Nikolaus Förster Träumen und reden – Wie Unternehmer überzeugen

Von Sprötze (bei Hamburg) bis Ronnenberg (bei Hannover) sind es 141 Kilometer. Und auf den ersten Blick sind es tatsächlich Welten, die zwischen dem Bauernhof Eickhoff und der Fleischerei Carsten Scheller (http://www.fleischerei-scheller.de/) liegen, unseren heutigen Stationen auf der impulse-Deutschlandtour. 37.000 Hähnchen werden bei den Eickhoffs gemästet, von 42 Gramm auf 2,5 Kilogramm in 42 Tagen. In der modern gestylten Metzgerei dagegen gibt es Fleisch vom Salzwiesenkalb oder vom Roten Höhenvieh: „slow food“.

Es ist ein Kontrastprogramm: ein Bauernhof, der bei geringen Margen auf Größe setzt, um über die Runden zu kommen, und dessen Juniorchef, der 25-jährige Malte Eickhoff, gerade überlegt, eine zweite Hähnchenmasthalle zu errichten. Und ein Metzger, der mit zwölf Angestellten ein einziges Geschäft betreibt und damit zufrieden ist. Sein Vater habe einmal den Satz geprägt, es gebe nichts Schöneres, als zu Hause zu sein, mit einer Scheibe Brot und einem Schnaps: trocken, satt und besoffen. „Warum muss es denn immer mehr sein“, fragt Carsten Scheller.

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Zwei Orte, zwei Welten – und doch verbindet die beiden Unternehmen mehr, als man denken könnte. Beide stehen in einer langen Tradition. Die Fleischerei gibt es seit 1938, den Bauernhof bereits seit dem 17. Jahrhundert. Am Hof prangt ein alter Spruch: „Treu den Sitten, treu dem Glauben unserer Ahnen, schlicht und recht. Treu bewahren wir die Scholle für das kommende Geschlecht“. In welcher Generation die Eickhoffs den Betrieb weiterführen, können sie auf Anhieb gar nicht sagen.

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Doch die Tradition garantiert noch kein Überleben. Lebensmittel herzustellen – als Landwirt oder Fleischer – ist ein hartes Geschäft in Deutschland. Hierzulande geben Konsumenten nur 12 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, in Frankreich sind es 40 Prozent.

Malte Eickhoff träumte schon als 17- oder 18-Jähriger davon, einmal Hähnchen zu mästen, auch um sich vor anderen Risiken abzusichern – einem Ernteausfall etwa, neuen Regulierungen oder ausbleibenden Konsumenten nach Lebensmittelskandalen. 500.000 Euro investierte die Familie damals in den neuen Stall – und war fassungslos, als der eines Nachts, kurz vor der Fertigstellung, in Flammen stand. Brandstiftung. Ein Schock für die Familie. Und ein Ansporn, ihn erneut aufzubauen. „Solch einen Betrieb kann man nicht aufgeben“, sagt Maltes Mutter. „Das darf man sich nicht kaputt machen lassen.“ Heute ist die Hähnchenmast ein wichtiges Standbein für die Bauern: neben dem Ackerbau, der Schweinemast, der Lohnarbeit für andere und einem kleinen Hofladen. „Bio“-Produkte sehen die Eickhoffs skeptisch – weil das Etikett Dinge verspricht, die nicht immer eingehalten werden können. Und weil es sich betriebswirtschaftlich kaum rechnet. Und das kann sich die Familie nicht leisten.

Carsten Scheller stand auch unter Druck. Er sah, dass es immer schwieriger wurde, Kunden zu gewinnen. Und so entschloss er sich ebenfalls zu einer großen Investition: aber nicht in neue Produkte oder Personal, sondern ins Marketing. Qualität und regionale Produkte hatte er schon vorher angeboten – jetzt schaffte er, mit einer Werbeagentur (http://www.markenladen.com), einen vollkommen neuen Auftritt: Neues Design, neue Namen, neue Geschichten – etwa die vom alten Rezeptbuch des Großvaters oder die vom Klinker-Schinken, der in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg geschaffen wurde. Nicht alle Geschichten stimmen bis ins letzte Detail. Egal. Sie transportieren eine Marke. Erhöhen die Marge. Und wirken.

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Beide – der  Hähnchenmäster und der Marken-Fleischer –  haben etwas Neues gestartet, sich einen Traum erfüllt. Und beide mussten erkennen, welche Rolle die öffentliche Wahrnehmung spielt – um eine Marke zu schaffen oder, wie im Mastbetrieb, um aufzuklären und die eigene Arbeit gegen Anfeindungen zu verteidigen. Die einen schaffen, mit Geschichten und Design, neue Bilder. Die anderen kämpfen gegen vorhandene Klischees und Bilder, die beim Wort „Massentierhaltung“ in den Kopf schießen. Helfen soll die eigene Anschauung: Nach dem Brand der Masthalle haben die Eickhoffs einen eigenen Schauraum gebaut, der ursprünglich gar nicht vorgesehen war – mit direktem Blick in den Stall.

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