Unternehmen Bergmanns Heil

Die Arbeiterstädte an Rhein und Ruhr haben ein dichtes Versorgungsnetz geerbt. Die alten Bergarbeiterkrankenhäuser sind der Grundstein für einen einzigartigen Boom der modernen Medizinwirtschaft

Jochen Roeser hat eine Leidenschaft für Volkskrankheiten – schon aus Traditionsbewusstsein. Schließlich verdient seine Familie seit Generationen am Leid der Massen. 1918 erkannte sein Großvater das unternehmerische Potenzial der Bergarbeiterkliniken, die sich rund um die Zechen im Ruhrgebiet angesiedelt hatten und gründete in Mülheim an der Ruhr eine Werkstatt für Prothesen. Der Enkel setzt heute ganz auf die neuen Bürokrankheiten: Rückenleiden, Diabetes, Depressionen. „Wir haben eine hohe Patientendichte“, erklärt Roeser die wirtschaftlichen Vorzüge seines Hauptstandorts. „Zudem liegt der Altersdurchschnitt rund fünf Jahre höher als im Rest der Republik.“ Was andere sorgenvoll als Strukturproblem beschreiben, betrachtet er nüchtern als Megatrend Gesundheit. Das Ruhrgebiet der perfekte Ausgangspunkt für seine Geschäfte.

Über fünf Millionen Einwohner leben im größten Ballungsraum der Republik, jedes Jahr landen 1,3 Millionen von ihnen als stationäre Fälle in einem der rund 130 Krankenhäuser. 9000 Haus- und Fachärzte behandeln weitere 2,2 Millionen Patienten pro Jahr, 1100 Pflegeheime und -dienste versorgen die alternde Bevölkerung. Nirgendwo in Europa finden Unternehmer auf derart engem Raum einen ähnlich großen Absatzmarkt für Produkte, Technologien und Dienstleistungen rund um die Gesundheit. „Die Region ist sicherlich kein traditioneller Standort der Medizin- und Biotechnologie“, sagt Uwe Kremer, Geschäftsführer von Medecon Ruhr, dem wichtigsten regionalen Branchennetzwerk. „Aber sie hat eine herausragende Position als Anwenderregion für Medizinprodukte und Services.“

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Vom Sanatorium zur Uniklinik

Diese Struktur ist ein Erbe des Kohlereviers. Einstige Bergarbeiter-Sanatorien wie das Alfried Krupp Krankenhaus in Essen oder das Berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum wuchsen heran zu Einrichtungen mit Spitzentechnologie. Aus dem kleinen Orthopädiehandel der Familie Roeser wurde zeitgleich die Roeser Medical Gruppe, einer der größten Dienstleister für Krankenhäuser in Europa.

Das elterliche Unternehmen hat Jochen Roeser zwar inzwischen an die luxemburgische Beteiligungsgesellschaft Rosalia verkauft. Der Branche ist er aber erhalten geblieben. Vor zehn Jahren baute er Novotergum auf, ein Netz physiotherapeutischer Praxen im Filialsystem. Zunächst im Ruhrgebiet, dann im Rest Deutschlands. Diesem Muster ist Roeser auch mit anderen Ideen gefolgt. Sieben Unternehmen hat er gegründet und meist schon wieder verkauft, allesamt Dienstleister für die Gesundheitswirtschaft und alle groß geworden zwischen Rhein und Ruhr. „Der Markt für innovative medizinische Dienstleistungen in der Region ist einfach riesig“, schwärmt er. „Sie finden als Anbieter nicht nur genug Patienten, sondern für jedes Projekt gleich mehrere hoch spezialisierte Geschäftspartner direkt vor Ort.“

Im Gegensatz zu Medizin-Clustern auf der Schwäbischen Alb oder im Rhein-Neckar-Raum, wo Medizintechnik und Biotechnologie die Keimzellen für die Gesundheitswirtschaft bilden, sind im Ruhrgebiet die Kliniken Dreh- und Angelpunkt der unternehmerischen Aktivität, erklären regionale Netzwerker wie Medecon-Chef Uwe Kremer. Auch Unternehmer Roeser sagt: „Die Kliniken, Ärzte und Gesundheitsdienstleister in der Region sind alle Experten auf ihrem Gebiet. Der Markt ist dadurch zwar stark zersplittert. Dafür findet man hier aber Experten vom IT-Dienstleister über Logistiker, Biotechnologen und Medizintechniker bis hin zu Demenzforschern.“

Diese Vielfalt ist auch intensiver politischer Förderung zu verdanken. Anfang der 90er-Jahre lockte die Landesregierung mit hohen Subventionen Forscher und junge Unternehmer in den Pott, Lifescience-Firmen standen ganz oben auf der Wunschliste derer, die nach einem Ersatz für weggebrochene Arbeitsplätze in der Industrie suchten.

