Unternehmen Anschieben, aufspringen, fahren

Mit der "Blitzkarre" gelang dem Ingenieur Carl Borgward 1924 ein Coup – und der Einstieg in die Automobilindustrie. Heute steht er für eine der populärsten Marken des 20. Jahrhunderts.

Nach der Kapitulation 1918 lag das Land politisch und wirtschaftlich danieder. Der Ingenieur Carl Friedrich Wilhelm Borgward, damals 28 Jahre alt, war auf der Suche nach neuen beruflichen Perspektiven. Er resignierte nicht. Im Gegenteil, mit seinem Entschluss, sich geschäftlich selbstständig zu machen, bewies er Selbstvertrauen und Optimismus, ja, eine gewisse Sturheit, gegen den Strom schwimmen zu wollen und zu können.

Um Alleinunternehmer zu werden, mangelte es ihm nicht nur an Kapital und geschäftlichen Beziehungen, sondern auch an einer zukunftsverheißenden Geschäftsidee. So blieb dem unternehmungslustigen jungen Borgward nichts anderes übrig, als nach der Möglichkeit einer Teilhaberschaft zu suchen. Er fand sie in der Firma des Bremer Kaufmanns Heinrich Ernst Baerold, der Gesellschafter und Geschäftsführer der „Bremer Reifenindustrie“ war. Ursprüngliche Idee bei Firmengründung 1916 war tatsächlich die Herstellung von Autoreifen gewesen. In den Wirren des Krieges und der damit verbundenen Materialverknappung war dies unmöglich geworden. Hinter der vielversprechenden Bezeichnung verbarg sich daher lediglich eine Werkstatt in der Hastedter Föhrenstraße, in der jedoch immerhin 20 Mitarbeiter beschäftigt waren.

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Die Belegschaft spezialisierte sich darauf, aus den vorhandenen Materialbeständen das Beste zu machen. Ergebnis war eine breit gefächerte, sehr bunte Angebotspalette alltagstauglicher Gebrauchsgüter, zu der auch 5000 Bohnenschneidemaschinen gehörten. Welch ein Aufatmen, als es gelungen war, dafür einen Abnehmer im fernen Kopenhagen zu finden!

Der Traum vom Automobil

Da sich Inhaber Baerold in Zukunft wieder mehr seinem Hauptgeschäft, dem Im- und Exporthandel, widmen wollte, ließ er seinem neuen Teilhaber weitgehend freie Hand. Und dieser verstand es, die Chance zu nutzen. Seine erste wesentliche Handlung bestand darin, geschäftliche Beziehungen zu dem in unmittelbarer Nachbarschaft ansässigen Automobilhersteller Hansa-Lloyd zu knüpfen. In den Jahren zwischen 1914 und 1919 konnte die Aktiengesellschaft Dividenden von 6,7 Mio. Mark ausschütten. „Die Gesellschaft ging mit einem gut sortierten Rohmateriallager und mit hohem Auftragsbestand von Behörden und privaten Bestellern in den Frieden“, schreibt der Biograf Heinz Flieger. Und die AG wäre womöglich in Lieferungsschwierigkeiten geraten, wenn es nicht in der Nachbarschaft diese kleine Firma mit dem rührigen Geschäftsführer Borgward gegeben hätte, der seinerseits sein Augenmerk auf die Automobilbranche gerichtet hatte.

Neben ihrer regulären Automobilproduktion waren die Hansa-Lloyd-Werke gezwungen, sich zusätzlich auf die Wiederherstellung von aus dem Krieg erhaltenen Fahrzeugen zu verlegen. Die am dringendsten benötigten Ersatzteile, um die ramponierten Vehikel wieder ansehnlich und damit verkäuflich zu machen, waren Kühler und Kotflügel. Aufgrund der Vielzahl verschiedener Fahrzeugtypen musste jedoch jedes einzelne Teil in mühseliger Handarbeit hergestellt werden, eine lästige Aufgabe für ein großes Produktionsunternehmen. Hier war Borgward zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn er erkannte auf Anhieb die passende Marktnische für seine kleine Firma.

Nach Kontaktaufnahme mit der Werksleitung gelang es Borgward, einige Aufträge zu ergattern, die er zur Befriedigung des Auftraggebers erfüllte. Die Hansa-Lloyd-Werke wurden zum Großabnehmer der „Bremer Reifenindustrie“, als sie wieder in vollem Umfang Fahrzeuge fertigten. Die Geschäftsbeziehung stabilisierte sich innerhalb kurzer Zeit so erfreulich, dass Borgward die ersten Erweiterungsgedanken hegte. Zuvor stand jedoch eine handelsrechtliche Neugründung an, denn Teilhaber Baerold hatte sich mittlerweile gänzlich auf seinen Im- und Exporthandel verlegt.

