Unternehmen Abu Dhabi lockt den Mittelstand

Nach der Umbruchzeit im arabischen Raum eröffnen sich für deutsche Familienunter­nehmen neue Möglichkeiten - auch in Ländern wie Saudi Arabien, Dubai und Abu Dhabi. Wie Arabien den Mittelstand umgarnt.

Die Sonne ist bereits untergegangen, das Thermometer zeigt nur noch knapp 30 Grad, die Stimmung an der Freiluftbar vor dem Park Hyatt in Abu Dhabi ist aus­gelassen. Und dann dieser Satz: „Der Konflikt ­Israels mit den meisten arabischen Staaten kann schnell zu einem Pulverfass eskalieren“, sagt Carl-Jürgen Brandt, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Zwieback-Her­stellers. Und dennoch möchte Brandt im ara­bischen Raum Geschäfte machen. Zwar wolle man „in absehbarer Zeit keine Produktion ­aufbauen“. Als Absatzmarkt will Brandt die ­Region aber gewinnen. Auch deshalb ist er hier, beim Owners Forum in Abu Dhabi.

Zu dem Kongress für Familienunternehmen aus deutsch­sprachigen und arabischen Ländern sind an ­diesem Wochenende im Oktober etwa 200 Unternehmer gekommen. Sie wollen Kontakte knüpfen und bestehende Beziehungen vertiefen. Für die Deutschen geht es um attraktive Märkte; Ägypter, Saudis oder Omaner wollen vor allem Investoren und Know-how in ihre Länder holen. Doch seit Anfang 2011, als in ­Tunesien das Ben-Ali-Regime gestürzt wurde und es in der Folge nahezu in der gesamten ­Region zu Unruhen kam, hat sich die Geschäftsgrundlage gewandelt – für beide Seiten.

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Khaled Olayan, 67, Chairman der international tätigen Olayan Group, konstatierte in seiner Ansprache an die Kongressteilnehmer tiefe ­Gräben zwischen den Generationen und zwischen den Geschlechtern. Der Arabische Frühling habe sie sichtbar gemacht. Nicht nur Re­gierungen, die öffentlichen Verwaltungen und staatseigene Firmen müssten umdenken, sondern auch Familienunternehmen.

Olayan wünscht sich mehr gesellschaftliche Transparenz und ein offeneres Miteinander. Ziel müsse eine Kultur des Konsens und der ­Beteiligung sein. Ansonsten drohe der gesellschaftliche Wandel „chaotisch oder sogar gewalttätig“ zu verlaufen. In vielen Ländern des Golf-Kooperationsrats hätte man das „zum Glück begriffen“, sagt Olayan: „Hier am Golf entwickeln wir uns. Die Frage ist nur, ob wir schnell genug sind.“

„Ich glaube, die packen das“, sagt Zwiebackproduzent Brandt. Aus gutem Grund. An ein hohes Entwicklungstempo ist man in den Öl-staaten seit Jahrzehnten gewöhnt. „Wir sind innerhalb einer Generation vom 16. ins 20. Jahrhundert gesprungen“, sagt Mohammed al-Fahim, 64, aus Abu Dhabi, der sich inzwischen aus der familieneigenen Al Fahim Group zurückgezogen hat. Tatsächlich gab es im Emirat Abu Dhabi bis 1967 keine Elektrizität, kein fließend Wasser, viele Menschen lebten in Hütten.

Dass sich etwas verändert, spürt etwa ein deutscher Lebensmittelhersteller, der anonym bleiben möchte. Der Unternehmer pflegt seit Jahren enge Kontakte zu einer saudischen Familie, die lange seine Produkte in dem Königreich vertrieb. Vor einigen Monaten hätte man ihm mitgeteilt, dass die Marketingaktivitäten für den deutschen Partner in Saudi-Arabien künftig von einer Frau aus der Familie geleitet würden.

Dass auch Töchter in arabischen Familien­unternehmen Verantwortung tragen und Führungspositionen einnehmen, mag die Aus­nahme sein. Doch es gibt inzwischen einige. Fatima al-Jaber etwa gehört als Chief Operating Officer dem obersten Management des Mischkonzerns Al Jaber Group aus Abu Dhabi an. Sie trägt das traditionelle schwarze Gewand, ihr Haar verhüllt ein Kopftuch, und sie lächelt, wenn sie auf Frauen in der arabischen Wirtschaft angesprochen wird. Dann holt sie aus: Die Mädchen in den Golfstaaten würden sehr gut ausgebildet, sagt sie. Nur wenige führten aber eine Firma. Sie sei ihrem Vater dankbar, dass er ihr diese Möglichkeit gab. Sie will, dass ihr Beispiel Schule macht. „Ich bin hier“, sagt die Managerin, „um dafür zu werben.“

Mehr Chancen als Risiken

Werbung macht al-Jaber noch in anderer ­Sache. Als Mitglied der Geschäftsführung der Handelskammer von Abu Dhabi will sie Investoren ins Land locken. Arabellion? Nicht in den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Wir sind der sichere Hafen“, sagt sie. Obwohl es auch am Persischen Golf, in Bahrain und Kuwait, jüngst wieder Unruhen gab, gelten vor allem die Emirate Dubai und Abu Dhabi als attraktive Standorte für ausländische Unternehmen. Auch viele der Deutschen beim Owners Forum sehen hier mehr Chancen als Risiken. So auch Werner Bahlsen, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Keksherstellers. Im vergangenen Jahr hat Bahlsen ein Vertriebsbüro in Dubai eröffnet, will den Export an den Golf über diesen Stützpunkt deutlich steigern.

Nicht nur am Golf, sondern im gesamten arabischen Raum macht Michael Fraenzel Geschäfte. Er ist Geschäftsführer der Firma Karl Kolb, die Krankenhäuser und Universitäten mit Laboren ausstattet. In Libyen, wo er derzeit häufig arbeitet, erlebt Fraenzel „eine Aufbruchstimmung“. Die Menschen verhielten sich offener und selbstbewusster seit der Revolution. „Durch die Arabellion“, sagt er, „hat sich der Druck auf die anderen Staaten erhöht.“ Und er hofft, dass sich die Entwicklung fortsetzt. Denn mit der Demokratisierung kämen Offenheit und Transparenz. „Langfristig“, glaubt er, „ist das gut fürs Geschäft.“

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