Unternehmen Aschenputtel macht sich fein

Die Zechen sterben, aber viele ehemalige Bergbauzulieferer leben. Sie bauen Teile für Windräder oder Autos. Universitäten und Gründerzentren locken Unternehmer aus ganz Deutschland an. Eine Region erfindet sich neu

Es zischt, knallt und klappert und riecht nach Öl. Günther Krawczynski, weiße Haare, blaue Ohrschützer, steht neben seiner Schraubenpresse. Schrauben machen sie hier, in der Fabrik Friedberg in Gelsenkirchen-Rotthausen, seit Generationen. Zunächst für den Bergbau. Die Zeche Dahlbusch lag in Rotthausen. Krawczynskis ganze Familie hat in dem Bergwerk gearbeitet. Heute ist die Zeche stillgelegt, und die Schrauben gehen nur noch zu einem winzigen Bruchteil unter Tage. Dafür halten sie jetzt über der Erde Windkrafttürme zusammen. Ist auch gut, findet Krawczynski. „Windkraft ist unsere Zukunft. Das mit dem Bergbau ist vorbei.“

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet ist einer der größten Umbrüche in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Das ganze Land zwischen Hamm und Wesel war früher Kohle und Stahl, fast ausschließlich. Die Gruben und Kokereien boten Arbeit für eine halbe Million Menschen – und noch einmal 300?000 Jobs in Dutzenden Stahlwerken. Hinzu kamen mehrere Tausend hoch spezialisierte Zulieferfirmen. Heute sind im alten Kohlerevier gerade noch drei Zechen in Betrieb. Wenn der Staat 2018 endgültig alle Subventionen einstellt, wird auch die letzte von ihnen dichtgemacht.

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Seit 1960 sind im produzierenden Gewerbe des Ruhrgebiets rund 500?000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Dennoch lassen sich aus dem Pott nicht nur Geschichten über Abschwung und Abschied erzählen. Wo Altes verschwindet, kann Neues wachsen: 300?000 Jobs sind im Dienstleistungsbereich entstanden, Unis, Forschungszentren und Gründerparks auf Zechengeländen gebaut worden.

In solchen Zeiten schlägt die Stunde von Unternehmern. Machern, die Chancen entdecken, Innovationen durchsetzen und neue Märkte erschließen. Viele Unternehmer an Rhein und Ruhr sind Risiken eingegangen und übertragen das, was sie im Bergbau gelernt haben, nun auf neue Produkte.

So wie Ingrid Brand-Friedberg, Geschäftsführerin jener Fabrik in Gelsenkirchen, die heute Schrauben für die Windkraft produziert. Sie hatte eigentlich nie eine andere Wahl, als mutig zu sein. Gerade einmal 24 Jahre ist sie alt, als ihr Vater stirbt und sie von einem auf den anderen Tag seine Nachfolge antreten muss. Heute ist sie 62 und gerade bei Kunden vor Ort – in Indien.

„Die Chefin kann Entscheidungen auf dem Treppenabsatz treffen“, sagt Hugo Berkel, der seit 41 Jahren im Vertrieb der Firma arbeitet. Brand-Friedberg erkannte, dass viele ihrer Kunden im Ruhrgebiet schließen würden, und setzte auf neue Geschäftsfelder. 1974 baute sie in Brasilien eine zweite Schraubenfabrik mit 100 Mitarbeitern auf, um dort die boomende Automobilindustrie zu beliefern und Importzölle zu umgehen. 1994 kaufte sie einen Betrieb aus einem ehemaligen DDR-Schraubenkombinat in Finsterwalde. Hier fertigen die Angestellten vor allem Verbindungsteile für die Automobilindustrie.

„Einige haben zu lange an alten Zöpfen festgehalten“

1997 schickte sie ihren Vertriebsleiter nach Husum auf seine erste Windkraftmesse. „Da liefen noch die richtigen Ökos rum“, erinnert sich Berkel. Viele belächelten den neuen Kurs, auch in der Firma. Doch die Entscheidungen waren richtig. Friedberg beschäftigt heute 500 Mitarbeiter und ist einer der größten Lieferanten für Verbindungselemente in der Windkraft weltweit. Sie machen 60 Prozent des Gesamtumsatzes aus, der Bergbau nicht einmal mehr ein Prozent.

Mitbewerber wie die Firma Dorn aus Herne, die Schrauben für den Bergbau herstellte, sind von der Bildfläche verschwunden. „Andere haben zu lange an alten Zöpfen festgehalten“, sagt Berkel. „Aber man muss nach vorn sehen und manchmal auch ahnen, was noch keiner sieht.“ Dass regenerative Energien ein Wachstumsmarkt sein könnten, zum Beispiel. Oder eine marode, alte Zeche ein Ambiente bieten könnte, in dem Menschen Lammcarrée und Ziegenkäsetarte speisen wollen.