Verschworene Männergemeinschaft

Am 11. Juni 1920 wurde im Bremer Handelsregister die zehn Tage zuvor gegründete Offene Handelsgesellschaft Bremer Kühlerfabrik Borgward & Co mit den Gesellschaftern Ingenieur Carl Friedrich Wilhelm Borgward und dem Kaufmann Heinrich Ernst Baerold eingetragen. Ein knappes Jahr später, am 30. April 1921, stieg Baerold vollständig aus, sodass Borgward die Geschäfte fortan allein weiterführte. Endlich!

Der Betrieb war inzwischen auf 60 Beschäftigte angewachsen. Das war die Zeit, in der es Borgward gelang, drei Mitarbeiter zu gewinnen, die sich später als unerschütterliche Säulen eines etablierten Großunternehmens bewähren sollten. „Natürlich habe ich sie alle noch gekannt“, erzählt sein Sohn Kurt Borgward mehr als 80 Jahre später. „Das waren noch richtige Männer. Das war eine verschworene Männergemeinschaft“ – … zu der auch eine Frau gehörte.

Der Erste im Bunde war im Oktober 1920 der junge Friedrich Kynast, berühmt-berüchtigt für seine Maulfaulheit, die ihn daran hinderte, seine Sätze jemals zu vollenden. Dafür war er ein begnadeter Handwerker, dem es mit Beharrlichkeit gelang, auch das vertrackteste Problem in seiner Werkstatt zu lösen. Borgward erkannte sehr schnell, welch guten Fang er mit dem 25-jährigen Kynast gemacht hatte. Sechs Wochen später folgte Wilhelmine Bick. Von den Beschreibungen her muss sie den Idealtyp der Buchhalterin verkörpert haben, die „besser als die Chefs, hartherzig, bei sonst weichem Gemüt, die Kasse des Geschäfts verteidigte“. Legendär und bis heute viel zitiert ihr Ausspruch: „Geld ist etwas, was wir nie hatten.“ Der Dritte im Bunde war Dietrich Klie. Borgward kannte ihn aus der gemeinsamen Zeit bei seinem früheren Arbeitgeber, der Francke AG, wo er als Obermeister fungierte. Er war zur See gefahren, besaß das Maschinistenpatent erster Klasse und wurde als Konstrukteur bezeichnet. Da er bereits auf die 60 zuging, hatte er im Betrieb alsbald den Spitznamen „Opa Klie“ weg.

Ein vielseitiges, vielversprechendes Team: ein erfahrener Konstrukteur, eine aufopferungswillige Buchhalterin, ein technisch hochbegabter Handwerker und der vorwärtsdrängende, ehrgeizige Firmeninhaber, dessen Visionen immer konkretere Vorstellungen annahmen. Das Geschäft florierte bestens, die Einnahmen stiegen. Aber Wilhelmine Bick sollte es niemals gelingen, einen stabilen ausgeglichenen Kassenbestand zu wahren, weil Borgward alle verfügbaren Mittel sofort wieder in neue Maschinen, besseres Werkzeug und die Überholung der Anlagen investierte.

Ein Gebaren, das er bis zum Ende seines Geschäftslebens beibehielt. Als es einmal besonders eng war, soll Wilhelmine Bick der Legende nach sogar ihren Schmuck versetzt haben, um den Mitarbeitern ihren Wochenlohn auszahlen zu können. Borgward habe davon niemals etwas erfahren. Wilhelmine Bicks Proteste verhallten auch wirkungslos, als ihr Chef sich anschickte, für seine Firma eine neue Niederlassung zu suchen. Aber im Gegensatz zu ihr hatte er schon die bedrohlichen Anzeichen der sich anbahnenden Inflation erkannt. Es war ein richtiger Gedanke, eine kluge, vorausschauende Entscheidung, statt das immer wertloser werdende Geld zu horten, es in bleibende Werte, in Immobilien, zu investieren.

