Recht + Steuern Juniorchef auf Probe

Familienunternehmer scheuen häufig davor zurück, Nachfolger auf Probe direkt an der Firma zu beteiligen. Dabei gibt es eine charmante Alternative: die virtuelle Beteiligung. In der neuen impulse-Rechtskolumne "Recht so?" beschreiben Rechtsanwälte der Kanzlei Luther das Modell.

Firmengründer in Deutschland haben es zunehmend schwer, einen geeigneten Nachfolger zu finden: Wie das Institut für Mittelstandsforschung Bonn im Dezember 2011 feststellte, gibt es aufgrund des demografischen Wandels in Zukunft immer weniger potenzielle Kandidaten, die dem Ideal des 30- bis 50-jährigen Juniors entsprechen. Dabei ist der Druck groß: Rund jeder siebte Firmengründer in Deutschland ist älter als 50 Jahre. Und die Zahl der zur Übergabe anstehenden Betriebe steigt von Jahr zu Jahr.

Auf der Suche nach dem passenden Unternehmernachwuchs müssen die Firmenchefs daher neue Wege beschreiten. Eine Möglichkeit ist es, den Junior – oder auch den externen Manager – „auf Probe“ am Unternehmen zu beteiligen. Die sogenannte „virtuelle Beteiligung“ erweist als charmante Alternative zu der Direktbeteiligung, die sowohl für den Unternehmer als auch für den Neugesellschafter Risiken birgt.

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Erfolgsbeteiligung mit geringerem Risiko

Im Gegensatz zur „echten“, gesellschaftsrechtlichen Beteiligung wird der „virtuelle Teilhaber“ durch eine Vereinbarung lediglich schuldrechtlich einem Gesellschafter in ausgewählten Bereichen gleichgestellt. Der Begünstigte muss also keine Einlage leisten und es ist keine Kapitalerhöhung erforderlich. Bei börsennotierten Aktiengesellschaften sind solche Modelle unter den Bezeichnungen Phantom Stocks oder SAR (Stock Appreciation Rights) bereits seit längerem üblich. Unter mittelständischen Unternehmen wird das Konzept allerdings bislang kaum praktiziert.

Meist handelt es sich bei der virtuellen Beteiligung um eine vertraglich abgesicherte Form der Tantieme-Gestaltung, wobei sich die Tantieme an der Wertentwicklung der Gesellschaft beziehungsweise des virtuellen Anteils des Begünstigten innerhalb eines bestimmten, vertraglich festgelegten Zeitraumes, richtet. Der Zeitraum kann beispielsweise fünf Jahre betragen. Nach dessen Ablauf wird entweder die gesamte Summe oder – um die Liquidität der Gesellschaft zu schonen – der Gewinnanteil in Raten ausgezahlt. Auch eine Beteiligung am Ertrag ist denkbar.

Der entscheidende Vorteil des (virtuellen) Tantieme-Modells ist natürlich, dass der Begünstigte zu einem langfristigen Handeln motiviert wird und nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg schielt. Nachteilig ist, dass sich die bei Beginn und Ende der virtuellen Beteiligung erforderliche Bewertung des Unternehmens im Einzelfall als schwierig herausstellen kann. Nachteilig auch für den Nachfolger bei diesem Modell: Er muss auf Prestige („geschäftsführender Gesellschafter“) und auf Einfluss verzichten.

Mit dem Modell der „virtuellen Beteiligung“ umgehen der Unternehmer und der Neugesellschafter aber auch eine Reihe von Nachteilen, die die klassische „echte“ Beteiligung mit sich bringen kann:

Häufig werden bei der „echten“ Beteiligung die Anteile des Unternehmers verwässert, das heißt, die Beteiligungsquote sinkt und der Firmengründer ist nicht mehr alleiniger Entscheider. Er muss sich mit „dem Neuen“ abstimmen und ihm Rechenschaft ablegen, da der Neugesellschafter – auch wenn er oftmals nur Minderheitsgesellschafter ist – rechtlich unentziehbare Mitsprache-, Kontroll- und Einsichtsrechte erhält. Da Firmengründer in aller Regel ihre Stellung absichern wollen, zieht eine „echte“ Beteiligung in der Regel auch eine rechtlich aufwändige Neufassung der Satzung nach sich. Zum Beispiel werden für den Fall der Veräußerung der Gesellschaft sogenannte Mitverkaufspflichten vereinbart, wonach der Neugesellschafter verpflichtet ist, seinen Anteil an einen Erwerber zu verkaufen, der 100 Prozent des Unternehmens erwerben will.

Droht die Zusammenarbeit zwischen dem Senior und dem Neugesellschafter zu scheitern – etwa weil die Chemie nicht stimmt oder die Vorstellungen über die weitere Geschäftsentwicklung auseinander gehen –, enthalten Verträge für eine „echte“ Beteiligung meist eine Hinauskündigungsklausel, die dem Unternehmer die Möglichkeit eröffnet, den Neugesellschafter wieder aus der Gesellschaft auszuschließen. Solche Klauseln sind jedoch rechtlich kompliziert und in ihrer Wirksamkeit umstritten, so dass nicht garantiert werden kann, dass der Unternehmer den Neugesellschafter tatsächlich wieder „los wird“.

Als problematisch könnte sich zudem die Abfindung für den ausscheidenden Neugesellschafter erweisen: Jede Abfindung, die unter dem Verkehrswert liegt, kann erhebliche erbschaft- oder schenkungssteuerliche Folgen für die Gesellschaft oder die Gesellschafter nach sich ziehen Auch sind Vereinbarungen, wonach eine Abfindung unter Verkehrswert zu zahlen ist, bisweilen unwirksam.

Der Chef bleibt Herr im Haus

Kurz gesagt: Für den Unternehmer hat die virtuelle Beteiligung den Vorteil, dass diese Probleme einer echten gesellschaftsrechtlichen Beteiligung weitestgehend entfallen. Er ist nach wie vor alleiniger Gesellschafter. Umfangreiche gesetzliche Mitsprache-, Kontroll- und Einsichtsrechte des virtuellen Gesellschafters bestehen nicht und eine aufwändige, die Stellung des Unternehmers absichernde Neufassung der Satzung ist nicht erforderlich. Zudem hat der Seniorchef, falls er mit dem Nachfolger nicht zufrieden sein sollte, nicht mit dem Problem einer Hinauskündigungsklausel und einer Abfindung unter dem Verkehrswert zu kämpfen.

Auf der anderen Seite hat der virtuell Beteiligte mangels Einlageleistung keine Probleme mit der etwaigen Finanzierung einer Beteiligung. Er trägt also kein finanzielles Risiko und läuft nicht Gefahr, als Minderheitsgesellschafter bezüglich der Gewinnverteilung ausgehungert zu werden, da sich sein Gewinnanspruch nach der vertraglich vereinbarten Regelung richtet.

Autoren: Manfred Elkemann-Reusch, Christofer Mellert, Rechtsanwälte bei Luther

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