Unternehmen Auf rauer See

Überkapazitäten und Insolvenzen: Die deutschen Schiffbauer stehen massiv unter Druck. Selbst für erfolgreiche Werften wie Meyer in Papenburg wird der Wettbewerb immer härter - vor allem durch neue Konkurrenz aus Asien.

Der Gigant der See wirkt im niedersächsischen Binnenland besonders skurril. Die „Norwegian Breakaway“, jüngstes Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft aus Papenburg, ist für den Anreisenden schon aus vielen Kilometern Entfernung vor den Werfthallen zu sehen. 324 Meter lang ist die schwimmende Kleinstadt, 63 Meter misst der Koloss in der Höhe. In wenigen Monaten soll die „Breakaway“ in der Karibik und bei den Bahamas kreuzen und vor allem erholungsreifen Amerikanern einen Traumurlaub ermöglichen. 4000 Passagiere finden Platz zum Schlafen, für Unterhaltung, für Sport- und Wellnessaktivitäten. Ein solch großes Kreuzfahrtschiff ist in Deutschland noch nicht gebaut worden.

Bei den Kreuzfahrtreedereien hat das bodenständige Traditionsunternehmen Meyer aus dem Emsland einen guten Ruf. Seit 1986 lieferte es 35 Luxusliner aus. Mit dem ersten Schiff, der „Homeric“, verdiente die Werft kein Geld, erwarb sich aber wertvolles Know-How. Mit modernster Bühnentechnik und Sportanlagen an Bord punktet Meyer im internationalen Wettbewerb, ebenso mit energiesparender Bord- und Antriebstechnologie.

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Aber der Markt wird härter. Jüngst hat sich die Geschäftsführung mit der 2500 Köpfe zählenden Belegschaft auf einen Sparkurs verständigt. Sonst hätten der Werft rote Zahlen von 51 Millionen Euro gedroht. Es stehen zwar noch Kreuzfahrt-Aufträge bis 2015 in den Büchern, aber die Auslastung werde schwieriger, räumte Werft-Chef Bernard Meyer ein. Nun werden in Papenburg zusätzlich ein Forschungsschiff und Flusskreuzfahrtschiffe gebaut. Aufträge, die ursprünglich für die Schwesterwerft Neptun in Rostock vorgesehen waren.

Es gibt Überkapazitäten auf dem weltweiten Schiffsbaumarkt. Aber im Kreuzfahrtsektor wächst die Nachfrage. 2011 habe es elf Neuaufträge für Kreuzfahrtschiffe gegeben, und im vergangenen Jahr acht, sagt Gerhard Carlsson vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) in Hamburg. Bislang gingen die Neuaufträge an Werften in Europa. Neben dem Marktführer Meyer waren das die italienische Staatswerft Fincantieri und die koreanische STX-Gruppe mit Werften in Finnland und Frankreich.

Die etablierten Werften bekommen zunehmend Konkurrenz aus dem asiatischen Raum. Vor zwei Jahren schnappte Mitsubishi der Meyer-Werft den Nachfolgeauftrag der Rostocker Reederei Aida Cruises weg. Und mittlerweile bemühe sich etwa auch der koreanische Hightech-Konzern Samsung um Kreuzfahrtschiff-Aufträge, sagt Carlsson. Experten gehen davon aus, dass in nicht allzu ferner Zukunft auch die Chinesen auf den weltweiten Kreuzfahrtschiff-Markt streben.

„Der Wettbewerb wird natürlich schärfer“, sagt VSM-Expertin Kathrin Ehlert-Larsen. Erschwert werde die Lage der Werften noch dadurch, dass es für die Unternehmen inzwischen schwierig sei, von den Banken Finanzierungen großer Projekte zu bekommen. Dennoch stehe der deutsche Schiffbau international gut da. 16.850 Mitarbeiter waren im Sommer vergangenen Jahres laut IG Metall in der Branche beschäftigt.

So wie Meyer machen es die meisten deutschen Werften: Sie besetzen eine Marktnische und lieferten dort konkurrenzfähige Produkte ab. Sie punkten mit Kreuzfahrtschiffen, Fähren und Mega-Jachten. Das funktioniere, auch wenn es immer wieder Insolvenzen im deutschen Schiffbau gebe, etwa jüngst bei den P+S-Werften in Stralsund und Wolgast. „Viele Werften werden gekauft und weitergeführt. Das heißt, da ist eine solide Grundlage vorhanden“, sagt Ehlert-Larsen.

Im Kern bestätigt diese Analyse auch der Bezirkschef der IG Metall Küste, Meinhard Geiken. Die Konkurrenz werde zwar härter. „Ich bin überzeugt, dass unsere Werften gute Produkte und eine gute Mannschaft haben, die das bewerkstelligen kann“, sagt der Gewerkschafter.
Letztlich sei die Situation ähnlich wie in der Autobranche: Auch hier gebe es Konkurrenz aus den asiatischen Ländern. Aber deutsche Unternehmen behaupteten sich dennoch sehr erfolgreich auf dem Weltmarkt.

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