Recht + Steuern Arbeitgeber darf Attest am ersten Krankheitstag fordern

Wer krank ist, muss künftig schnell zum Arzt: Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass Arbeitgeber schon vom ersten Tag an eine Krankmeldung einfordern dürfen - ohne Begründung.

Arbeitgeber dürfen von ihren Mitarbeitern bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest verlangen. Das entschied das Bundesarbeitsgericht am Mittwoch in Erfurt (5 AZR 886/11). Arbeitgeber müssen demnach auch nicht begründen, warum sie so früh einen Krankenschein vorgelegt bekommen wollen.

„Der Arbeitgeber hat das Recht, dieses Verlangen zu stellen, und er ist darin nicht an besondere Voraussetzungen gebunden“, begründete der Vorsitzende Richter Rudi Müller-Glöge das Urteil. Es liege in seinem Ermessen, eine solche Weisung zu stellen – unabhängig davon, ob ein Missbrauchsverdacht besteht oder nicht.

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Gesetzlich sind Beschäftigte dazu verpflichtet, ihren Arbeitgeber unverzüglich zu informieren, wenn sie wegen Krankheit ausfallen. Spätestens am vierten Krankheitstag muss eine entsprechende Bescheinigung eines Arztes vorgelegt werden. Das Entgeltfortzahlungsgesetz räumt dem Arbeitgeber aber zugleich das Recht ein, schon früher einen Krankenschein zu verlangen.

Auch im konkreten Fall konnten die obersten Arbeitsrichter keine Willkür erkennen. Damit scheiterte eine leitende Redakteurin des Westdeutschen Rundfunks in Köln auch in der dritten Instanz mit ihrer Klage. Die 59-Jährige war nach einer Krankmeldung im November 2010 aufgefordert worden, künftig schon am ersten Krankheitstag ein Attest vorzulegen. Die Klägerin empfand diese Anweisung als Disziplinierungsmaßnahme und sah darin ein Verstoß gegen das arbeitsrechtliche Schikaneverbot, weil dies nicht für alle Mitarbeiter galt. Dieser Auffassung folgten die Bundesrichter aber nicht.

„Arbeitgeber können unabhängig von einem objektiven Anlass die Vorlage eines Krankenscheins am ersten Tag verlangen“, stellte Gerichtssprecherin Inken Gallner klar. Es bedürfe daher keines begründeten Verdachts, dass in der Vergangenheit eine Erkrankung nur vorgetäuscht worden sei. Die vom Bundesarbeitsgericht getroffene Auslegung des Gesetzes gilt grundlegend für alle Arbeitsverhältnisse.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hingegen begrüßte die Entscheidung, die Rechtsklarheit schaffe. Der Anwalt der Klägerin bedauerte die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts. „Damit wird ein Gesetzestext zementiert, der aus unserer Sicht arbeitnehmerunfreundlich ist“, sagte Rechtsanwalt Joachim Gärtner.

Insgesamt waren im vergangenen Jahr Arbeitnehmer im Schnitt neuneinhalb Arbeitstage krankgemeldet. Damit fehlten stets rund 3,8 Prozent der Mitarbeiter. Für die Arbeitgeber ist das – weil zur Lohnfortzahlung über sechs Wochen verpflichtet – ein enormer Kostenfaktor. Allein 2011 summierten sich die Kosten durch Fehltage Schätzungen zufolge auf rund 130 Mrd. Euro.

Doch bisher schleppen sich auch viele Arbeitnehmer aus Loyalität oder aus Angst, den Job zu riskieren, krank in die Firma und verursachen dort weitaus höhere Schäden. Schätzungen des Beratungsunternehmens Booz & Company belaufen sich auf jährlich mindestens 225 Mrd. Euro. Und viele angeschlagene Mitarbeiter machen wegen des anhaltenden Hustens, Schnupfens, Kopfschmerzes mehr Fehler und sind häufiger in Unfälle am Arbeitsplatz verwickelt. Das kostet zusätzlich. Das Fazit der Experten: Selbst wenn – der Kosten wegen – die Einsicht vorhanden ist: Es fehlt an umsichtiger Prävention in den deutschen Firmen. Dort, wo die Unternehmen in die Gesundheitsvorsorge investieren, zeigen sich Erfolge. Jeder eingesetzte Euro im Gesundheitsmanagement zahlt sich mit fünf bis 16 Euro aus.