Schläge mit der Hundepeitsche

Nach einigen An- und Umbauten konnte die Firma im April 1922 in eine neue Betriebsstätte umziehen, die Wohnung des Inhabers lag in Laufnähe. Kurt Borgward war damals neun Jahre alt und kann sich sehr gut daran erinnern, wie er seinem Vater ab und an das Essen in den Betrieb brachte. „Meine Mutter hat gekocht, und ich habe dann den Henkelmann rübergebracht.“ Personal gab es im Privathaushalt in jenen Jahren nicht. „Wir wohnten mal oben, mal unten“, erinnert sich Kurt Borgward. „Nachts konnte ich oft nicht schlafen, weil die Hühner im Hof gackerten. Ich war dann immer so aufgeregt, weil ich dachte, dass da jemand kommt.“

Es war die Zeit, in der sich der langsame, stetige geschäftliche Aufstieg Borgwards abzuzeichnen begann. Nicht die Familie, die Firma stellte seinen Lebensmittelpunkt dar. Ein Patriarch. So wie Borgward im Betrieb das Sagen hatte, bestand er darauf, auch in der Familie Herr im Hause zu sein. „In Vielem konnte sich meine Mutter gar nicht durchsetzen.“ Ja, sein Vater habe seine Mutter unterdrückt, bestätigt der alte Herr. Und nicht nur sie, sondern auch seinen Sohn. Borgward war Pünktlichkeitsfanatiker. „Wenn das Mittagessen nicht pünktlich um ein Uhr auf dem Tisch stand, wurde er wütend!“ Noch schlimmer, wenn der Sohn nur eine Minute zu spät kam. Dann setzte es etwas auf das blanke Hinterteil; mit der Hundepeitsche. „Da war immer die Angst, ich hatte Angst vor ihm“, erinnert sich Kurt Borgward. „Mein Vater war ein Genie. Das heißt aber nicht, dass seine Genialität mit seinem persönlichen Umfeld vereinbar sein musste. Er war unnahbar. Er strahlte keine Wärme, sondern Kühle aus. Aber ich bin mir sicher, dass er selbst auch darunter litt.“

1924 sollte Borgward ein motorisiertes Fahrzeug entwickeln, das ihm den Einstieg in den automobilen Bereich und damit den geschäftlichen Durchbruch brachte. Den Anstoß gab Opa Klie. Dieser hatte sich schon lange darüber aufgeregt, dass der Materialtransport auf dem Firmengelände per pedes und mit Handkarre viel zu viel Zeit in Anspruch nahm. Wutschnaubend soll er eines Tages in das Büro seines Chefs gestapft sein und lautstark die Entwicklung eines praktischen Fahrzeugs zur Beschleunigung des firmeninternen Transports gefordert haben.

Eine motorisierte Transportkarre! Wohlwollend griff Borgward den Vorschlag auf und hatte seinerseits eine Blitzidee: „Nicht übel, Ihr Vorschlag. Wir könnten den Karren für uns bauen. Noch besser wäre es, ihn gleich so zu entwickeln, dass er allgemeines Interesse gewinnt.“ Gemeinsam machten sich Borgward, Klie und Kynast an die Arbeit. Dabei hatte das Fahrzeug bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen: Es sollte wirtschaftlich im Verbrauch sein. Motorleistung, Eigengewicht und Ladefähigkeit mussten aufeinander abgestimmt sein, der Anschaffungspreis sollte unter 1000 Rentenmark liegen. Zielgruppe waren die kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden. Siehe da: Das unter der Reichspatentnummer 446849/630c angemeldete Vehikel wurde ein Erfolg.

Erschwinglich, praktisch, hässlich

Schon zu damaliger Zeit galt das auf den hochtrabenden Namen „Blitzkarre“ getaufte Fahrzeug nicht mehr als Wunderwerk von Technik und Fortschritt. Es hatte weder Getriebe noch einen Rückwärtsgang. Man musste es erst anschieben und dann geschickt während der Fahrt aufspringen. Der Einzylindermotor gab nur 2,2 PS her, eine Leistung, die heute Fahrrädern mit Hilfsmotor vorbehalten ist. Aber es war erschwinglich, praktisch und erfüllte seinen Zweck hervorragend.

„Möglichst wenig ist dran – und das absichtlich“, beschrieb Kynast dieses Produkt einem potenziellen Kunden. „Zwei PS, der Keilriemen überträgt die Kraft auf die Hinterräder. Eine Kupplung wird gar nicht gebraucht, man schiebt den Wagen an – und er läuft. Und kann fünf Zentner tragen.“ Diese Zweckmäßigkeit ging leider nicht mit Schönheit einher. „Mit dem Karren könnte ich ja nur nachts fahren, am Tag lachen die Hühner“, wandte der Kunde ein. „Wenn Sie fünf Zentner auf dem Rücken tragen, lachen die Hühner erst recht. Für das Geld bekommen Sie noch nicht mal den Motor eines Lastwagens“, erwiderte Kynast ungerührt und hatte den Kunden überzeugt.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2010.

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