Recht + Steuern Der neue Mehrwertsteuer-Wahnsinn

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Bürokratiealarm: Zu Hause haben Unternehmer schon genug Ärger mit der Umsatzsteuer, nun müssen sie bei elektronischen Dienstleistungen auch nach den Steuersätzen anderer EU-Staaten abrechnen.

Bürokratiealarm: Zu Hause haben Unternehmer schon genug Ärger mit der Umsatzsteuer, nun müssen sie bei elektronischen Dienstleistungen auch nach den Steuersätzen anderer EU-Staaten abrechnen.© impulse

Wer Dienstleistungen übers Internet verkauft, der muss seit Jahresanfang den Mehrwertsteuersatz des Landes erheben, in dem sein Kunde wohnt. Klingt kompliziert, ist kompliziert. Lädt ein Wiener ein E-Book von einem deutschen Portal herunter, muss der Anbieter den österreichischen Satz von 20 Prozent berechnen. Die wichtigsten Fragen und Antworten für Unternehmen im Überblick.

Die Regel gilt seit Anfang Januar: Wer elektronische Leistungen verkauft, der muss die Mehrwertsteuer des Landes erheben, in dem sein Kunde wohnt. Lädt etwa ein Wiener ein E-Book von einem deutschen Portal herunter, muss der Anbieter den österreichischen Satz von 20 Prozent berechnen.

Das Mehrwertsteuerchaos ist damit um eine Facette reicher. Zu den zahlreichen Zweifelsfällen bei der Frage, ob der ermäßigte Satz von sieben Prozent greift oder die regulären 19 Prozent zu berechnen sind, gesellt sich bei grenzüberschreitenden Geschäften ein neuer Unsicherheitsfaktor.

Die Neuregelung geht keineswegs nur Internetfirmen an. Laut einer Umfrage von Haufe-Lex-ware, einem Anbieter von Buchhaltungssoftware, sind acht Prozent der deutschen Unternehmen betroffen. Sie müssen künftig zusätzliche Daten von Kunden erheben und verschiedene Steuersätze berechnen, wenn sie Ärger bei der Betriebsprüfung vermeiden wollen.

Viele Mittelständler sind darauf nicht vorbereitet – obwohl sie bereits für Umsätze seit Anfang Januar die neuen Regeln einhalten müssen. Zumal die Rechtslage umstritten ist. Was sind „elektronische Dienstleistungen“? Gilt es etwa auch als elektronische Dienstleistung, wenn ein deutscher IT-Fachmann auf digitalem Wege einen Computer in den Niederlanden repariert?

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick

Welche Firmen sind von den neuen Regeln betroffen? Was sind „elektronische Dienstleistungen“

    1. Die eindeutigen Fälle
      Klar ist die Sache bei Firmen, die Filme, E-Books, Zeitungen, Musik, Software oder Apps zum Download anbieten oder kostenpflichtige Informationen wie Zeitungsartikel auf ihrer Homepage bereitstellen. Sie sind von der Regel betroffen und müssen den Mehrwertsteuersatz der Landes erheben, in dem ihr Kunde wohnt. Auch Internetprovider fallen unter die Neuregelung. Unerheblich ist dabei, dass die Produkte irgendwann einmal von Menschenhand verfasst, programmiert oder komponiert wurden. Für den Fiskus gibt allein den Ausschlag, dass sie elektronisch übermittelt werden.

 

    1. Die Zweifelsfälle
      Kniffliger wird es bei sogenannten Bündeln, bei denen ein Teil der Leistungen elektronisch, ein anderer aber unstrittig von Menschen erbracht wird. Dies gilt zum Beispiel für Kontaktbörsen, Online-Glücksspiele oder Internetauktionen. Je größer der analoge Anteil der Dienste, desto mehr potenzielle Konflikte. Die Frage, wer den wichtigeren Beitrag leistet – Mensch oder Maschine –, ist oft nicht eindeutig zu beantworten. Besonders umstritten ist dies bei Online-Fortbildungen. „Wenn Kunden lediglich Arbeitsunterlagen herunterladen oder Anleitungsvideos anschauen können, ist die Rechtslage klar“, sagt Alexander Michelutti, Partner bei der Kanzlei Ebner Stolz in Stuttgart. „Sobald Trainer per interaktivem Chat eingebunden sind oder selbst Prüfungen korrigieren, liegt meines Erachtens jedoch keine Leistung vor, die auf elektronischem Weg erbracht wird.“

