Wegerisiko Was gilt, wenn Arbeitnehmer wegen Schnee zu spät kommen?
Wegerisiko

© Marco Bottigelli/Moment/Getty Images

Im Winter passiert es immer wieder: Wegen Eis und Schnee kommen Arbeitnehmer zu spät zur Arbeit. Was Arbeitgeber in solchen Fällen über das Wegerisiko, Lohnkürzungen und Abmahnungen wissen sollten.

Spiegelglatte Straßen, dichtes Schneetreiben, Stop and Go auf den Straßen – bei winterlichem Verkehrschaos kommen viele Angestellte, die nicht im Homeoffice arbeiten können, zu spät. Für Arbeitgeber stellen sich dann viele Fragen: Fällt Schnee unter Wegerisiko des Arbeitnehmers oder hat er trotz der Verspätung Anspruch auf Lohn? Muss der Arbeitnehmer die versäumte Zeit nacharbeiten? Und kann der Arbeitgeber eine Abmahnung aussprechen?

Was hat es mit dem Wegerisiko auf sich und welche Ausnahmen gelten?

Grundsätzlich trägt der Arbeitnehmer das sogenannte Wegerisiko: Er muss selbst dafür sorgen, dass er rechtzeitig von seinem Zuhause aus zum Arbeitsort gelangt. Kommt er zu spät, darf der Arbeitgeber den Lohn für die nicht gearbeitete Zeit einbehalten.

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Die einzige Ausnahme nach Paragraf 616 Absatz 1 BGB: Hindert ein “in seiner Person liegender Grund” den Arbeitnehmer ohne sein Verschulden kurzfristig daran, seine Arbeit zu tun, muss der Arbeitgeber den Lohn zahlen.

Ein solcher Grund kann beispielsweise ein Verkehrsunfall auf dem Weg zur Arbeit sein, der dazu führt, dass der Mitarbeiter zu spät kommt. Auch ein Todesfall im engsten Familienkreis, die eigene Hochzeit oder ein Arztbesuch rechtfertigen das Fernbleiben vom Arbeitsplatz.

Mehr dazu hier: Sonderurlaub: Wann müssen Arbeitgeber Mitarbeiter bezahlt freistellen?

Kann der Arbeitgeber den Lohn kürzen, wenn Mitarbeiter wegen Schneechaos zu spät zur Arbeit kommen?

Kommt ein Mitarbeiter wegen schlechten Wetters zu spät oder gar nicht zur Arbeit, ist das kein “in seiner Person liegender Grund” – folglich hat er keinen Anspruch auf Lohn. Das hat das Bundesarbeitsgericht bereits 1982 entschieden (Az. 5 AZR 283/80).

Im konkreten Fall hatten heftige Schneefälle mit Schneeverwehungen dazu geführt, dass Straßen teilweise gesperrt wurden. Daher konnte der Arbeitnehmer, ein Konstrukteur, nicht zur Arbeit kommen. Sein Chef bot ihm an, die ausgefallene Zeit nachzuarbeiten oder Urlaub zu nehmen. Das jedoch lehnte der Konstrukteur ab und klagte bis zum Bundesarbeitsgericht – ohne Erfolg: Da der Schnee alle Menschen in der Region betroffen habe, habe kein in der Person des Arbeitnehmers liegender Hinderungsgrund vorgelegen, urteilten die Richter.

Bevor Arbeitgeber einem Mitarbeiter wegen Verspätung den Lohn kürzen, sollten sie jedoch im Tarifvertrag prüfen, ob dort explizit abweichende Regelungen für diesen Fall festgelegt sind.

Kann der Arbeitgeber Mitarbeiter zwingen, die versäumte Zeit am selben Tag nachzuarbeiten?

Der Arbeitgeber kann nicht verlangen, dass ein verspätet eingetroffener Mitarbeiter am selben Tag länger arbeitet. Schließlich können nicht alle Arbeitnehmer ihren Feierabend spontan nach hinten schieben – etwa wenn sie mit anderen eine Fahrgemeinschaft bilden oder Kinder aus der Kita abholen müssen. In diesem Fall kann der Arbeitgeber aber den Lohn kürzen.

Welche Vorkehrungen müssen Arbeitnehmer treffen, um eine Verspätung zu vermeiden?

