Nikolaus Förster Schleichwerbung: Sieg der Manipulation

Ich weiß, es wird ein bisschen monoton. Aber was will man machen, wenn das Email-Postfach vor lauter Angeboten überquillt? Eine Agentur, die nach Möglichkeiten sucht, „die PR-Arbeit für die von uns betreuten Unternehmen und Netzwerke zu optimieren“, schreibt mir folgendes:

Konkret beabsichtigen wir einen themenorientierten Gastartikel, ohne Kennzeichnung als „sponsored“, „Advertorial“ etc.,  mit einem von uns eingebunden Backlink … Bei Erfolg sind wir generell an einer längerfristigen Zusammenarbeit interessiert, um künftige Synergieeffekte effektiv nutzen zu können

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Ein Blick auf die Website der Agentur führt schnell zum Schlagwort: „Unser Qualitätsversprechen“, mit der Unterzeile: „Ehrlichkeit währt am längsten.“ Der Leser erfährt, dass „entgegen einer Vielzahl anderer SEO-Agenturen …  zur Umsetzung der hochgesteckten Ziele nur ethisch vertretbare, so genannte  White-Hat-Maßnahmen Anwendung“ fänden. Gearbeitet werde auf der Basis der Richtlinien der jeweiligen Suchmaschinenbetreiber und der mehrjährigen Erfahrungen im Bereich der Suchmaschinenoptimierung.

Schade, dass die Agentur kein Wort über andere Richtlinien verliert, etwa den Pressekodex. Dort heißt es:

Bezahlte Veröffentlichungen müssen so gestaltet sein, dass sie als Werbung für den Leser erkennbar sind.

Ach ja, heute morgen („erst einmal wünsche ich Ihnen ein Frohes und erfolgreiches Jahr 2014“) kam erneut ein Angebot rein. Dieses Mal werden mir von einer Agentur 100.00 Euro pro „hochwertigen Artikel“ angeboten, „der perfekt auf Ihren Blog / Webseite zugeschnitten“ sei. Und:

Da wir Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen betreuen würde ich mich freuen, wenn Ihnen noch weitere Portale zur Verfügung stehen, bei denen Sie eine derartige Kooperation in Betracht ziehen würden.

Es gab Zeiten, da wurde das Internet, einst als Hort der Freiheit gefeiert, als Ort kritisiert, in dem das Amateurhafte siege und Unschuld an die Stelle von Expertise trete:

The internet is producing the cult of the amateur, a dumbing-down of culture, in which innocence is replacing expertise as the determinant of value.

schrieb der US-Unternehmer Andrew Keen 2007 (siehe http://www.theguardian.com/commentisfree/2007/aug/10/andrewkeenvemilybell). Die Unschuld hat das Netz – nicht erst seit den NSA-Enthüllungen – längst verloren. An die Stelle der Unschuld ist etwas anderes getreten: grenzenlose Manipulation.

1 Kommentar
  • Andreas R. J. Schnee-Gronauer 7. Januar 2014 10:20

    Aber da steht ja auch „ethisch vertretbare […] Anwendung“. Mit korrumpierten moralischen Standards arbeitet es sich bekanntlich unbeschwerter.

    Mir würden – auch und vielleicht vor allem in meiner Profession – nicht wenige gruselige Beispiele dazu einfallen.

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