 

  1. Das Problem mit der Fernwartung
    Die Fernwartung von Maschinen oder Software bietet ebenfalls jede Menge Raum für Rechtsstreitigkeiten. Der deutsche Umsatzsteuer-Anwendungserlass stuft „die automatisierte Online-Fernwartung von Programmen“ zwar pauschal als „auf elektronischem Wege erbrachte“ Leistung ein. Je nachdem, wie intensiv IT-Experten in den Prozess eingreifen, könnten Gerichte dies jedoch auch anders bewerten.

Was müssen Unternehmen jetzt tun?

    1. Daten erfassen: Privatkunde oder Firmenkunde?
      „Unternehmen müssen bei Online-Geschäften erfassen, ob sie es mit einem Privatkunden zu tun haben“, sagt Micheluttis Steuerberater-Kollege bei Ebner Stolz, Martin Rieg. Die Vorschriften sind strikt. So müssen Unternehmen neuerdings im Bestellformular die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer abfragen, um festzustellen, ob es sich um einen Privat- oder Geschäftskunden handelt. Immerhin: Wenn ein Kunde im entsprechenden Feld nichts einträgt, dürfen Unternehmer davon ausgehen, dass er keine kommerziellen Interessen hat.

 

    1. Wohnort des Kunden bestimmen
      Das Unternehmen muss den Wohnort des Kunden kennen. Es reicht also nicht mehr, wenn sich Kunden lediglich mit ihrer E-Mail-Adresse registrieren. Das Problem: Viele Geschäftsmodelle beruhen gerade darauf, dass Kunden möglichst unaufwendig das Gewünschte finden und bezahlen können. Die EU hat zur Bestimmung des Wohnortes komplexe Nachweispflichten ersonnen, die sie in den Erläuterungen zu den neuen Mehrwertsteuerregeln – ein Pamphlet von 102 Seiten – darlegt. Sie sind ein Fundus für Freunde der Steuerbürokratie: So widmen sich die Brüsseler Beamten zum Beispiel der Frage, welchen Satz ein Unternehmen berechnen muss, dessen Kunde im Zug von Paris nach Köln übers WLAN der Bahngesellschaft etwas kostenpflichtig von seiner Website herunterlädt. Die Antwort: Die Firma muss feststellen, wo die Reise begann, denn dieses Land gilt als Mehrwertsteuer-Heimat des Reisenden.

 

  1. Welche Beweismittel zählen als Nachweis für den Wohnort?
    Surfen Kunden via Festnetz oder Smartphone im Internet, geben der Ort des Anschlusses oder der Ländercode der SIM-Karte den Ausschlag, welcher Mehrwertsteuersatz zu erheben ist. Das Problem: Viele Firmen haben auf diese Daten keinen Zugriff. „Alternativ können Unternehmen anhand von zwei Beweismitteln prüfen, in welchem Land der Kunde wohnt“, sagt Steuerberater Rieg. Die Endung der E-Mail-Adresse gilt nicht als Beweis. Zulässig sind beispielsweise Rechnungsadresse, Länderkennzeichen von Kreditkartendaten oder Bankverbindungen. Bei einigen Beweisen ist zumindest unklar, ob die Betriebsprüfer sie akzeptieren. Etwa bei IP-Adressen, deren Speicherung eigentlich verboten ist. „Hier ist noch fraglich, ob der Grundsatz gilt: Steuerrecht schlägt Datenschutz“, sagt Heidi Friedrich-Vache, Steuerberaterin bei Rödl & Partner in München. Sollte die Speicherung zulässig sein, wären Unternehmen zumindest verpflichtet, einige Ziffern unkenntlich zu machen. Zweifelhaft ist auch, ob als zweites Beweismittel ausreicht, dass Käufer neben ihrer Anschrift gesondert ihr Wohnsitzland angeben. Das wäre den Anbietern am liebsten, zu deren Kunden Paypal-Zahler gehören: Sie tragen beim Kauf keine Bank- oder Kreditkartendaten ein, da diese fest im Paypal-Profil gespeichert sind.