Grundsätzlich gilt beim Wegerisiko: Die Verzögerung auf dem Arbeitsweg gilt als vorhersehbar, wenn sie mindestens 24 Stunden vorher bekannt ist. Dann muss der Arbeitnehmer alles Zumutbare tun, um pünktlich bei der Arbeit zu sein – zum Beispiel morgens früher losfahren, wenn in einer längeren Kälteperiode Schnee und Eis den Verkehr behindern.

Welche Mühen Angestellte im Einzelnen auf sich nehmen müssen, entscheiden die Gerichte im Einzelfall: Früheres Aufstehen, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, gilt als zumutbar. Im Hotel übernachten muss aber kein Arbeitnehmer, um seinen Dienst pünktlich antreten zu können.

Kann der Arbeitgeber eine  Abmahnung aussprechen, wenn ein Mitarbeiter wegen Schneechaos zu spät kommt?

Grundsätzlich können Arbeitgeber Angestellte abmahnen, wenn sie zu spät zur Arbeit kommen. Allerdings gilt das nur in Extremfällen: etwa wenn ein Mitarbeiter an aufeinanderfolgenden Tagen ohne Absprache mehrere Stunden zu spät kommt und das jedes Mal wieder mit dem Wintereinbruch rechtfertigt.

Nicht planbare Ereignisse wie plötzlich einsetzender starker Schneefall rechtfertigen übrigens nach gängiger Rechtsprechung niemals eine Abmahnung.

Mehr zum Thema: Abmahnungsgründe: So nicht! 9 Gründe für eine Abmahnung 

Wie kann man das Thema Verspätung bei Schneechaos im Unternehmen gütlich regeln?

Unabhängig von dem, was Gerichte entscheiden, ist es für Arbeitgeber in Situationen wie dieser häufig ratsamer, vorher mit ihren Mitarbeitern zu reden, als hinterher auf das Gesetz zu pochen. So lassen sich oft einvernehmliche Lösungen finden, die allen im Unternehmen nutzen: Die Mitarbeiter könnten beispielsweise die durch das Schneechaos verlorene Zeit später nacharbeiten, Überstunden abbauen oder gleich von vornherein von zu Hause aus arbeiten, falls das möglich ist.

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8 Kommentare
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    Frank Oldenbürger 13. Februar 2021 19:56

    Mich würde interessieren wie es mit einem Dienstfahrzeug aussieht.
    Mein Arbeitgeber ist der Meinung, dass das Wegerisiko immer noch beim Arbeitnehmer liegt, obwohl wir Service Techniker von Zuhause aus los fahren und die Kundendienstwagen nicht privat genutzt werden dürfen.
    In Anlehnung an ein entsprechendes EuGH Urteil, in dem klar gestellt wurde, dass Fahrzeit gleich Arbeitszeit ist, müsste das nach meiner Rechtsauffassung auch so sein, dass das Risiko beim Arbeitgeber liegt.
    Wäre schön, wenn jemand was dazu schreiben könnte.

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    Cathrin 9. Februar 2021 18:07

    Gleiches wie Emma würde mich auch interessieren.
    Hier gestaltet sich die Lage ebenso.

    Der ÖPNV ist komplett zum Erliegen gekommen, weder Straßen noch Gleise sind geräumt. Einige wagemutige (oder eher tollkühne?) Autofahrer trauen sich auf die Straßen.

    Einen PKW besitze ich nicht. Ein Paar gesunde Beine schon, aber auch die bedanken sich bei -7° (morgen sogar -15°!?!) und anderthalb Stunden für eine Strecke zu Fuß. Selbst die wärmste Winterkleidung hält nicht auf Dauer so warm.

    Unser Chef hat uns zudem mehr als deutlich zu verstehen gegeben das er keinerlei Toleranz für Verspätungen oder das Fernbleiben bei solcher Witterung hat.
    Fraglich ist aber ob meine Stellung als Azubi wirklich solchen Mehrwert für den Betrieb hat um mich dem ganzen erneut auszusetzen?

    Gibt es denn für sowas gar keine Regelungen?

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    Ilka 9. Februar 2021 07:49

    Menschen, die nur mit einem Rollator unterwegs sein können, gehen bestimmt nicht mehr arbeiten – oder?

