Unternehmen Auf nach Brasilien: Zulieferer positionieren sich am Zuckerhut

Die Skyline der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro.

Die Skyline der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro.© sfmthd - Fotolia.com

Egal ob Daimler, Audi oder BMW: Autobauer zieht es derzeit verstärkt nach Brasilien. In deren Fahrwasser bringen sich auch die Zulieferer am Zuckerhut in Stellung. Das ist nicht ganz ohne Risiken.

Die einen reizt der Karneval in Rio, die anderen locken heiße Samba-Rhythmen. Zulieferer hingegen haben eine andere Motivation, nach Brasilien zu gehen: Sie wittern auf dem viertgrößten Automarkt der Welt glänzende Geschäfte – und folgen den Autobauern in das südamerikanische Land.

„Autobauer bekommen in Brasilien hohe Subventionen, wenn sie mehr als 60 Prozent der Teile lokal beziehen“, sagt Stefan Wolf, Chef des Unternehmens ElringKlinger aus dem Kreis Reutlingen. „Deswegen ist es wichtig für Autozulieferer, vor Ort zu produzieren.“ So hätten sie ein Pfund im Kampf um die Aufträge der Pkw-Hersteller.

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ElringKlinger hat in Brasilien zwar schon einen Standort – der wird allerdings nicht mehr lange reichen: „Wir werden in zwei bis drei Jahren einen Erweiterungsbau vornehmen“, kündigt Wolf an. Die Kosten: 10 bis 12 Millionen Euro. Schon zuvor hatten die Schwaben dort ihren Standort vergrößern müssen.

Wer von Deutschland aus exportiert, hat das Nachsehen

Dass Unternehmen wie ElringKlinger sich in Brasilien stärker engagieren, ist nicht verwunderlich: „Zulieferer reisen ihren Kunden immer in die Märkte hinterher“, sagt Autoexperte Stefan Bratzel. „Man hat Vorteile, wenn man vor Ort ist.“ Den Herdentrieb habe es zuvor etwa auf dem Weg nach China gegeben. Das Riesenreich gilt inzwischen als wichtigster Automarkt der Welt.

Zuletzt ertönte der Lockruf aus Brasilien wieder lauter: So kündigte zum Beispiel Daimler an, in dem Land wieder Autos bauen zu wollen – ebenso wie Audi und BMW. Alle drei haben den Premium-Markt im Visier, der bis 2020 um bis zu 170 Prozent wachsen soll.

Tatsächlich gelten in Brasilien für ausländische Hersteller Zuckerbrot und Peitsche: Wer seine Autos im Land baut, erhält hohe Steuerrabatte. Wer hingegen von Deutschland aus exportiert, hat das Nachsehen – und muss horrende Einfuhrzölle zahlen. Ein entsprechendes Programm hatte die Regierung Anfang des Jahres aufgelegt, um die Autoproduktion im Land anzukurbeln.

Höherer Druck auf Zulieferer, den Autobauern nach Brasilien hinterherzuziehen

Für Zulieferer gelten die strengen Regelungen zwar in der Form nicht. Für sie steigt Bratzel zufolge aber der Druck, am Zuckerhut nachzuziehen, statt ihre Teile von Deutschland aus dorthin zu liefern: „Viele Hersteller arbeiten intensiv daran, ihre Kernzulieferer möglichst gering zu halten“, sagt der Experte. Wer nicht vor Ort sei, laufe Gefahr, ausgetauscht zu werden.

Große Player wie ZF, Continental und Bosch haben den Markt ohnehin längst für sich entdeckt. Brasilien macht für Bosch inzwischen mehr als 80 Prozent des Kraftfahrzeugtechnik-Umsatzes in Lateinamerika aus, wie die Stuttgarter berichten.

Auch ElringKlinger hat am Zuckerhut noch viel vor: In diesem Jahr rechnet Wolf in Brasilien mit 51 Millionen Euro Umsatz – ohne Währungseffekte sei das ein Plus von 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis 2018 sollen die Erlöse bei umgerechnet 70 Millionen Euro liegen. In der Landeswährung wäre der Anstieg Wolf zufolge deutlich höher – Umrechnungseffekte wirken sich ungünstig aus.

Stolpersteine auf dem Boommarkt

Tatsächlich sind negative Währungseffekte nur einer von mehreren Stolpersteinen auf dem vermeintlichen Traummarkt: „Brasilien ist für sein profitables Geschäft im Automobilsektor bekannt“, sagt Stephan Keese, Partner beim Beratungsunternehmen Roland Berger. „Doch die jüngsten Zahlen lassen keinen Zweifel daran, dass sich die in Brasilien tätigen Zulieferer auf harte Zeiten einstellen müssen.“

Nach einer aktuellen Roland-Berger-Studie zeichnet sich in Brasilien für 2014 ein verhaltener Ausblick für die Branche ab: Die Pkw-Produktion wird demnach im laufenden Jahr bei rund 3,7 Millionen Fahrzeugen liegen und dürfte in den kommenden zwei Jahren nicht wesentlich zunehmen. Das hat nach Erkenntnissen der Berater mehrere Gründe: Neben belastenden Währungseffekten wirkten sich auch vergleichsweise hohe Kosten für Lohn und Rohstoffe negativ aus.

Um die Risiken für Zulieferer aufzufangen, hält Branchenkenner Bratzel etwa Kooperationen in Brasilien für sinnvoll. Gerade für kleinere Zulieferer biete sich etwa die gemeinsame Nutzung von Gebäuden und Gelände an. Einfach zu Hause zu bleiben, sei für die meisten hingegen keine Alternative: „Da muss man mit.“

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