Unternehmen UMU-Preisverleihung: Blumen statt Sozialismus

Die Grünenpolitikerin Kerstin Andreae bei der Verleihung des 20. Deutschen Elite-Mittelstandspreises in Berlin

Die Grünenpolitikerin Kerstin Andreae bei der Verleihung des 20. Deutschen Elite-Mittelstandspreises in Berlin© Union Mittelständischer Unternehmen

Was für eine Choreographie: Auf ihrem Parteitag beschließen die Grünen Steuererhöhungen, von denen sich vor allem der Mittelstand angegriffen fühlt. Ein paar Tage später verleiht die Union mittelständischer Unternehmer ihren Elitepreis – ausgerechnet an eine Grünen-Politikerin. Da war Feuer unterm Dach.

 

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Am Ende gab es dann doch noch Blumen für Kerstin Andreae, 44, es gab warme Glückwünsche, Blitzlicht und Gruppenfotos. Wie es sich für eine Preisverleihung eben so gehört. Nur mit dem zweiten Blumenstrauß wussten die Ausrichter von der Union mittelständischer Unternehmer (UMU) nicht so recht, wohin. Den bekommt traditionell die Frau des Preisträgers. Doch die Grünen-Politikerin Andreae hatte nur Männer mitgebracht, ihren Gatten Volker Ratzmann, ebenfalls ein Grüner, und ihren kleinen Sohn Mauritz. Ein Blumenstrauß für Herrn Ratzmann? Kurze Ratlosigkeit auf der Bühne, Diskussionen, Seitenblicke. Nein, irgendwie doch nicht. Ein Ausrichter erspähte Christine Scheel, Preisträgerin des Jahres 2000, die zufällig gerade des Wegs kam – und ehe sie sich versah, einen Blumenstrauß in der Hand hatte. Schadet ja nicht.

Worte wie Peitschenschläge

Es war vieles ein bisschen anders bei der Verleihung des 20. Deutschen Elite-Mittelstandspreises am Freitagabend in Berlin. Nicht nur, dass Kerstin Andreae erst die zweite Frau ist, die diese Auszeichnung erhält, nach zwölf Männern in Folge. Auch die Festreden waren in, nun ja, ziemlich robustem Ton vorgetragen. Denn die Grünen-Fraktionsvizin im Bundestag hatte nicht nur sich und ihre Familie dabei, sondern auch einen Parteitagsbeschluss der Grünen vom Vorwochenende: Spitzensteuersätze hoch, von 42 Prozent auf 46 Prozent ab einem Einkommen von 60.000 Euro und auf 49 Prozent ab 80.000 Euro. Dazu eine Abgabe für alle Nettovermögen ab einer Million. Und so gab es Blumen für Kerstin Andreae, aber vorher auch Worte wie Peitschenschläge. Enteignung! Sozialismus! Kaspereien!

„Wir ehren heute abend Kerstin Andreae und keine Parteitagsbeschlüsse“, stellte UMU-Chef Hermann Sturm in seiner Festrede gleich zu Beginn klar. Was die Grünen da beschlossen hätten, sei „eine partielle Enteignung des deutschen Mittelstands“.  Kapital in den Händen der Bürger sei immer besser als Kapital in den Händen des Staates. Manfred Kurz, Chef der Berliner Würth-Repräsentanz und Gastgeber des Abends, holte noch weiter aus. Das deutsche Steuerrecht mit seinen 33.000 Paragrafen sei kein Kapitalismus mehr, sondern „semisozialistisches Cabaret“, die Steuerpläne von Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin „Kaspereien“. Die einzige sozialistische Gemeinschaft, die funktioniere, sei die Familie. Da gab es im Saal auch mal Gelächter, wenn auch ungläubiges.  Und mildes Entsetzen bei den wenigen Grünen im Saal. Das hatte man nicht erwartet.

Grüne Steuerpläne treffen einen Nerv

Tatsächlich scheint die Partei mit ihren Steuerplänen einen Nerv getroffen zu haben, auch wenn sich das in der Bevölkerung anders darstellt als im Berliner Würth-Haus. 72 Prozent der Deutschen halten laut „ARD-Deutschlandtrend“ von Infratest Dimap Steuererhöhungen für richtig. Allerdings glauben auch 61 Prozent, dass die Pläne Rot-Grün bei der Bundestagswahl im September schaden werden. Kerstin Andreae wird im Wahlkampf also einiges zu erklären haben.

Sie ist, glaubt man dem Laudator Roland Berger, nicht die falscheste für diese Aufgabe. Die Grünen-Politikerin erhalte den Preis für ihren „langjährigen Einsatz für den deutschen Mittelstand“. Und weil sie zu einer kleinen Gruppe von echten Wirtschaftspragmatikern in ihrer Partei gehöre, die immer auch „an die Bedürfnisse der Unternehmen und nicht zuerst an den ideologischen Überbau denke“, sagte Berger. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Wilfried Kretschmann erinnerte daran, dass Andreae auf dem mittlerweile legendär-berüchtigten Parteitag einen Passus in das Wahlprogramm bugsiert habe, demzufolge die Unternehmen nicht überfordert werden dürften. Immerhin. Dann seufzte er: „Jetzt muss ich ihnen die Ergebnisse meines Parteitags schmackhaft machen.“ Das dürfte nicht schwieriger sein, als Sand in der Wüste zu verkaufen. „Aber nicht viel.“

„Man muss nicht jede Regelungslücke nutzen“

Als 20. Preisträgerin des Elite-Mittelstandspreises steht Kerstin Andreae jetzt in einer Reihe mit Gerhard Schröder, Friedrich Merz oder auch Rainer Brüderle. Anders als manch einer ihrer Vorgänger glaubt sie, dass „der Staat mehr Geld braucht“. Ähnlich wie manch einer ihrer Vorgänger glaubt die Tochter eines FDP-Kommunalpolitikers, dass der Staat nicht alles regeln müsse. „Aber“, sagte sie mit Blick in den Saal, „das heißt eben auch, dass man nicht jede Regelungslücke nutzen muss.“

Dann gab es doch noch Blümchen statt Sozialismus für die Preisträgerin. Und ein Schlusswort von Jörg Asmussen, der im Direktorium der Europäischen Zentralbank sitzt und deutschen Finanzministern unterschiedlicher Couleur gedient hat: „Man darf einen einzelnen Parteitag nicht zum Maßstab aller Dinge machen. Das wissen alle, die schon lange Politik machen.“

Preisträgerin Kerstin Andreae (4.v.l.) mit Vertretern der Union mittelständischer Unterenehmer und dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (5.v.l.).

Preisträgerin Kerstin Andreae (4.v.l.) mit Vertretern der Union mittelständischer Unterenehmer und dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (5.v.l.).© Union mittelständischer Unterenehmer

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