Recht + Steuern „Jetzt soll Schwarz-Grün regieren – das wäre charmant“

Die FDP galt mal als Partei der Unternehmer – doch die sind kein bisschen traurig über das Aus der Liberalen. Was Gründer und Familienunternehmer aus ganz Deutschland zum Wahlergebnis sagen - und welche Koalition sie sich jetzt wünschen.

 
 

Carl-Jürgen Brandt, Brandt-Zwieback, Hagen

Anzeige

Carl-Jürgen Brandt, 67, führt eines der bekanntesten deutschen Familienunternehmen: Brandt Zwieback-Schokoladen. Hauptsitz der Firma ist Hagen

„Auch wenn mir das liberale Element im Bundestag fehlen wird – wirklich überraschend ist das Aus der FDP für mich nicht. Zu eindimensional ist die Partei geworden. Im Jahr 2013 Mindestlöhne zu verteufeln wirkt überholt. Es geht doch um beides: Anreize für die Leistungsbereiten setzen und gleichzeitig die Gesellschaft, die Armen und die Reichen, zu versöhnen. Ich wünsche mir jetzt eine Große Koalition – mit Herrn Steinbrück als Finanzminister. Schwarz-Grün wäre nicht gut für unser Land, denn die Grünen rund um Jürgen Trittin und Claudia Roth würden uns viel zu sehr bevormunden.“
 

Carl-Jürgen Brandt stellt etwas her, das jedes Kind in Deutschland kennt: den berühmten Brandt-Zwieback. Das Familienunternehmen beschäftigt 800 Mitarbeiter. Der Umsatz von „Brandt Zwieback Schokoladen“ liegt bei 200 Millionen Euro.

 
 
 
Valerie Bönström, Mrs Sporty, Berlin

Valerie Bönström, Mrs. Sporty Berlin

„Frau Merkel hat nun die Möglichkeit, in ihrer dritten Amtszeit wirklich etwas für Deutschland zu tun. Sie braucht keine Politik mehr zur Wiederwahl zu betreiben sondern könnte die Chance nutzten, die Dinge anzugehen, die für Deutschland langfristig wirklich wichtig sind.

Zum Beispiel die Frage, was die demografische Entwicklung für uns bedeutet. Ist unser Sozial – und Krankenversicherungssystem gewappnet für eine Welle Bedürftiger, die immer länger deren Dienste in Ansprüche nimmt? Wer finanziert das, wenn die junge arbeitende Bevölkerung prozentual stark abnimmt? Wenn wir in 15 Jahren den gleichen Lebensstandard genießen wollen, muss jemand heute Entscheidungen treffen, die nicht nur auf Morgen sondern vor allem auf Übermorgen ausgerichtet sind.“
 

Valerie Bönström ist Mitgründerin der Frauen-Fitnesskette Mrs Sporty, zu der 550 Clubs gehören. Die Mutter von drei Kindern hat Informatik studiert, arbeitete für IBM und setzte später noch einen MBA obendrauf. Kein Wunder, dass sie das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie besonders umtreibt.

 
 
 
Tim Renner, Motor Entertainment, Berlin

Tim Renner

„Wenn die Kanzlerin Mut hätte, würde sie jetzt die CSU durch die Grünen ersetzen – rechnerisch würde das für eine Regierungsmehrheit reichen. Was die FDP angeht: Da wurden meine Gebete erhört! Die Leute, die Geschenke von den Liberalen wollten, haben sie in der letzten Legislaturperiode bekommen, jetzt entsorgen sie die Partei.

Fast ist es schade, dass es nicht für die absolute Mutti-Mehrheit gereicht hat. Dann müsste die CDU mal zeigen, ob sie etwas drauf hat. Für die SPD wäre eine Große Koalition ein Riesenfehler – die Sozialdemokraten begeben sich besser nicht ein zweites Mal in die Hände von Merkel, wenn es ihnen nicht wie beim letzten Mal ergehen soll.“
 

Tim Renner ist Gründer und Geschäftsführer der Firmengruppe Motor Entertainment, die Musik produziert und vermarktet. Bekannt wurde er als Deutschlandchef von Universal. Er verließ den Konzern, um den digitalen Wandel seiner Branche selbst zu gestalten. Sein aktuelles Facebook-Foto zeigt ihn in Peer-Steinbrück-Pose: mit Mittelfinger.

