Unternehmen Bloß kein Hightech

Viele Innovationen aus den Forschungslaboren der Textilindustrie erweisen sich als unpraktisch für den rauen Alltag. Was Unternehmer schätzen, sind die simplen Ideen.

Fleischfans dürften dankbar gewesen sein über den Fund, den eine Burger-Braterei an Müller Fleisch in Birkenfeld bei Pforzheim übermittelte. Ein Stück Edelstahl hatte sich in das Rindfleisch aus der Schlachterei verirrt. Woher der Splitter genau stammte, fand Betriebsleiter Lothar Kusche nicht heraus. Seine Nachforschungen ergaben jedoch: Die unappetitliche Metallbeilage könnte aus dem Geflecht eines edelstählernen Handschuhs stammen, wie sie die Schlachter bei der Arbeit tragen. „Wir waren natürlich heilfroh, dass das Fleisch so nicht in den Handel gelangt ist“, sagt Kusche, „und haben nach einem Weg gesucht, solche Vorfälle künftig zu verhindern.“

Die Episode zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Anwendern neuer Schutzbekleidung sein kann: Die Kunden geben Produkteigenschaften vor, sei es wegen neuer Vorschriften oder nach Unfällen. Dann suchen die Produzenten nach Lösungen. Am Ende steht mitunter ein neuer Industriestandard.

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Die Suche führte Kusche ins benachbarte Mühlacker zu seinem Hauslieferanten für den Schneid- und Stechschutz. Bei der Friedrich Münch GmbH & Co. KG war man ebenfalls erpicht darauf, den Mangel zu beseitigen. Und so erfand Münch vor rund zwei Jahren, über 40 Jahre nach Entwicklung des weltweit ersten Schutzhandschuhs aus Edelstahl-Ringgeflecht, seinen „Niroflex“ noch einmal neu. Und zwar in einer magnetischen Variante, sodass sich nun selbst einzelne Ringe auf Metallsuchtischen zuverlässig finden lassen. Die Neuheit stieß schnell in der gesamten Schlacht- und Zerlegebranche auf Interesse, sagt Münch-Verkaufsleiter Frank Günther. „Letztlich hat der Hamburger Vorfall einen neuen Trend gesetzt. Inzwischen verwenden immer mehr Gewerke das neue Schutzmaterial aus magnetischem Metall.“

Unternehmer können sich auf den Forscherdrang der Hersteller verlassen, denn die haben jede Menge Hightech-Produkte in der Pipeline, bestätigt Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil, eines Vereins, der sich darum bemüht, die vielen neuen Stoffe an den Mann zu bringen. In den Laboren wird experimentiert mit Schutzanzügen, die per Funk Gefahren melden. Mit Fasern, die selbstständig Wärme und Kälte regulieren. Oder auch mit passgenauen Schuhen mit einem Formgedächtnis.

Ganz spezielle Wünsche an die Arbeitskleidung hatte auch der Autozulieferer Georg Fischer, der unter anderem in einer Schmelzerei in Friedrichshafen Aluminiumgussteile produziert. Vor den Maschinen stehen Mitarbeiter in 80 Grad heißer Luft und müssen sich zudem gegen Metallspritzer schützen. Die Kollegen schwitzen also gleich doppelt: wegen der Hitze von vorn und zusätzlich wegen ihrer Schutzmäntel. Im Hitzestress leidet die Konzentration. Ende vergangenen Jahres reagierte das Unternehmen dann auf den Rat der Arbeitsmediziner – und machte eine Ausschreibung für Kühlwesten.

Unter den diversen Angeboten fiel die Wahl auf Westen und Kopftücher aus einem speziellen Vliesstoff, die sich mit Wasser vollsaugen und dann per Verdunstungskälte den Körper kühlen. Gegenüber anderen Produkten, die in der Regel vorgekühlt werden müssen, überzeugte die einfache Bedienung – ein Wasserhahn ist schließlich in jedem Werk zu finden. „Inzwischen höre ich immer wieder, dass Kollegen nach Schichtende bei Weitem nicht mehr so müde sind wie früher“, berichtet Claudia Fröhling, Beauftragte für Arbeitssicherheit bei Fischer. Aktuell sind 20 Hightech-Westen im Einsatz. Wenn jetzt auch noch die Unfallzahlen sinken, schafft das Unternehmen weitere der gut 150 Euro teuren Stücke an.