Stielmus zu Straußenfilet

„Als ich zum ersten Mal hierherkam, war das der ungastlichste Ort der Welt“, beschreibt Dirk Vormann die alte Kompressorenhalle, in die er vor 15 Jahren zum ersten Mal trat. Die Halle steht auf dem Gelände der Zeche Zollverein im Norden Essens, einst die größte im Ruhrgebiet. 12?000 Tonnen Kohle holten Arbeiter zu Hochzeiten jeden Tag aus dem Berg. Ihre Hinterlassenschaft ist ein kaputtes, trauriges Gelände. Es stinkt, der Boden ist matschig und mit Schlaglöchern durchsetzt, die Hallen verfallen.

Aufschwung West
Auch wenn nicht ganz so viele Zuschüsse fließen wie in Ostdeutschland: In Nordrhein-Westfalen, besonders im Ruhrgebiet, haben Unternehmer Chancen auf besonders hohe Fördermittel, vor allem wenn sie Neuansiedlungen planen oder gründen.
Ziel-2-Zuschüsse NRW profitiert von der sogenannten Ziel-2-Förderung, mit der die EU wirtschaftlich benachteiligte Regionen stärkt. Zwischen 2007 und 2009 gingen rund 900 Millionen Euro an 886 Projekte. Bis 2013 stehen weitere 1,4 Milliarden zur Verfügung. Das Geld fließt in drei Bereiche: Gründertöpfe, Projektaufrufe rund um Stadtentwicklung und Infrastruktur sowie Wettbewerbe. Bewerben können sich Unternehmer mit Technologien und Dienstleistungen. (www.ziel2-nrw.de) Forschungsmittel gibt es aus dem 7. EU-Forschungsrahmenprogramm (FRP) sowie dem Programm „Wettbewerbsfähigkeit und Innovation“. Weil forschungsnahe EU-Gelder schwer zu bekommen und meist Hochschulen eingebunden sind, berät das Land Unternehmen beim Antragsverfahren und der Partnersuche. Mittelständler bekommen vom Land außerdem „Innovationsgutscheine“, die sie an Hochschulen und Forschungsinstituten des Landes gegen Forschungsleistungen eintauschen können. 5000 bis 10?000 Euro sind drin, die maximal 80 Prozent der Kosten abdecken dürfen. (frp.nrw.de; innovationsallianz.nrw.de)
Gründerhilfen Wer sich selbstständig macht, kann auf diverse Töpfe der KfW, der landeseigenen NRW-Bank und der Kommunen zugreifen. Hinzu kommen zinsgünstige Klein- und Großdarlehen, Bürgschaften und Beratung. Weil das Angebot für Laien kaum zu durchschauen ist, helfen Startcenter in allen größeren Städten. (www.go.nrw.de)
Gründerwettbewerbe Die Ruhrgebietsstädte stehen untereinander im harten Wettbewerb um Neuansiedlungen. Daher schreiben viele Städte Gründerwettbewerbe aus, deren Gewinner sich vor Ort ansiedeln müssen, in Branchen, die zum Profil der Stadt passen. So sind in Dortmund bei drei „Start2grow“-Wettbewerben jährlich 78?000 Euro zu holen, Bochum lobt für die besten „Senkrechtstarter“ insgesamt 50?000 Euro aus, die Stadt Essen 20?000 Euro an „Netstart“-Preisgeldern. Zusammengerauft hat sich die Region in der Medizinwirtschaft: Bei „Startbahn Ruhr“ können Gründer insgesamt 70?000 Euro Preisgeld kassieren – und dürfen sich in ganz NRW niederlassen. (start2grow.de; senkrechtstarter.de; netstart.de; www.startbahn-ruhr.de)
Meistergründungsprämie Wer sich als Handwerker selbstständig macht und binnen drei Jahren mindestens einen Arbeitsplatz schafft, bekommt 7500 Euro von der Landes-Gewerbeförderungsstelle des nordrhein-westfälischen Handwerks.(lgh.de)

Stadt der 1000 Sonnen

Trotzdem will Vormann hier mit seinem Geschäftspartner Claus Dürscheidt ein Restaurant eröffnen. Ihre Vision: gehobene Küche für ein bürgerliches, gut situiertes Publikum. Vormann hat Schreiner und Kaufmann gelernt, auch Dürscheidt ist Quereinsteiger. „Richtige“ Gastronomen lachten sie damals aus: Vorspeisen ab zwölf Mark, wie soll das funktionieren?