Nicht immer bleiben die Unternehmer treu

Auch Frank Bartels fand so vor 14 Jahren in die Gegend. Er erinnert sich noch gut daran, wie er mit seiner Firma Bartels Mikrotechnik das für Hightech-Unternehmen gegründete Dortmunder Technologiezentrum bezog: „Die Stadt war damals ein Hätschelkind des Landes NRW, außerdem floss viel Geld aus der Ziel-2-Förderung der EU hierher.“ Seine ersten Maschinen zur Produktion von Mikrochips für Diagnosetechniken bezahlte er fast komplett aus Fördermitteln.

Daneben lockten die Förderer mit technischer Infrastruktur, staatlich unterstützten Forschungszentren und allerlei Initiativen, die den Gründer mit Forschern und Kunden ins Gespräch brachten. „Auch Baden-Württemberg steckte damals viel Geld in die Mikrotechnologieförderung. Durch die EU-Hilfen konnte Dortmund aber mehr Unterstützung bieten“, sagt der Unternehmer.

Wenn sich Märkte verändern, stößt die Förderpolitik allerdings an ihre Grenzen. So kehrte Bartels der Medizintechnik schon nach wenigen Jahren den Rücken: Die jungen Medizintechnikfirmen, die seine Mikrochips kauften, waren im Börsenhype der späten 90er-Jahre groß geworden – mit dem Crash 2001 brachen ihm zwei Drittel der Kunden weg. „Wir mussten uns daraufhin umorientierten.“ Heute beliefert Bartels mit seinen 30 Mitarbeitern vor allem Konsumgüterhersteller, zum Beispiel mit winzigen Pumpen, Filtern und Ventilen für Bügeleisen oder Duftsprays. „Erst seit kurzer Zeit haben wir wieder einen Kunden aus dem Gesundheitsbereich: Ein amerikanischer Geschäftspartner aus der Branche interessiert sich für unsere Mikropumpen“, sagt Bartels.

„Das Ruhrgebiet ist nicht mehr nur ein klassischer Fertigungsstandort“

Der Absatzmarkt im Ruhrgebiet ist eben trotz seiner Größe nicht immer groß genug. Und so hat die Globalisierung auch die Gesundheitswirtschaft im Pott erfasst. Der Industriedesigner Markus Wild hat mittlerweile eine Geschäftsadresse in Gelsenkirchen – und eine in Schanghai. Sein Büro eröffnete er vor 20 Jahren bewusst nicht in Berlin, München oder London, sondern am Rhein-Herne-Kanal. „Für uns ist das Ruhrgebiet nicht mehr in erster Linie ein klassischer Fertigungsstandort – wir sehen die Region als Innovationsschmiede, als großes Experimentierlabor“, sagt Wild. 1996 entwarf er im Auftrag eines Medizintechnikkonzerns das erste Blutdruckmessgerät fürs Handgelenk. „Seitdem haben wir uns systematisch auf Industriedesign für die Gesundheitswirtschaft spezialisiert.“ Ein Arbeitsfeld mit großer Zukunft: „Patienten bedienen Diagnose- und Behandlungsgeräte heute immer häufiger selbst zu Hause“, erklärt Wild. „Die Hersteller müssen ihre Geräte also bedienerfreundlicher gestalten.“

Zu seinen ersten Kunden zählte der Wissenschaftspark Gelsenkirchen, eine Art Gewerbegebiet für neue Unternehmen. Wild gestaltete die Ausstattung der Büro- und Laborräume und zog auch gleich als erster Mieter in das gläserne Haus im Grünen ein. Doch obwohl er selbst davon profitierte und sich durchaus als Lokalpatriot versteht, hält er die Subventionen für wenig nachhaltig, die Standortförderer in den Folgejahren oft in spektakuläre Großprojekte steckten. Viele Unternehmen seien längst wieder weggezogen. „Auch hier im Wissenschaftspark konnte man beobachten, wie große Projekte mit hohen Fördersummen an den Standort geholt wurden, von denen heute kaum noch etwas übrig ist“, sagt Wild. „Da wurde viel Geld mit zu wenig Sachverstand investiert.“ Gerade in forschungsnahen Gebieten wie der Medizintechnik entpuppten sich kleinere Anbieter oft als wendiger – und kreativer. Es ist der Mittelstand, der bis heute für Dynamik sorgt.

