Recht + Steuern Wunsch und Wirklichkeit bei Gewinnvorgaben

2010 war ein prima Jahr für Handwerk und Handel - sagt das Finanzamt. Mancher Firmenchef sieht das anders und muss bei miesen Zahlen auch noch mit Betriebsprüfern rechnen.

Was haben Bestatter und Pizza­bäcker gemeinsam? Sie profitierten 2010 vom Aufschwung und verdienten besser als im Vorjahr. Das behauptet jedenfalls das Bundes­finanzministerium. Es hat jetzt neue Gewinnvorgaben für 74 Branchen aus Handel, Handwerk und Gastronomie veröffentlicht. Diese „Richtsatzsammlung“ haben die Betriebsprüfer vom Finanzamt unterm Arm, wenn sie bei den Unternehmern auf der Matte stehen. „Für die Prüfer ist das eine klare Richtschnur, wo sie ­genau hinsehen müssen“, sagt Marc Löhndorf, Steuerberater bei der Kanzlei VRT in Bonn.

Die neue Richtsatzsammlung malt ein rosiges Bild: In 21 Branchen geht der Fiskus davon aus, dass der Rohgewinn – also die positive Differenz zwischen Wareneinsatz und Umsatzerlösen – gestiegen ist, beim Rest soll er mindestens konstant geblieben sein. Das ­bedeutet: Wer mit seinem Klein- oder Mittel­betrieb 2010 nur einen mageren Gewinn erwirtschaftet hat oder gar mit Verlusten abschließen musste, kann mit einer intensiven und liebevollen Prüfung seiner Jahresabschlüsse rechnen. Denn in den Händen versierter Steuerprüfer sind die jährlich von der Finanzverwaltung herausgegebenen Richtsätze eine scharfe Waffe. Die Zahlen dienen den Beamten, um Gewinne zu verproben und – wenn es hart auf hart kommt – zu schätzen.

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Die Logik der Betriebsprüfer: Unternehmer, die keinen Ertrag im vorgegebenen Rahmen schaffen, stehen pauschal unter Verdacht, im Rechnungswesen geschlampt oder Gewinne verschwiegen zu haben. Und dann geht es ans Eingemachte: hochnotpeinliche Prüfungen, Gewinnzurechnungen, Steuernachforderungen. „Nur gut vorbereitete Firmen überstehen eine solche Steuerinquisition ohne größeren Schaden“, sagt Steuerberater Löhndorf.

Auf der Sonnenseite der Konjunktur

Vorausschauende Unternehmer warten nicht, bis die Steuerprüfer vor der Tür stehen. Sie nehmen die aktuellen Richtsätze und vergleichen sie mit dem eigenen Jahresabschluss 2010. Im vergangenen Jahr müssten vor allem Betriebe aus dem Handel besser verdient haben, glaubt das Finanzamt. Die Beamten gehen davon aus, dass die Händler im Vergleich zu 2009 ein bis zwei Prozent vom Umsatz mehr als ­Gewinn einstreichen konnten. Zum Beispiel im Lederwareneinzelhandel (Durchschnitts­gewinn 15 Prozent vom Nettoumsatz), im Uhren-/Schmuckfachhandel (18 Prozent) oder im Schuhfachhandel (13 Prozent).

Bei dieser Erkenntnis gehen aber nicht alle mit. „Ich halte die Zahlen für deutlich zu hoch“, sagt Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung in Köln. Laut seinem Betriebsvergleich hätten die teilnehmenden Firmen im Durchschnitt allenfalls Gewinne im niedrigen einstelligen Prozentbereich erzielt.

Auf der Sonnenseite der Konjunktur sieht die Finanzverwaltung auch die Autowerkstätten (14 Prozent Durchschnittsgewinn vom Nettoumsatz), Glas- und Gebäudereiniger (14 Prozent) oder Pizzerien (21 Prozent). Amtlich schlechter geht es praktisch keinem Mittelständler: Andere Branchen sollen laut Tabelle ihr Gewinnniveau gehalten haben.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn nicht überall ist der Aufschwung angekommen. „Wir kämpfen seit mehreren Jahren verzweifelt um einen Rest vom früheren Gewinn“, klagt der Inhaber einer Druckerei in Hessen. Firmenchefs wie er, die die amtlichen Vorgaben reißen, sollten die Ursachen erforschen und dokumentieren.