Was die neuen Kleider leisten
Die Textilindustrie arbeitet an Arbeitsschutzkleidung der nächsten Generation: mit neuartigen Stoffen, jeder Menge Sensortechnik und eingewebten Batterien. Welche Themen die Forscher derzeit bewegen:
Hygiene In der Lebensmittelindustrie, in der Gastronomie, in Laboren und in der Gesundheitswirtschaft soll Schutzkleidung Keime wie Bakterien und Pilze abtöten. Traditionell setzen die Hersteller auf die antimikrobielle Wirkung von Silberionen. Die Hohenstein Institute, mehrere privat geführte Forschungszentren, erforschen nun den Einsatz von genauso keimtötendem Zink. Hauptvorteil: Während Silberionen die Arbeitskleidung beim Waschen verfärben, bleibt ein Zinkkittel blütenweiß.
Überwachung Seit Jahren erprobt die Textilbranche Sensortechnik in der Kleidung, die Puls und Atmung überwacht oder vor Gefahren warnt. Ein handfestes Ergebnis hat das Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik der Uni Bremen in Form des Glovenet erzielt. Dahinter steckt ein Handschuh, der die Hauttemperatur misst, außerdem spezielle Handzeichen lesen und an die Einsatzleitung übermitteln kann. Und das nicht über störungsanfällige Funkleitungen, sondern über moderne Netztechnik. Das Projekt gilt als wegweisend.
Klimatisierung Zum Schutz gegen Hitze schwören Sportler auf das Zwiebelprinzip mit vielen Kleiderlagen – und auf Kunstfasern, die den Schweiß von der Haut wegtransportieren. Dieselben Textilien finden sich immer häufiger auch in Berufskleidern für den Einsatz an heißen Orten, genauso wie wärmeisolierende Fasern in kalten Umgebungen. Neu sind Stoffe, die Körperwärme aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben. Sie können beides: wärmen und kühlen.
Stromversorgung Wer Technik in Textilien einarbeiten will, und das gilt als eine Schlüsseltechnik der kommenden Jahre, braucht dazu Strom. Genau daran hapert es, schließlich will niemand mit klobigen Akkus in der Tasche rumlaufen. Entsprechend große Hoffnungen ruhen auf Experimenten mit flexiblen Solarzellen und thermoelektrischen Fasern, die Körperwärme in Strom verwandeln. Ganz neu sind Mini-Akkus, die sich einweben lassen.

Abseits von Hitze- und Kälteschutz hat sich Hightech-Kleidung aber noch nicht durchgesetzt. Das gilt vor allem für die sogenannten Smart Textiles oder Wearable Electronics, die vollgestopft sind mit Messtechnik und Funkschnittstellen. Etwa Hosen für Holzfäller, die per Sensor die Säge stoppen, wenn diese auf das Bein abrutscht. Oder eine Feuerwehrkluft, die Herzfrequenz und Puls überwacht – und auch helfen könnte, verunglückte Brandschützer zu orten.

„Elektronik in der Schutzkleidung mag sicher irgendwann zum Trend werden“, sagt Karsten Beisert, Geschäftsführer des Textilmietanbieters Bardusch aus Ettlingen bei Karlsruhe: „Aber ein konkretes Thema ist das für unsere Kunden noch nicht.“ Die teure Elektrokleidung hat nämlich entscheidende Nachteile: Im rauen Alltag reagiert sie recht empfindlich auf fehlerhafte Bedienung, verzeiht kein Knüllen oder Werfen. Und all die Raffinessen nutzen nun mal wenig, wenn sie im Ernstfall gar nicht funktionieren. Ungeklärt sind zudem Datenschutzfragen: Darf man den Gesundheitszustand eines Mitarbeiters überhaupt abfragen und Daten über seine Körperfunktionen speichern?

„Über diese Themen wird in Zukunft noch eine breite Debatte entstehen“, prophezeit der Textilingenieur Wolfgang Quednau von Mewa Textil-Service, der in mehreren Normungsgremien für Arbeitskleidung aktiv ist. Und Klaus Jansen vom Forschungskuratorium Textil weist auf ein weiteres, ganz praktisches Problem mit der Hightech-Kleidung hin: „Sensordurchflochtene Schutzkleidung kann man auch nicht einfach waschen.“ Solange solche Fragen nicht geklärt sind, tun Unternehmer gut daran, nicht zu viel in Hightech im Textil zu investieren.

Genauso falsch wäre es allerdings, sich beim Klamottenkauf allein von hochtechnischen Namen abschrecken zu lassen. Hinter „Phase Change Materials“, einem weiteren Großtrend aus den Kunstfaserlaboren, verbergen sich zum Beispiel inzwischen gut erprobte Stoffe, die Wärme speichern und wieder abgeben können. Das hilft überall, wo Menschen mal im Warmen, mal im Kalten arbeiten. Ursprünglich hatte sich die US-Raumfahrtbehörde Nasa dafür interessiert, inzwischen sind Schuhe aus demselben Material zum Beispiel auch in Mönchengladbach im Einsatz, beim Maschinen- und Anlagenbauer SMS Meer.

Ralf Büchsenschütz, Leiter Arbeitssicherheit, Umwelt- und Werkschutz im Hauptwerk, ordert für die Mitarbeiter in der Produktion jedes Jahr rund 1000 Paar Arbeitsschutzschuhe, gefüttert mit entsprechenden Funktionsfasern. „Grundsätzlich muss es für uns kein überteuerter Hightech-Artikel sein“, sagt Büchsenschütz. „Aber wenn die Hersteller sinnvolle Produkte entwickeln, sind wir nicht abgeneigt, die auch mal auszutesten.“ Die „Phase Change“-Schuhe gehören definitiv dazu. Denn sie haben einen ganz praktischen Nutzen, den Büchsenschütz auch persönlich schätzt. „Meine Kinder sagen nicht mehr „Füße waschen!“, wenn ich nach Hause komme.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 06/2012.

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