Recht + Steuern Macht, Gier und ein Mord: Bo-Prozess gibt Einblick in Chinas Elite

Das Leben von Chinas Politelite ist eigentlich Tabu. Aber nun spült der Prozess gegen den gefallenen Spitzenfunktionär Bo Xilai schmutzige Details aus den Machtzirkeln an die Öffentlichkeit. Es geht um Luxusleben, Intrigen und einen toten Briten.

Es war ein Schlag ins Gesicht, der China bis heute erschüttert. Wie einen ungezogenen Bengel schlug der mächtige Spitzenfunktionär Bo Xilai seinen obersten Polizisten Wang Lijun Anfang vergangenen Jahres. „Ich hatte Blut im Mund“, erinnert sich Wang heute vor Gericht – dabei habe er seinem Chef doch nur pflichtbewusst erzählen wollen, dass dessen Frau den britischen Geschäftsmann Neil Heywood ermordet habe.

„Lügen!“, kontert der 64-jährige Bo am Sonntag bei der Verhandlung im ostchinesischen Jinan. Es sei lediglich eine Ohrfeige gewesen. „Ich bin doch kein Boxer.“ Er habe an die Unschuld seiner Frau geglaubt, hätte aber trotzdem besser mit Wang umgehen müssen.

Anzeige

Tag für Tag dringen neue Details über den größten Skandal in der jüngeren Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas ans Licht. Häppchenweise veröffentlicht das Gericht Verhandlungsprotokolle in Chinas twitterähnlichem Kurzmitteilungsdienst Weibo, während keine ausländischen Journalisten Zutritt zu der Verhandlung haben. In ungewöhnlicher Offenheit bekommt das Milliardenvolk in China plötzlich einen Einblick in die dunkle Seite des Lebens ihrer politischen Machtelite.

Teure Geschenke von befreundeten Geschäftsleuten

Bos Frau Gu Kailai ist blass. Per Video wird eine Erklärung vor ihr bei der Verhandlung gezeigt. Die 54-Jährige sieht erschöpft und verängstigt aus. Nachdem sie bereits vor rund einem Jahr eine Todesstrafe auf Bewährung für Heywoods Ermordung bekam, macht sie ihrem Mann Vorwürfe. Sie erzählt von ihrem Leben an der Seite des mächtigen Politikers, von teuren Geschenken von befreundeten Geschäftsleuten: Da sind eine Luxusvilla in Südfrankreich, Auslandsflüge und ein Segway-Scooter für den Sohn.

Davon habe er nichts gewusst, sagt Bo. Seine Frau habe mentale Probleme und sei „verrückt“. Später sagt er jedoch auch: „Ich habe noch Gefühle für sie. Sie ist so eine zerbrechliche Person.“ Er habe sie betrogen. Daraufhin sei sie mit ihrem gemeinsamen Sohn ins Ausland gegangen. „Mir hat sie nur eine kurze Nachricht dagelassen.“

Im Prozess wird viel schmutzige Wäsche gewaschen

Was für europäische Ohren wie ein klassisches Drama von einem gestürzten Promi klingt, ist neu in China – selbst wenn die Staatsmedien nur am Rande über den Prozess berichten. Die mächtigen Führer im Land werden meist als graue, konturenlose Landesväter porträtiert. Wirkliche Hintergründe zum Leben der Parteielite und ihrer Familien sind tabu – schon gar schmutzige Details. Enthüllungen der „New York Times“ und der Nachrichtenagentur Bloomberg vor rund einem Jahr über gewaltige Vermögen der Familien des damaligen Regierungschefs Wen Jiabao und des heutigen Staatschefs Xi Jinping waren für die KP ein gewaltiger Tabubruch.

Vom Prozess in Jinan dringt nun viel schmutzige Wäsche der Familie Bo nach außen. Etliche Geschäftsleute, Beamte und andere Weggefährten sagen gegen den einst mächtigen Handelsminister und späteren Parteichef von Chongqing aus. Eine direkte Verantwortung für die Unterschlagung von Millionenbeträgen kann ihm die Staatsanwaltschaft nur schwer nachweisen, wie der US-Juraprofessor Donald Clarke schreibt. Allerdings geben sie eine Ahnung davon, wie weit das Netz der Beziehungen und des Einflusses eines hohen Parteifunktionärs in China reicht.

Staatsanwalt fordert harte Strafe

Nach dem Willen der Anklage soll der gestürzte chinesische Spitzenfunktionär Bo Xilai hart bestraft werden. „Der Beschuldigte hat sehr schwere Verbrechen begangen und will seine Verantwortung nicht eingestehen“, sagte ein Staatsanwalt am Montag, dem fünften und letzten Prozesstag, laut Protokollen des Volksgerichtes im ostchinesischen Jinan. Der 64-jährige Bo wies die Vorwürfe erneut scharf zurück. Die Anklage habe viele Zeugen aufgerufen und 90 Ordner mit Material über ihn zusammengestellt. „Aber wie viele dieser 90 Ordner haben überhaupt etwas mit mir zu tun?“ Die Anschuldigungen eines Geschäftsmannes, der die Familie mit teuren Geschenken und Geld für eine Villa in Frankreich bestochen haben will, versuchte Bo auf seine Ehefrau Gu Kailai zu lenken. „Ich habe das wirklich, wirklich nicht gewusst.“

„Die Partei ist sich ihrer Sache sicher“, sagt der Pekinger Politikprofessor Zhang Ming. „Egal wie er sich verteidigt, seine Frau und sein Sohn haben sich bestechen lassen, und damit ist auch er nicht sauber.“ Für den politischen Kommentator Zhang Lifan ist hingegen die Regierungsplanung eines teilweise öffentlichen Verfahrens aus dem Ruder gelaufen. „Ich denke, dass sie einen perfekten Schauprozess inszenieren wollten. Aber Bo hat es ihnen versaut.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...