Gründe gibt es genug: Das kann neue Konkurrenz ebenso sein wie ein allzu forscher ­Wareneinkauf, der nur mit hohen Kalkulationsabschlägen an den Kunden gebracht werden konnte. Sonderabschreibungen im Anlagevermögen, der Verlust größerer Aufträge, Anlaufverluste für die Eroberung neuer Märkte oder ein neues Sortiment können einen Unternehmer nachvollziehbar in die Miesen stürzen. „Wer das in seinen Unterlagen parat hat“, sagt Berater Löhndorf, „kann auch die kritischsten Fragen penibler Prüfer kontern.“

Die können eher kommen, als manchem lieb ist. Die Richtsätze werden auch in den Veranlagungsstellen des Finanzamts verwendet; Sachbearbeiter checken, ob die frisch eingereichten Jahresabschlusszahlen im Rahmen der Tabellen liegen. Finden sie zu niedrige Gewinne, melden sie das ihren Kollegen von der Betriebsprüfung. Das bedeutet zwar keine sofortige Prüfung, doch die Firma kommt ziemlich sicher in den Topf, aus dem in den nächsten Jahren die Prüfungskandidaten gezogen werden.

Der Prüfer und die Papierhalskrausen

Die meisten Betriebe hoffen dennoch, dass der Zufall sie nicht treffen wird. Nach der neuesten offiziellen Statistik werden Mittelständler alle 15 Jahre einmal geprüft, kleine Betriebe sogar nur alle 29 Jahre. „Darauf sollte man sich aber keinesfalls verlassen“, warnt Michael Bormann, Steuerberater und Partner bei der Berliner Kanzlei BDP. „Besser ist es, mit allen Eventualitäten zu rechnen.“ Denn die Kontrolleure nehmen manchmal verschrobene Plausibilitäts­kontrollen vor. So verproben sie den Umsatz ­eines Herrenfriseurs anhand der eingekauften Papierhalskrausen, und bei sehr geringen Gewinnen fragen sie kritisch, wovon die Unternehmerfamilie eigentlich lebt.

Wer keine Reserven vorweisen kann, wird verdächtig, Schwarzumsätze zu machen – sodass der Prüfer sich noch tiefer in die Zahlen verbeißt. „Bloß nicht vom Betriebsprüfer mit den Gewinnrichtsätzen ins Bockshorn jagen lassen“, empfiehlt Bormann. „Bei einer korrekten Buchführung kann er die Tabellen ruhig stecken lassen.“

Das ist amtlich: Die Richtsätze des Finanzamts

So ist die Tabelle zu lesen: Ein Lederwaren-Einzelhändler verkauft beispielsweise seine Taschen, Koffer und Accessoires mit einem Aufschlag auf den Wareneinsatz von 67 bis 127 Prozent. Dann müsste er einen Gewinn von 5 bis 26 Prozent des Umsatzes ohne Mehrwertsteuer erzielen, im Mittel erwartet das Finanzamt 15 Prozent.

Branche

Rohgewinnaufschlag auf Materialeinsatz in Prozent Reingewinn in Prozent vom Umsatz* 
 

Spanne

Mittel

Spanne

Mittel

Branchen, die in den vergangenen zwei Jahren mehr verdient haben:

Bestattungsunternehmen

233 – 900

400

17 – 47

31

Computer und Software Einzelhandel

22 –127

54

3 – 21

12

Druckereien

4 – 23

12

Fitnesszentren

5 – 33

17

Fleischereien

79 –156

108

4 – 20

12

Fotografen

12 – 59

33

Maler/Tapezierer bis

 

 

 

 

500 000 Euro Umsatz

8 – 33

20

Gastronomie – Pizzerien

203 – 426

285

10 – 31

21

Gastronomie – Cafés

186 – 400

257

9 – 33

19

Gebäudereinigung

5 – 23

14

Kfz-Handel

9 – 43

23

2 –11

5

Kfz-Reparatur

5 – 25

14

Kunstgewerbe/Geschenke

64 – 257

113

6 – 34

18

Lederwaren Einzelhandel

67 –127

92

5 – 26

15

Möbel Einzelhandel

49 –138

75

3 – 22

11

Nahrungsmittel Einzelhandel

22 – 35

30

2 – 8

5

Optiker

144 – 270

194

10 – 38

23

Schuhe Einzelhandel

59 –117

85

5 – 24

13

Spielwaren Einzelhandel

30 – 89

59

3 – 22

12

Telekommunikation Einzelhandel

37 – 426

92

5 – 29

16

Uhren/Schmuck Einzelhandel

75 –194

113

7 – 30

18

Beispiele für Branchen, in denen der Gewinn in den vergangenen beiden Jahren gleich geblieben ist:

 

 

 

 

Apotheken

33 – 45

39

5 –13

9

Beherbergungsgewerbe (Hotels)

213 –1011

376

3 –18

9

Elektrotechnik Einzelhandel

33 –133

64

3 –17

9

Fahrschulen

11 – 45

26

Gerüstbau

6 – 30

18

Heizung/Sanitär

4 – 20

11

Textilhandel

52 –113

79

4 – 22

13

Unterhaltungselektronik Einzelhandel

35 –108

61

4 – 21

11

 

* Unternehmen der jeweils höchsten Umsatzkategorie, bei Kleinstbetrieben sind auch höhere Werte möglich; Quelle: Bundesministerium der Finanzen

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Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2011.

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