Recht + Steuern Wie Mittelständler von der Reform der Wirtschaftsprüfer profitieren

Die EU-Kommission will das Oligopol der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften brechen. Auch die nicht kapitalmarktorientierten Mittelständler werden dann wohl stärker von den Firmen umworben, erläutert Betriebswirtschaftsprofessor Joachim Faß.

In die ehemals beschauliche Branche der Wirtschaftsprüfer ist ordentlich Bewegung gekommen. Und das zu Recht. Schon im vergangenen Jahrzehnt führten spektakuläre Bilanzskandale bei Enron, WorldCom, Flowtex und vielen anderen Krisenunternehmen zu kritischen Fragen an die Prüfer und Änderungen des Berufsrechts.

Durch die Finanzkrise gerieten die Abschlussprüfer erneut ins Visier der Öffentlichkeit; weiterer Reformbedarf wurde deutlich. Nun erhöht Brüssel die Schlagzahl gewaltig, um die Qualität der Abschlussprüfung anzuheben. Fraglich ist, welche Konsequenzen sich für die mittelständischen Prüfungsmandanten aus diesen Vorschlägen ergeben.

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Im Oktober 2010 wurde ein so genanntes Grünbuch mit Anregungen zur Verbesserung der Abschlussprüfung veröffentlicht. Fast 700 Stellungnahmen aus der Fachwelt zeugen von der Brisanz der Reformvorschläge. Im November 2011 hat die EU-Kommission unter Binnenmarktkommissar Barnier Entwürfe einer geänderten Abschlussprüfungsrichtlinie und einer Verordnung zu den speziellen Anforderungen an die Abschlussprüfung bei Unternehmen von öffentlichem Interesse vorgelegt.

Neben der allgemeinen Zielsetzung des Brüsseler Vorstoßes, die Qualität der Abschlussprüfung zu verbessern, soll das Oligopol der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gebrochen werden. Nach den Erhebungen der EU-Kommission werden in den meisten Mitgliedstaaten mehr als 85 Prozent der großen börsennotierten Unternehmen von einer der vier beherrschenden Gesellschaften im Markt (PWC, KPMG, Ernst & Young, Deloitte) geprüft. Aus der Vielzahl der Reformvorschläge sind es neben der strikten Trennung von Prüfung und Beratung vor allem die geplanten Maßnahmen zum Prüferwechsel, die den Unmut der Branchengiganten erregt haben.

Bei der Prüfung von Unternehmen von öffentlichem Interesse soll die Laufzeit eines Prüfungsmandates – im Regelfall – auf maximal sechs, bei gemeinsamen Prüfungen (joint audits) auf neun Jahre begrenzt werden. Ziel ist die Öffnung des Großprüfungsmarktes für mittelständische Prüfungsgesellschaften. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass diese Zielgruppe in den Reformbestrebungen aus Brüssel eine Möglichkeit sieht, den Wettbewerb im Prüfungssegment der börsennotierten Unternehmen in ihrem Sinne anzukurbeln und verkrustete Strukturen aufzubrechen.

Aus Sicht der Marktführer sprechen vor allem der Verlust an unternehmensspezifischem Knowhow, die Einarbeitungskosten für neue Prüfer sowie die erhöhte Fehleranfälligkeit bei Prüfungen in den ersten Jahren nach Übernahme eines Mandates gegen die externe Rotation.
Über manche Instrumente, die geeignet sein könnten, Risiken der geplanten Neuregelung abzumildern, muss vielleicht erst einmal in Ruhe nachgedacht werden. Beispielsweise soll nach dem Verordnungsentwurf aus Brüssel der bisherige Abschlussprüfer bei einem anstehenden Prüferwechsel verpflichtet werden, den neuen Abschlussprüfer durch einen „Übergabebericht“ so umfassend zu informieren, dass eine Kontinuität der Abschlussprüfung sichergestellt ist. Es wäre interessant, sich mit der inhaltlichen Gestaltung eines solchen Berichtes auseinanderzusetzen.

Die Berichterstattung könnte durch verpflichtende Konsultationen der bisherigen und neuen Abschlussprüfer in zeitlicher Nähe zum Prüferwechsel ergänzt werden. Die Risiken aus dem befürchteten Verlust an unternehmensspezifischem Knowhow mit der Folge erhöhter Fehleranfälligkeit in den ersten Jahren der Prüfung ließen sich dadurch reduzieren.
Die Prüfungskosten werden durch eine externe Pflichtrotation bei Unternehmen von öffentlichem Interesse sicherlich steigen. Klar ist aber auch, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Prüfungsqualität nicht umsonst zu haben und mögliche Folgekosten fehlerhafter Testate ungleich höher sind. Betrachtet man zudem den Anteil der Prüfungskosten an den gesamten operativen Kosten der zu prüfenden Unternehmen, relativiert sich das Kostenargument erheblich.

Konsequenzen für mittelständische Prüfungsmandanten

Auch die nicht kapitalmarktorientierten Mittelstandsunternehmen werden künftig stärker von den Abschlussprüfern umworben werden. Schon früher gab es gezielte Mittelstandsinitiativen der Großprüfungsgesellschaften, die teilweise mit erheblichen Preisnachlässen verbunden waren, um im renditestärkeren Beratungsgeschäft Fuß zu fassen. Der Druck auf die Preise dürfte allerdings geringer ausfallen, wenn es zu einer strikteren Trennung von Prüfungs- und Beratungsleistungen als in der Vergangenheit kommt.

Im Hinblick auf die mögliche Entwicklung der Prüfungshonorare ist eine weitere Regelung des Brüsseler Richtlinienentwurfs interessant, wonach bei Klein- und Mittelbetrieben vereinfachte Prüfungen („skalierte Prüfungen“) zulässig sein sollen. Zwar ist der Ansatz nicht neu, aber er hat durch die Brüsseler Initiative neuen Schwung erhalten. Ohne die Qualität des Prüfungsurteils zu beeinträchtigen, ermöglicht das Konzept beispielsweise den Verzicht auf zahlreiche Dokumentationspflichten, die an der Prüfung von Großunternehmen ausgerichtet sind. Der verringerte Arbeitsaufwand auf Prüferseite kann zu einer Reduktion der Prüfungshonorare führen. Vor diesem Hintergrund haben die mittelständischen Unternehmen keinen Grund, die Reformbemühungen aus Brüssel mit Sorge zu betrachten.

Autor: Joachim Faß, Professor für Betriebswirtschaft und Recht an der Hochschule Aschaffenburg

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