Unternehmen 100 Millionen Euro Mehrkosten: Neuer Windpark geht verspätet ans Stromnetz

Eine Windenergieanlage des neuen Offshore-Parks in der Nordsee.

Eine Windenergieanlage des neuen Offshore-Parks in der Nordsee.© Matthias Ibeler/Riffgat

Diplomatische Verwicklungen, ein überraschender Fund von 30 Tonnen Munition und Dieselabgase statt Windstrom: Der Bau des zweiten deutschen Offshore-Windparks in der Nordsee ist von Problemen begleitet. Jetzt soll die Anlage endlich ans Netz gehen.

Ein halbes Jahr Verspätung beim Netzanschluss und Mehrkosten von 100 Millionen Euro für die Verbraucher: Der zweite kommerzielle deutsche Offshore-Windpark in der Nordsee hat bislang vor allem negative Schlagzeilen produziert. Nun soll Riffgat in der Nähe von Borkum am Mittwoch endlich in Betrieb gehen.

Die 30 Anlagen mit einer Leistung von 108 Megawatt können bald Strom für rechnerisch 120.000 Haushalte im Jahr einspeisen. Der Weg dahin war allerdings mühsam und zeigt die Schwierigkeiten beim schnellen Ausbau der Offshore-Windkraft für die Energiewende. Denn schon vor Baubeginn sorgte das Projekt für Probleme: Ostfriesische Fischer befürchteten Verdienstausfälle nach der Sperrung großer Seegebiete, durch die das Hochspannungskabel vom Windpark an Land verläuft. Vor Gericht scheiterten sie 2009 allerdings.

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Ein weiteres Problem stellte die Diplomatie vor Herausforderungen: Bis heute ist der Grenzverlauf im Seegebiet der deutsch-niederländischen Emsmündung ungeklärt. Der Windpark ist völkerrechtlich zunächst ohne sichere Grundlage, bis sich beide Länder endgültig geeinigt haben.

Fehlender Festnetzanschluss als größtes Hindernis

Doch das größte Hindernis erwarteten den Oldenburger Energieversorger EWE als Bauherren von Riffgat und seinen Partner, den Windparkplaner Enova, im Sommer 2013. Zwar standen die 30 Siemens-Anlagen und das kleine Umspannwerk da bereits startklar rund 15 Kilometer nordwestlich von Borkum. Doch für den Anschluss ans Festland fehlten noch einige Kilometer.

Ein halbes Jahr Verzögerung stand ins Haus, weil der Netzbetreiber Tennet vor der Verlegung des Hochspannungskabels überraschend auf explosive Altlasten stieß: Etliche Tonnen Munition aus dem Zweiten Weltkrieg lagen noch im Wasser und mussten aufwendig geborgen werden. Die Panne sorgte bundesweit für Spott, Riffgat wurde zum Symbol einer verkorksten Energiewende. Denn statt Strom zu erzeugen, mussten die 30 Anlagen nun mit Notstrom-Dieselaggregaten gekühlt und bewegt werden – Abgasrauch statt grünem Ökostrom.

Tennet und EWE schieben sich Schuld zu

Die Schuld für diese Misere schieben sich Tennet und EWE gegenseitig zu. „Das war so nicht vorhersehbar“, begründet eine Tennet-Sprecherin die Verzögerung. 60 Spezialisten seien Tag und Nacht für die Bergung von 30 Tonnen Munition im Einsatz gewesen. „Zu den Mehrkosten von 100 Millionen Euro hat die Planung der Seekabeltrasse durch den Windparkbetreiber geführt“, sagt Tennet-Geschäftsführer Lex Hartmann. EWE-Chef Werner Brinker verweist dagegen auf nicht eingehaltene Terminzusagen von Tennet und eine zu spät gestartete Munitionsbergung.

Letztlich zahlt der Verbraucher die Zeche für die teure Panne. Bei bis zu 480 Millionen Euro Baukosten pocht die EWE auf einen Ausgleich für den Strom, den sie nicht verkaufen konnte – und fordert eine Entschädigung von Tennet. Der Netzbetreiber verweist auf gesetzliche Regelungen, wonach letztlich der Verbraucher über den Strompreis dafür aufkommen soll.

Eine Konsequenz der Probleme: EWE plant vorerst keine weiteren Offshore-Windparks mehr. Ohne geänderte Rahmenbedingungen sei nicht genug Geld da für derartige Investitionen, sagt Vorstandschef Brinker.

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