 
 
 
Martin Herrenknecht, Herrenknecht, Schwanau (Baden-Württemberg)

herrenknecht_620

„Wenn die SPD jetzt vernünftig ist, wird sie selbst die richtigen Programmpunkte und Personen dafür ins Rennen schicken. Immerhin hat die Agenda 2010 von Bundeskanzler Schröder Deutschland schon einmal den entscheidenden Impuls für Fortschritt gegeben. Das Konzept der massiven Umverteilungspolitik zieht nicht, die überwiegende Zahl der Deutschen sieht das Land auf einem guten Weg.

Mit ihrem fantastischen Ergebnis können Angela Merkel und die CDU auf breite Unterstützung der Bevölkerung zählen, jetzt noch mehr Reformen voranzutreiben, die unsere Wirtschaft im globalen Wettbewerb schlagkräftig hält und unsere Gesellschaft in den wesentlichen Punkten sozial absichert. Leistung muss sich lohnen, dann geht es dem ganzen Land gut.

Dass wir in Europa die Zügel weiter eng anlegen müssen und bei der Überwindung der Euro-Krise klar zu Sache gehen müssen, dafür steht Angela Merkel und dafür hat sie von den Deutschen am Sonntag auch breite Unterstützung bekommen. Deutschland sollte unter der Kanzlerin Merkel bei der Restrukturierung der Finanz-, Steuer- und Haushaltspolitik der EU eine starke Rolle spielen und klare Anreize herausarbeiten, wie die notleidenden Länder wieder zu solider Wirtschaft und die jungen Leute in Europa zu sicheren Arbeitsplätzen zurückfinden.“
 

Martin Herrenknecht ist einer der bekanntesten Unternehmer Deutschlands. Der von ihm gegründete Maschinenbauer beschäftigt 5000 Mitarbeiter, macht mehr als 1,1 Milliarden Euro Umsatz und ist vor allem für seine Tunnelbohrmaschinen bekannt. Kürzlich erhielt Herrenknecht den Deutschen Gründerpreises für sein Lebenswerk.

 
 
 
Barbara Wohanka, Wohanka, Obermaier & Kollegen, Geisenhausen (Bayern)

Barbara Wohanka, Gründerin von Wohanka, Obermaier & Kollegen GmbH.

„Gott sei Dank haben die Wähler die Euro-Gegner an der 5-Prozent-Hürde scheitern lassen. Mein Tipp ist eine Große Koalition. Interessant wird, wie sich die nächste Koalitionsregierung aus der Seehoferschen Straßenmaut-Falle herauswinden wird.

Ob das Ergebnis gut oder schlecht für Deutschland ist, mag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen. Sicherlich nehmen viele Unternehmer und Mittelständler das Ergebnis der Liberalen mit Bedauern zur Kenntnis. Doch als Unternehmer weiß man, dass Krise auch ein produktiver Zustand ist.“
 

Barbara Wohanka führt die von ihr gegründete Übersetzungsagentur Wohanka & Kollegen mit rund 180 Mitarbeitern und Standorten in Deutschland, Frankreich und England. Politisch ist sie in ihrer Heimat Bayern eine Ausnahmeerscheinung: Sie steht einem SPD-Ortsverein vor.

 
 
 
Benjamin Vahle, Boost Project, Berlin

Benjamin Vahle, Boost-Project

„Der haushohe Sieg der Union zeigt, dass es einem Großteil der Deutschen derzeit ganz gut zu gehen scheint. Darauf verweist auch die Kanzlerin stets sehr gerne, doch darf dies nicht dazu führen, dass die Regierung sich in eine zufriedene Lethargie begibt.

Große Herausforderungen, wie die Energiewende und der demografische Wandel, sind nach wie vor ungelöst. Ein weiteres Beispiel ist der in den letzten Jahren viel zu kurz gekommene Breitbandausbau. Nicht nur für die IT-Branche sondern für die Zukunftsfähigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft wird es in absehbarer Zukunft essenziell sein, dass die Internetinfrastruktur mit Glasfaserkabeln ausgebaut wird, um die rapide steigenden Datenmengen bewältigen zu können.

Von der neuen Regierung wünsche ich mir in erster Linie, dass sie sich nicht nur mit dem Wind dreht, sondern mit großer Tatkraft auch mutige Reformen angeht, um unsere und die Zukunftsfähigkeit kommender Generationen zu sichern.“
 

Benjamin Vahle hat in Hamburg ein Internetportal für Schiffsreisen geleitet und gründete dann in Berlin das soziale Unternehmen Boost. Auf der Onlineplattform (www.boost-project.com) kann jeder Konsument mit nur einem Klick beim Einkaufen gemeinnützige Organisationen unterstützen.