Die Konsequenzen für den Mittelstand

    1. Investitionen in IT sind unumgänglich
      Unternehmen kommen nicht umhin, wegen der Neuregelung kräftig in ihre IT zu investieren. Schließlich muss das System Beweismittel automatisch erfassen, verarbeiten und den korrekten Steuersatz festsetzen. „Außerdem ist es nötig, das Rechnungslegungssystem umzustellen und zusätzliche Speicherkapazitäten vorzuhalten“, sagt Friedrich-Vache.

 

    1. Preise müssen neu kalkuliert werden
      Viele Unternehmer müssen zudem ihre Preise neu kalkulieren. Schließlich ist bei Kunden aus anderen EU-Ländern vielfach eine höhere Mehrwertsteuer von bis zu 27 Prozent fällig (siehe Grafik Seite 62) – zulasten der Gewinnmarge. Der Internettelefonie-Dienst Skype hat seine Kunden bereits Ende November informiert, dass künftig je nach EU-Staat unterschiedliche Abo-Preise gelten.

 

  1. Einschalten von Zwischenhändlern
    Gerade kleine Unternehmen dürften den bürokratischen Aufwand scheuen, der mit der Neuregelung verbunden ist. „Ich gehe davon aus, dass viele Anbieter ihre Produkte oder Dienstleistungen verstärkt über Zwischenhändler ins Ausland verkaufen werden“, sagt Michelutti von Ebner Stolz.

Wenigstens eine kleine Erleichterung bietet sich Mittelständlern: Um nicht in allen EU-Ländern, in denen ihre Kunden wohnen, Umsatzsteuererklärungen abgeben zu müssen, können sie sich beim „Mini-One-Stop-Shop“ des Bundeszentralamts für Steuern registrieren lassen.

 

Das „Mini-One-Stop-Shop“-Verfahren
Das Bundeszentralamt für Steuern hat im Oktober 2014 einen so­genannten „Mini-One-Stop-Shop“ (MOSS) eingerichtet. Wer sich dort registriert, kann ein Formular abgeben, in dem er sämtliche Umsätze mit Privatkunden aus anderen EU-Ländern auflistet. Das Bundeszentralamt zieht die Steuern dann ein und leitet sie an die jeweiligen Empfängerstaaten weiter.Registrierung
Die Registrierung läuft online, und zwar über das Portal BZStOnline: http://tinyurl.com/steuerportal. Unternehmen können dort unter der Rubrik „Dienste“ Umsatzsteuererklärungen für das abgelaufene Quartal abgeben.

Termine
Firmen müssen sich vor Beginn des anzumeldenden Quartals registriert haben.
Formulare für die ersten drei Monate des Jahres 2015 stehen laut
Bundeszentralamt ab 1. April zur Verfügung und müssen bis zum 20. April abgeschickt werden. Wer sich jetzt registriert, kann erst die Umsätze des zweitens Quartals über den MOSS anmelden.

5 Kommentare
  • NameRolf W. Schmidt 20. Februar 2015 11:59

    Das ganze gilt aber doch nur bei Geschäftsbeziehungen mit Privatkunden (B2C) nicht aber bei Firmenkunden (B2B) – oder???

    Gruß

    Rolf W. Schmidt

    • Nicole Basel
      Nicole Basel 20. Februar 2015 17:57

      Lieber Herr Schmidt, genauso ist es!

      Herzliche Grüße aus der Redaktion, Nicole Basel

  • Name Irmgard Wipf 17. Februar 2015 14:31

    und wer sagt einem dann, an welches Finanzamt im jeweiligen Land man die MWSt abführen muss????

  • Name Peter Fischer 17. Februar 2015 13:33

    Hier werden wieder neue unsichtbare Grenzen in Europa aufgebaut und die Bürokratie für den Handel wächst.
    Die Römischen Verträge über freien Warenverkehr außer Kraft gesetzt. Ein jeder kaufe nur noch in seinem Land. Das trägt nicht zur Völkerverständigung bei Das ist Kleinstaaterei.

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