Das Publikum, das die Gründer ansprechen wollen, gebe es doch gar nicht hier, mitten im alten Kohlenpott. Doch die beiden schlagen alle Warnungen in den Wind, sie glauben an ihre Idee. 1996 legen sie los mit zwei Millionen D-Mark Startkapital und 25 Mitarbeitern. „So schlimm es hier aussah, ich bin der Magie des Ortes sofort verfallen“, sagt Vormann. „Ich wusste, dass es gut wird.“

Jetzt sitzt er mittendrin in seiner Vision: Steinsäulen und Stahlstreben ragen im Restaurant sechs Meter hoch bis zur Decke, weiter hinten im Raum steht ein riesiger Metallkompressor hinter Glas. Vormann deutet nach oben: „Jede Macke an den Säulen ist echt. Das ist die Originalfarbe von damals.“ Klassische Musik tönt aus den Lautsprechern.

Auf die rustikalen Holztische kommt „New World Cuisine“ mit „Reminiszenzen an die Bergmannsküche“. Stielmus zum Beispiel, ein regionales Gemüse, zu Omas Zeiten als Eintopf gegessen – im Casino allerdings zu Straußenfilet an Brombeersoße serviert.

Mittlerweile haben Zeitschriften, Feinschmecker und Reiseführer über das Restaurant Casino Zollverein geschrieben. „Mundpropaganda war immer unsere beste Werbung“, sagt Vormann. Rund um das Lokal sind Theater, Kulturwerkstätten, Museen und Cafés in die alten Hallen eingezogen. Besucher kommen aus allen Ländern, auf den Wegen des alten Bergwerks sind Holländisch, Italienisch und Englisch zu hören. Die Zeche Zollverein, seit 2001 Weltkulturerbe der Unesco, ist so etwas wie der Inbegriff der Industriekultur im Ruhrgebiet geworden, ein Paradebeispiel für die neue Nutzung der alten Flächen.

Das zieht auch Großkunden an: Über dem Restaurant gibt es einen Saal für Veranstaltungen, bis zu 700 Besucher finden Platz. 60 Prozent des Umsatzes macht das Casino inzwischen mit Events für Konzerne aus der Gegend wie Evonik, RWE oder Eon Ruhrgas. 100?000 Gäste kommen jedes Jahr, der Umsatz liegt bei über vier Millionen Euro. Aus dem kleinen Küchenteam ist eine richtige Mannschaft geworden.

„Das Personal kommt natürlich aus der Gegend“, sagt Vormann. Vor einigen Jahren hatten sie eine Auszubildende in der Küche, deren Vater auf Zollverein noch unter Tage malocht hat. Der Mythos Ruhrgebiet lebt auch von den persönlichen Geschichten. „Aber was die Gäste angeht, ist die Zeche Zollverein immer noch eine Insel“, sagt Vormann. Die Stammgäste kommen vor allem aus Dortmund oder Köln. Und von weiter her. Der Status als Kulturhauptstadt 2010 sorgt für Mundpropaganda in ganz Europa – und einen wachsenden Strom an Gastro-Touristen. „Das wird einen nachhaltigen Effekt für uns haben“, ist Vormann überzeugt.

Stadt der 1000 Sonnen

Nicht nur einzelne Orte wie die Zeche Zollverein haben ihr Gesicht verändert. Einst war das Ruhrgebiet Motor für die ganze Republik. Bis 1957 die Kohlekrise begann. Damals wurde es billiger, das schwarze Gold aus anderen Teilen der Welt zu importieren, zudem lief Erdöl der Kohle den Rang ab.

Erst starben die Bergwerke, dann, ab Mitte der 70er-Jahre, auch viele Eisenhütten und Stahlwerke. Um den Strukturwandel einzuleiten, bekam in den 90er-Jahren jede größere Stadt ihren Leuchtturm. Oberhausen eröffnete ein Technologiezentrum Umwelt und baute einen Gasometer zur höchsten Ausstellungshalle Europas um. Gelsenkirchen durfte sich als Solarstadt neu erfinden.

Rohstoff Wissen

„Stadt der 1000 Feuer“ nannten Einwohner ihre Heimat einst, wegen all der Gasfackeln auf den Kokereien. Mittlerweile nennt sich Gelsenkirchen „Stadt der 1000 Sonnen“, nach den Solaranlagen, die man hier errichtete. Hunderte Arbeitsplätze wollten Politiker in der Zukunftsindustrie sichern. Als der Ölkonzern Shell hier die größte Solarzellenfabrik der Welt errichten ließ, war die Euphorie groß. Doch der Boom endete jäh: Shell verlor nach einem Vorstands- und Strategiewechsel das Interesse am Sonnenstrom und verkaufte die Fabrik.

