswahrer und Falschspieler.

2 Kommentare
  • Herta Ramin 18. September 2013 13:19

    Wie so manchen anderen Bürger in unserem schönen Land zieht es mich in diesem Jahr definitiv zu keiner Partei mehr hin. Alles ist ein Mischmasch, keiner hat mehr ein wirkliches Profil. Die Wahlkampagnen scheinen mir so schlecht wie nie zuvor. Schlechte Fotos, unglaubwürdige Gesten, abgegriffene Wahlsprüche. Ich fühle mich abgestoßen. Meine Tochter (19) und ich haben uns à la Stèphane Hessel’s: „Empört Euch“ und „Engagiert Euch“ zur Aufgabe gemacht, über unser politisches Engagement nachzudenken. Am Donnerstag findet mit Freund Sylvester unsere erste Klausur statt: Denken über eine mögliche „Vereinigung der Nichtwähler“ bis hin zur Gründung einer neuen Partei. Alles scheint uns möglich – nur eins nicht mehr: passiv warten, dass es besser wird.

  • sylvester 17. September 2013 08:21

    Wäre dann „nichtwählen“ nicht konsequenter, gehört man sonst nicht mit zu den Falschspielern? Ich habe mir die Briefwahlunterlagen kommen lassen um in Ruhe aus zu wählen und kann aus den selben Gründen nicht entscheiden.

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