Wo das jedoch nicht erkannt wird, verbreitet sich Misstrauen. Das Jobportal CareerBuilder.de fand zum Beispiel heraus, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Mitarbeiter und Chef leidet, wenn die Erkrankten sich weiter tapfer zur Arbeit schleppen. Denn jedes dritte Unternehmen fängt dann an, diejenigen zu überprüfen, die sich doch krankmelden. Kontrollanrufe zu Hause und das stetige Überprüfen von Arztbescheinigungen sind dann an der Tagesordnung.

Den Unternehmen ist inzwischen jedoch bewusst, dass sie nicht nur der laufenden Produktion wegen die Krankheitsstände im Blick behalten müssen. Jede zweite Firma steht wegen mangelnden Risikomanagements auch in Gefahr, von einer Krankheitswelle der Mitarbeiter ausgeknockt zu werden. Einer Studie des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF) zufolge sind fast 60 Prozent der Betriebe spätestens nach vier Wochen lahmgelegt, wenn eine Pandemie ausbricht. Selbst wenn die eigenen Mitarbeiter verschont bleiben, kann eine Krankheitswelle bei wichtigen Zulieferern die Fertigung oder das Angebot von Dienstleistungen stoppen.

Noch viel zu wenig im Blick haben Mitarbeiter laut Experten das Thema psychische Erkrankungen. Innerhalb der letzten Dekade hat sich die Zahl der Fehltage wegen Burnout, Stress, Depression und Co. auf fast 54 Millionen verdoppelt. Der Grund sind vor allem schlechte Arbeitsbedingungen und die zunehmende Angst um den Job. Was dagegen helfen kann, sind ein umfassendes Stress- und Gesundheitsmanagement in den Betrieben, zum Beispiel über ein Employee Assistant Program. Dabei werden die Mitarbeiter meist über anonyme Hotlines bei gesundheitlichen, psychischen und persönlichen Problemen begleitet sowie bei der Suche nach Hilfe beraten und unterstützt. Untersuchungen ergaben: Das führt zu weniger Krankmeldungen und produktiveren Beschäftigten. Denn wer weniger gestresst und hoch motiviert ist, ist belastungsfähiger – und wird seltener krank.

Selbst ganz oben in der Firmenhierarchie kann etwas für die Mitarbeitergesundheit getan werden – durch Anerkennung und Lob. Wer Wertschätzung erfährt und sich anerkannt fühlt, ist motivierter, bleibt länger gesund. Das legte bereits der Fehlzeitenreport des DGB aus dem vergangenen Jahr offen. Und das kann auch die Kosten deutlich senken. Denn Mitarbeiter, die nur anwesend und nicht produktiv sind, verursachen dreimal so hohe Kosten wie durch das Fehlen wegen Krankheit. Plus: Wer innerlich gekündigt hat, ist im Schnitt pro Jahr sowieso dreieinhalb Tage länger krank als jemand, der jeden Tag motiviert am Schreibtisch sitzt.

Fehlzeiten: 2011 waren Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich 9,5 Arbeitstage krankgemeldet. Damit fehlten durchschnittlich 3,8 Prozent der Mitarbeiter. Den niedrigsten Krankenstand der vergangenen 20 Jahre gab es 2007 mit rund 7,9 Fehltagen.

Krankmeldung: Ist ein Arbeitnehmer krank, muss er seinen Arbeitgeber spätestens zu Beginn des Arbeistages informieren. Der Mitarbeiter ist nicht verpflichtet, die Art seiner Erkrankung zu nennen.

Arbeitsunfähigkeit: Dauert die Krankheit länger als drei Kalendertage muss ein Arbeitnehmer spätestens am vierten Tag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Daraus muss auch die voraussichtliche Dauer der Fehlzeit hervorgehen. Der Arbeitgeber kann die Bescheinigung aber auch schon früher verlangen. Manchmal ist die Frist für ein Attest im Arbeits- oder Tarifvertrag gesondert geregelt.

Lohnfortzahlung: Kranke Arbeitnehmer in Deutschland haben bis zu einer Dauer von sechs Wochen Anspruch auf Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber. Diese Regel gilt aber nur, wenn die Arbeitsunfähigkeit durch eine Krankheit und ohne eigenes Verschulden eingetreten ist. Als selbstverschuldet gelten zum Beispiel Unfälle durch Alkohol am Steuer.

Mit dpa

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