Mittelständler wie Thomas Sandner aber sind noch da. Er ist Vorstandschef von Abakus Solar, einer Firma, die seit 1995 Solardächer und Fassaden plant. Aus fünf Arbeitsplätzen wurden 50, 30 davon in Gelsenkirchen. Abakus ist dem Standort bis heute treu geblieben.

In Gelsenkirchen-Schaffrath entstand vor zwei Jahren die größte Fotovoltaikwohnsiedlung Deutschlands, Hauptbahnhof und Fußballarena bekamen bei der jüngsten Renovierung riesige Solarzellendächer spendiert. Und Abakus verdiente an der Modernisierung des Stadtbilds. Als die Stadt zum Finale der Internationalen Bauausstellung Emscher Park 1999 etliche Dächer und Fassaden mit Solarzellen verkleidete, plante und überwachte Abakus viele Baustellen. Dazu kommen dem Unternehmen bis heute die üppigen Zuschüsse für Privatleute zugute, die sich Zellen aufs Dach schrauben lassen.

„Wir haben schon bei der Gründung danach entschieden, wo wir am meisten Solaranlagen absetzen konnten. Und in Nordrhein-Westfalen gab es damals flächendeckend und sehr lange hohe Zuschüsse“, sagt Sandner. Allein zwischen 1999 und 2006 beteiligte sich das Land NRW mit 640 Millionen Euro an 51?000 privaten Solarzellenprojekten. Und die großzügigen Subventionen wurden bis heute nicht eingestellt.

Die ersten Jahre arbeiteten die Abakus-Ingenieure im Gelsenkirchener Wissenschaftspark. Wo einst ein Gussstahlwerk die Luft verpestete, hat die Stadt den Grundstein für ihre Zukunft gesetzt: ein 300 Meter langer, spektakulärer Bau mit schräger Glasfassade und dem ersten Solarzellenkraftwerk Deutschlands auf dem Dach.

Hier haben sich Unternehmen aus jenen Bereichen angesiedelt, auf die man nun im Ruhrgebiet so viele Hoffnungen setzt: Informations- und Kommunikationstechnologien, Gesundheitswirtschaft, Solarenergie. Was die Förderung mit Milliardensummen von EU, Bund und Land gebracht hat, ist in Zahlen schwer zu messen. Klar ist: Konzerne wie Nokia oder Shell haben die Region trotz hoher Subventionen wieder verlassen. Andererseits stünde das Ruhrgebiet ohne die Hilfen angesichts der Probleme des Strukturwandels sicherlich schlechter da. Etliche Kommunen sind pleite.

Dynamik lässt sich vor allem rund um die Gründerzentren und Hochschulstandorte beobachten, die Unternehmer aus ganz Deutschland anziehen. Erst 1962 wurde die erste Universität der Region in Bochum gegründet. Seitdem sind fünf Unis mit über 150?000 Studenten dazugekommen. Daneben entstanden neun Fachhochschulen, drei sind noch im Aufbau. An 60 weiteren Forschungseinrichtungen wird geforscht und gelehrt. Wissen könnte einer der wichtigsten Rohstoffe zwischen Rhein und Ruhr werden. Schon heute lebt hier die vielleicht größte und breitgefächertste Gemeinschaft wissenschaftlicher Experten weltweit.

Rohstoff Wissen

Eben dieses Reservoir hat Hubert Klüpfel überzeugt, aus Franken nach Duisburg zu ziehen. Sein Fünf-Mann-Betrieb Traffgo simuliert Besucherströme am Computer und entwickelt so zum Beispiel Fluchtpläne für brenzlige Situationen. Klüpfel kommt gerade aus Dschidda in Saudi-Arabien zurück, wo er Wüstenscheichs beraten hat, wie sie die Pilgermassen bewältigen können, die zur jährlichen Hadsch die Kaaba in Mekka umrunden.

„Als ich im Ruhrgebiet ankam, dachte ich, das ist hier alles Kohle und Stahl. Aber gesehen hab ich eigentlich genau das Gegenteil. Viel Grün, eine schöne Uni am Waldrand“, sagt Klüpfel. Auch der Bürobau, in dem er arbeitet, entspricht so gar nicht dem Klischee vergangener Jahrzehnte. Das Technologiezentrum Tectrum im Univiertel Neudorf wurde 1993 vom Stararchitekten Sir Norman Foster geplant. Der moderne Hangar soll, ähnlich wie der Wissenschaftspark in Gelsenkirchen, Nachwuchsunternehmer direkt von der Uni in die Stadt locken.

