Unternehmen Bittere Pillen für China – Reformen sollen Wirtschaft kurieren

Eine Wasserstraße in Zhouzhuang in der chinesischen Provinz Jiangsu

Eine Wasserstraße in Zhouzhuang in der chinesischen Provinz Jiangsu© Frederic CHAPRON/Fotolia

Dem Wirtschaftswunderland China geht die Puste aus. Geplante Reformen sind schmerzhaft, aber notwendig. Das Milliardenvolk muss sich auf langsameres Wachstum einstellen, genauso wie ausländische Unternehmen.

Die Diagnose klingt erschreckend: Wachstum auf Pump, hohe Verschuldung, Instabilität am Finanzmarkt, Überkapazitäten in der Industrie und Lagerbestände auf Rekordniveau. Seit zwei Jahren schon erlebt das einstige „Wirtschaftswunderland“ China das langsamste Wachstum seit Ende der 90er Jahre. Auch 2013 waren es wieder nur 7,7 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht: In diesem Jahr soll es sogar noch weniger werden, da China schmerzhafte Reformen plant. Der Abschwung dürfte auch die deutsche Exportindustrie treffen, wenn China weniger Maschinen und Industrieanlagen kauft.

„Dem chinesischen Entwicklungsmodell, über kreditfinanzierte Investitionen das Wachstum anzukurbeln, geht die Luft aus“, sagt der frühere Professor an der Tsinghua Universität, Patrick Chovanec. Auch die Handlungsmöglichkeiten der neuen Führung schrumpften, erläutert der heutige Chefstratege der US-Anlagenverwaltung Silvercrest. „Es bedarf mehr und mehr Kreditvergabe, doch es kommt immer weniger Wachstum dabei heraus.“ Die Regierung stecke in einem Dilemma. „Sie muss die Kreditvergabe eindämmen, aber das bedeutet weniger Wachstum.“

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In der zweiten Jahreshälfte wurde der Kredithahn bereits ein wenig zugedreht. Trotzdem nahm die Kreditvergabe über das ganze Jahr um 9,7 Prozent zu. Das Schattenbankenwesen hat einen wachsenden Anteil, was die Risiken am Finanzmarkt noch erhöht. Die rasant steigenden Schulden lokaler Stellen sind so dramatisch, dass sie die Entwicklung gefährden könnten, warnt der Rechnungshof. Im Juni 2013 standen Provinzen, Städte und Kommunen mit 17,9 Billionen Yuan (2 Billionen Euro) in der Kreide. Ende 2010 waren es erst 10,7 Billionen Yuan.

Zentralkommitee plant umfassende Reformen

„Das Kreditwesen Chinas hat sich in den vergangenen vier Jahren so schnell ausgeweitet, dass es sogar die Entwicklung in Japan in den 80er Jahren, in Südkorea in den 90er Jahren und in den USA vor 2008 in den Schatten stellt“, warnt der ehemalige Präsident der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke, der die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) berät. Angesichts wachsender finanzieller Instabilität hält Wuttke eine große Pleite wie bei der Lehmann-Bank in den USA, die 2008 die globale Finanzkrise auslöste, in China durchaus für möglich.

Hat die neue Führung die Kraft, das Ruder herumzureißen? „Politisch sicher ja, aber hat sie auch das Geld?“ fragt Wuttke. Auf ihrer Plenarsitzung im November beschloss das Zentralkomitee „umfassende“ Reformen. Der Markt soll eine „entscheidende“ Rolle in der Verteilung der Ressourcen bekommen, wozu auch Kapital gehört. Die nötige Liberalisierung der Zinsen würde aber zwangsläufig zu höheren Finanzierungskosten für die Unternehmen führen, was wiederum das Wachstum verlangsamen werde, schreibt die australische ANZ-Bank.

Schwierigere Zeiten für ausländische Unternehmen

Das langsamere Wachstum werde China langfristig aber gut tun, sind sich die Experten einig. „Es wäre sogar besser, wenn es noch langsamer wäre“, sagt Andrew Polk vom US-Forschungsinstitut Conference Board. Reformen wären nicht möglich, wenn die Regierung zu den alten, heute überholten Methoden greife und damit gegen die Abschwächung der Konjunktur ankämpfe. Der Abschwung sei strukturell, nicht zyklisch. „Die heutigen Probleme der Wirtschaft resultieren daraus, dass sie zu schnell gewachsen ist.“

Auch ausländische Unternehmen müssen sich auf schwierigere Zeiten einstellen, wenn China seine Wirtschaft umkrempelt. „Die Investitionen werden an Dampf verlieren“, erwartet Ökonom Chovanec. Auch deutsche Hersteller von Maschinen und schwerem Gerät dürften darunter leiden. „Die Veränderungen, vor denen China steht, werden umwälzend sein“, sagt Chovanec voraus. „Es wird ein holpriger Weg, aber es ist gut für China und den Rest der Welt.“

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