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    Emma 8. Februar 2021 16:44

    Hier ist heute, wegen Glatteis gar nichts gefahren (Bus und Bahn). Der Arbeitgeber meinte, ich könnte zu Fuß gehen (teilweise kein Fußweg vorhanden, bergig, immer an der Straße und fast durchgehend glatt…inkl. nicht geräumter und glatter Straßen und jeder Menge Autos die quer stehen.).
    Ich musste einen Tag Urlaub nehmen und es herrscht dicke Luft. Ich wäre ja gekommen, aber kein Bus fährt (45 Minuten Weg) und zu Fuß siehe oben. Kein Kollege hat es zur Arbeit geschafft, nur der Chef. Der wohnt direkt an der Firma. Und der ist sauer auf mich.
    Ich wohne ländlich, er in der Stadt, ist mein Problem der Weg zur Arbeit. Ich versuche ihm nur zu verstehen zu geben, dass ich eben nicht kommen kann, weil ich eben nicht “auf der Arbeit” wohne, wie er…sondern jwd.

    Was muss ich noch tun, außer es versuchen (Taxi fährt nicht, Auto kommt nicht vom Hof/Parkplatz, Kollegen konnten mich nicht mitnehmen, weil sie auch nicht konnten, Busse fahren nicht und 2 Stunden normaler Fußweg sind bei durchgehend Glatteis ohne Fußgängerweg lebensgefährlich…).
    Ich verstehe meinen Arbeitgeber und doch frage ich mich, wer mich versteht und was rechtlich möglich ist. Morgen soll es auch so sein. Mhm, bis morgen habe ich keine Flügel…aber wohl Schneeketten für die Schuhe. Trotzdem Lebensgefahr (Landstraße…)…muss ich das wirklich machen?

    Kann ich abgemahnt werden? Oder, die Azubis in der Probezeit gekündigt werden?

    Danke.
    Emma ( Minus 11 °C, der Schneeräumdienst kommt nicht hinterher inkl. der Glatteisentfernung…)

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    Albert 8. Februar 2021 07:08

    Wie sieht es bei gehbehinderten Menschen mit dem Wegerisiko bei Schneechaos aus?

    Bei der derzeitigen allgemein bekannten Unwetterwarnungen und dem tatsächlichen starken Schneefällen von 30 bis 40 cm Neuschnee ist alle schwer im Schnee zu gehen.

    Mit einem Rollator würde ich nun im Schnee stecken bleiben und nicht weiter kommen. Alternativ mit einer Gehhilfe kann ich nur auf relativ kurzen Strecken. Die Sturzgefahr wäre auch sehr hoch, da ich nicht erkennen kann, was unter dem Schnee evtl. Glatteis oder Hindernissen liegt.

    Ich versuche mir frei zu nehmen.

    Eine Sonderregelungen für behinderte Menschen bei solchen Unwetterfällen wäre sinnvoll.

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    René 8. Februar 2021 02:47

    Hallo Liebe Traute,

    So wie ich es kenne, ist der Arbeitsweg immer versichert. Das gilt aber erst ab der Haustür.
    Sprich, lebst du in einem Mehrfamilienhaus und rutscht auf der Treppe von der Wohnungs- zur Haustür aus, ist es nicht versichert. Ab der Haustür ist der Arbeitsweg durch die BG versichert.

    Gruß,
    René

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    Meep 7. Februar 2021 18:26

    Grundsätzlich gibt es eine räumungspflicht für schnee besonders wenn Bürgersteig vor dem Haus steht, da sonst alle gefährdet sind die zufuss unterwegs sind. Also schnee schieben ist angesagt selbst bei Homeoffice.

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    Traute 4. Februar 2021 10:14

    Was würde passieren wenn ich z.B. Schnee schieben muss um die Ausfahrt meiner Tiefgarage frei zu machen damit ich mit dem Auto auf Arbeit losfahren kann aber dabei ausrutsche und mich verletze? Wenn ich nicht auf Arbeit gehen müsste, würde ich auch kein Schnee schieben müssen und würde mich auch nicht dabei verletzen. Würde das als Arbeitswegunfall zählen?

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