Das Konzept geht auf. Die Jungen nehmen die Förderung an, sie ziehen in die neuen Technologieparks und Gründerzentren, bringen Leben ins Ruhrgebiet und Innovationen in Branchen wie die Logistik, Solarindustrie und Medizintechnik. An älteren Unternehmern und regional verwurzelten Mittelständlern gehen die staatlichen Maßnahmen jedoch oft vorbei. Sie kämpfen meist allein, etwa bei der Suche nach neuen Kunden im Ausland, wie Ulrich Wilde.

Keine Kohle in Zukunft

Er ist Geschäftsführer der Maschinenfabrik Glückauf. 34 Mitarbeiter produzieren Hydraulikzylinder, die unter Tage Hohlräume abstützen. In Deutschland werden die Zylinder nicht mehr gebraucht, in China hingegen schon. Nur wie kommt man da als deutscher Mittelständler hin, fragte sich Wilde. „Sollte ich mich auf den Platz des himmlischen Friedens stellen und rufen?“ Er hatte Glück: Ein chinesischer Vertreter kam auf ihn zu, nahm ihn mit nach China und organisierte Meetings mit „important leaders“, bei denen Wilde kein Wort verstand. Funktioniert hat es trotzdem: 2005 bekam Glückauf den ersten Auftrag aus China. Inzwischen exportiert die Schalker Fabrik auch nach Russland und Großbritannien, wo weiter Kohle in großen Mengen abgebaut wird.

Keine Kohle in Zukunft

Während in Deutschland im vergangenen Jahr gerade noch 13 Millionen Tonnen Kohle gefördert wurden, ist der Bergbau in anderen Ländern noch lange nicht am Ende. Das ist eine Chance für Mittelständler. Sie gewinnen Zeit, um sich neu zu orientieren. So hat es die Bochumer Firma Eickhoff in den vergangenen Jahren gemacht. „Wir haben das Unternehmen balkanisiert“, sagt Chef Paul Rheinländer. Neue Geschäftsfelder sind hinzugekommen.

Die Spezialmaschinen für den Bergbau, die das Unternehmen in fünfter Generation fertigt, gehen fast alle ins Ausland. Gerade gab es einen Innovationspreis für den Walzenlader SL750 EiControlPlus. Eine 75 Tonnen schwere Maschine, die pro Monat mehr als eine Million Tonnen Kohle aus dem Gestein tief in der Erde hobeln kann. Der Roboter hört, sieht und fühlt – und zwar besser als jeder Bergmann unter Tage. Das macht Eickhoff zu einem weltweit gefragten Gesprächspartner der Industrie.

Dennoch lebt das Unternehmen nur noch zu einem Drittel vom Bergbau, ein weiteres Drittel des Umsatzes bringen Getriebe für die Windkraftindustrie. Den Rest Gussteile, Kokereimaschinen und Speziallokomotiven. Leicht war der Umbau nicht. 1995 stand Rheinländer kurz vor der Pleite. Es fehlten Aufträge. Die Belegschaft schrumpfte von 2000 auf 600. Alte Pensionslasten türmten sich zu einem fast unbezwingbaren Berg auf.

Mehrere Versuche, zu diversifizieren, waren gescheitert. „Wenn wir mal neue Geschäftsfelder ausprobiert haben und dann lief doch wieder etwas im Bergbau, haben wir immer wieder alle Kräfte dahin abgezogen“, sagt Rheinländer.

Drei Jahre dauerte die Restrukturierung. „Wenn damals nicht alle um uns herum Opfer gebracht hätten, die Belegschaft, der Pensionssicherungsverein, die Banken und die Gesellschafter, dann hätten wir das nicht stemmen können.“ Mit dem Wirtschaftsboom im Osten zog die Nachfrage wieder an, und Rheinländer entdeckte den Großgetriebebau für Windräder. Er organisierte die Diversifizierung neu. Jedes Marktfeld bekam seine eigene GmbH. „Man muss die neuen Einheiten aus dem Gravitationsfeld der bisherigen Arbeit entfernen“, sagt er.

Der Lohn der Mühen ist deutlich erkennbar: 320 Millionen Euro hat Eickhoff im vergangenen Jahr umgesetzt, mehr als 1300 Mitarbeiter stehen in Lohn und Brot. Wenn es 2018 mit dem Bergbau in Deutschland zu Ende geht, wird das Unternehmen ihn vielleicht schon gar nicht mehr brauchen.

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