Unternehmen Aufbruchstimmung in Ägypten

Ägypten ist im Aufbruch. Für mittelständische Unternehmen ist das Land eine bedeutende Handels- und Wirtschaftsregion. Auf dem impulse-Unternehmerabend gaben hochkarätige Referenten konkrete Einblicke in diesen spannenden Markt.

Brennende Barrikaden, Steinewerfer auf der einen, Wasserwerfer auf der anderen Seite. Straßenschlachten mitten in der Stadt. Es ist ein dramatisches Foto, das Harald Biederbick zeigt. Der Vorstand des Folienherstellers RKW leitet in Ägypten den Aufbau einer Fabrik. Als der Arabische Frühling vergangenes Jahr Ägypten erreichte, war Biederbeck gerade in Kairo. „Was sehen Sie auf dem Bild?“, fragt Biederbeck in den Saal. Den Tahrir-Platz? Falsch. „Das ist Berlin am 1. Mai.“

Biederbicks Botschaft ans Publikum: Bilder zeigen nur Ausschnitte der Wirklichkeit. „Die Medien haben es so dargestellt, als würde das ganze Land brennen. Dabei saßen 300 Meter vom Tahrir-Platz entfernt die Leute auf den Terassen und haben ihre Shisha geraucht.“ Und die neue Fabrik von RKW, die ist vom Tahrir-Platz etwa so weit entfernt „wie Potsdam vom Cottbusser Tor“, wo Berlin alljährlich brennt. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, nicht nach Potsdam zu fahren, kein Tourist – und schon gar kein Unternehmer.

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„Wir sind schon 90 Millionen!“

Ägypten im Aufbruch, das ist das Thema an diesem Abend, zu dem impulse gemeinsam mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) ins Kölner Hotel im Wasserturm eingeladen hat. Politisch ist das Land im Umbruch: der neue Präsident und Mubarak-Nachfolger Mohammed Mursi, der das Militär teilweise entmachtet hat, ist inzwischen selbst das Ziel von Protesten. Und wirtschaftlich? „Dort leben 80 Millionen Menschen, es gibt eine Mittelschicht mit wachsenden Bedürfnissen, analysiert DEG-Chef Bruno Wenn mit Blick auf den Binnenmarkt.

„Wir sind schon 90 Millionen!“, ruft Mohamed El Sawy lachend dazwischen. Der ägyptische Unternehmer, Gründer einer der größten Werbeagenturen des Landes, gehört zu jenen 100 Persönlichkeiten, die die neue Verfassung erarbeiten. El Sawy ist begeistert von der Entwicklung seines Landes. „Bereits in einem Jahr wird es jeder spüren, dass die Chance auf ein besseres Leben real ist“, sagt El Sawy, der einst die Deutsche Schule in Kairo besuchte. „Jetzt kommt es vor allem auf die jungen Leute an. Sie bestimmen die Zukunft!“

Sie bilden auch ein riesiges Reservoir an Arbeitskräften. „25 Millionen Arbeitnehmer leben allein im Großraum Kairo“, berichtet Uwe H. Lamann, Vorstand von Leoni. Der Nürnberger Automobilzulieferer hat dort sechs Werke, gibt 5000 Leuten Arbeit. Was Lamann während der Revolution beeindruckte: „Keinen Deut wurde die Auto-Produktion durch die Unruhen oder Arbeitsniederlegungen gestört.“

Mitarbeiter schützten Produktionsstätten

Die Mitarbeiter waren es, die die Produktionsstätten schützten. „Bei uns hat die Belegschaft von sich aus ein Sicherheitsteam aufgestellt“, erzählt auch Peter Schweinsteiger. Er ist der Deutschland-Chef eines außergewöhnlichen Unternehmens: Der Feuerlöscher-Hersteller Bavaria Brandschutz hat seine Wurzeln in Bayern und gehört heute zu einer ägyptischen Holding. „Deutsche Wertarbeit ist auch in Kairo möglich“, ist sich Schweinsteiger aus eigener Erfahrung sicher.

Und wie wird es weiter gehen im Land am Nil, das Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in der ganzen Region ist? „Die neue Verfassung wird Unternehmern Investitionssicherheit bringen“, verspricht El Sawy und schiebt hinterher: „Kommen Sie nach Ägypten.“

Leoni ist längst da, Vorstand Lamann will nun weiter expandieren. „Nach Umstürzen gibt es ja häufig ein Chaos. Dort nicht.“ Und je mehr Leute Leoni beschäftigt, desto besser für Harald Biederbick und sein Unternehmen RKW, das unter anderem Folien für Windeln produziert. „Die Leute verdienen ihr Geld bei Leoni und investieren es in Babywindeln – wunderbar.“

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