 
 
 
Fabian Siegel, Global Founders Capital, München

Fabian Siegel , Co Gründer des Bezahldienstes Click-and-Buy und jetzt Partner von Global Founders Capital

„‚Never change a winning team‘ haben sich die Deutschen gedacht. Wie bei der Großen Koalition konnte sich der kleinere Koalitionspartner nicht von Merkel emanzipieren. Das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag ist selbstverschuldet: Die Liberalen müssten für freiheitliche Politik, Bürgerrechte und Unternehmertum stehen. Stattdessen ist sie eine Klientel-Partei, die dann noch nicht einmal liefert, was sie verspricht – eine leere Hülle. Es gibt in Deutschland genügend Wähler, die eine liberale, auf Bürgerrechte fokussierte Politik wollen – nur wählen die eher Grün. Für eine fortschrittliche, zukunftsorientierte Politik plädiere ich daher für Schwarz-Grün.“
 

Fabian Siegel ist Partner bei Global Founders Capital, wo er gemeinsam mit Oliver Samwer 150 Millionen Euro Risikokapital in viel versprechende Startups investiert. Zuvor hat er in den USA und Deutschland selbst mehrere Startups gegründet und aufgebaut, darunter den Bezahldienst Click-and-Buy sowie Delivery Hero, einen globalen Onlinedienst für Essensbestellungen.

 
 
 
Mathis Menzel, Menzel Elektromotoren, Berlin

Mathis Menzel

„Wegen mir ist die FDP rausgeflogen: Ich habe die Partei zum ersten Mal nicht gewählt. Die Partei hat es nicht anders verdient. Sie bietet keinen Mehrwert und der Wahlkampf war dämlich: Pauschal „Steuern runter“ zu rufen ist genauso falsch wie pauschal „Steuern hoch“ zu schreien. Worüber gar nicht gesprochen wurde: Wie soll dieses Land im Jahr 2030 aussehen? Wie schaffen wir es, dass sich Leistung lohnt und gleichzeitig niemand durch das Raster fällt? Auch wenn ich kein Mindestlohn-Fan bin: Es ist doch klar, dass jeder von seiner Hände Arbeit seine Familie ernähren können muss.

Jetzt soll Schwarz-Grün regieren! Das wäre charmant, ich hoffe, dass sich der Realo-Flügel der Grünen durchsetzt und die Partei sich das traut. Und wenn es eine Große Koalition gibt, ist das auch kein Drama: Das muss nicht das Schlechteste sein, wie wir beim letzten Mal erlebt haben. Gut, dass die Anti-Euro-Partei draußen geblieben ist, ein Ausstieg aus dem Euro wäre wirtschaftlicher Selbstmord für Deutschland.“
 

Mathis Menzel ist Chef von Menzel Elektromotoren, einer echten Fabrik mitten im de-industrialisierten Berlin. Das Traditionsunternehmen entwickelt und produziert Gleichstrom-, Hochspannungs- und Schleifringläufermotoren und liefert sie in die ganze Welt.

 
 
 
Dagmar Bollin-Flade, Bollin Armaturenfabrik, Frankfurt

Dagmar Bollin-Flade , Geschäftsführende Gesellschafterin der Christian Bollin Armaturenfabrik in Frankfurt

„Es ist schon traurig, dass eine so alte, traditionsreiche Partei wie die FDP von ihrer Führung in so ein Desaster geführt wurde. Da fehlte wohl das Bewusstsein, dass man Macht nicht gepachtet hat – man muss sie sich erarbeiten. Mitleid habe ich jedenfalls keines. Ob jetzt Schwarz-Grün kommt oder die Große Koalition, wichtig ist vor allem, dass die Wirtschaft nicht abgewürgt wird, denn dann könnten wir alle anderen Pläne gar nicht finanzieren. Investitionen in die Infrastruktur sind schließlich dringend nötig.

Das wichtigste Thema für die nächsten Monate sollte die Energiewende sein: Unternehmen und Haushalte müssen wissen, woran sie sind. Strom muss für alle bezahlbar bleiben, sonst kriegen wir ein echtes Problem. Und die Steuern für die Arbeitnehmer sollten so gestaltet sein, dass Lohnerhöhungen auch bei den Mitarbeitern ankommen und nicht gleich wieder vom Finanzamt einkassiert werden.“
 

Dagmar Bollin-Flade lenkt die Frankfurter Bollin Armaturenfabrik, die ihr Großvater 1924 gegründet hat. Ein Team aus 30 Mitarbeitern sorgt dafür, dass die Fabrik Weltmarktführer in ihrem Segment bleibt. Seit Jahren streitet Bollin-Flade für die Interessen des Mittelstands.

 
 
 
Fotos: Werner Schuering und Falk Heller für impulse, Unternehmen

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...