Neue Bewegung soll künftig vor allem rund um die großen medizinischen und technischen Studiengänge an den Universitäten entstehen, an Fraunhofer- und Max-Planck-Instituten, zudem durch die klinische Forschung im Revier. Schließlich landen 80 Prozent aller Medizinstudenten Nordrhein-Westfalens im Ruhrgebiet.

Von den insgesamt 164.000 Studenten in allen Fächern will die Region später auch möglichst viele Akademiker anderer Sparten halten, vor allem Ingenieure, Mathematiker oder Naturwissenschaftler. Fünf bis zehn technologie- und wissensbasierte Unternehmen entstehen schon heute jedes Jahr allein aus den beiden Bochumer Hochschulen. Die Landesregierung baut dort derzeit einen neuen Gesundheitscampus nach dem Vorbild des US-amerikanischen National Institutes of Health – acht andere NRW-Städte konnte Bochum bei der Bewerbung ausstechen. Bis 2013 werden rund 200 Millionen Euro verbaut, Platz für verschiedenste Forschungsinstitute und Modellstudiengänge, ein neues Strategiezentrum und rund 2000 Arbeitsplätze. An der Universitätsklinik Essen entsteht derweil ein Protonentherapiezentrum, das die Strahlentherapie revolutionieren soll.

Ein dichtes Netz braucht Netzwerker

Bereits heute sticht – nur ein paar Gehminuten von der neuen Bochumer Gesundheits-Uni entfernt – ein 18 Millionen Euro teures Biomedizinzentrum mit bunter Mosaikfassade aus dem tristen Einheitsgrau der Hochschulbauten hervor. Volker Marquaß, Chef der städtischen Entwicklungsgesellschaft Ruhr-Bochum und Gründer des 2009 eröffneten Zentrums, nennt das Haus gern „Brüterzentrum“. Kleine Unternehmen wollen sie hier beim Großwerden unterstützen. Sie mieten günstig Büros und teilen sich die Labore im Haus. Ein bisschen weht hier nun derselbe Gründergeist wie an den Standorten Dortmund oder Gelsenkirchen vor 15 Jahren.

Jörg Holstein, einer der ersten Mieter in dem Vorzeigeobjekt, hat die Brutphase lange hinter sich: Er startete mit seinem Unternehmen Visus Technology Transfer bereits vor zehn Jahren, damals als Ausgründung der Privaten Universität Witten/Herdecke. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Klaus Kleber hatte Holstein am Institut für Mikrotherapie von Dietrich Grönemeyer geforscht, einem der bekanntesten und umtriebigsten Mediziner der Region. Der gut vernetzte Institutsleiter sah das unternehmerische Potenzial von Holsteins und Klebers Forschungsschwerpunkt Bilddiagnostik – und ermutigte die jungen Wissenschaftler, daraus ein Geschäft zu machen. Mit Erfolg: „Wir vernetzen über eine Bildmanagement-Software Kliniken und Praxen“, erklärt Geschäftsführer Holstein: „Ärzte können damit ihre Befundbilder digital austauschen und zentral archivieren.“ Vom Biomedizinzentrum in Bochum aus bedienen und beraten heute 75 Mitarbeiter weltweit Kunden in Sachen Telemedizin und Bildkommunikation.

Dass sein Unternehmen sich so gut etablieren konnte, hängt für Holstein unmittelbar mit dem Standort Ruhrgebiet zusammen. Denn wo sonst als im dichtesten Versorgungsnetz Europas hätte eine Software zum Datentausch ihren Praxistest besser bestehen können? „Hier haben wir unsere Referenzkunden und Forschungspartner, mit denen wir neue Projekte entwickeln“, sagt Holstein. „Und wir finden qualifizierte IT- und Medizintechnikstudenten, mit denen wir wachsen können.“ Selbst im Krisenjahr 2009 hat sein Unternehmen ein Plus von fast 40 Prozent geschafft. Und der neue Gesundheitscampus vor seiner Haustür, hofft der Unternehmer, wird dafür sorgen, dass das so weitergeht.

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