Kleinunternehmer nach den G20-Krawallen „Das war das erste Mal, dass ich Angst hatte.“

Geplünderte Geschäfte, eingeschlagene Fensterscheiben: Die Krawalle im Zuge des G20-Gipfels haben auch Kleinunternehmer getroffen. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Bei den Krawallen in der Nacht auf Samstag haben Randalierer das Hamburger Viertel Sternschanze verwüstet: Sie errichteten Barrikaden, zündeten sie an, zerschlugen Schaufensterscheiben, plünderten Geschäfte. Nicht nur große Unternehmen wie REWE, o2 und die Sparkasse sind betroffen – auch kleine Unternehmer, die seit Jahrzehnten im Viertel etabliert sind, tragen einen Schaden davon.

impulse hat mit zwei Kleinunternehmern gesprochen. Stüdemanns Kaffee & Teeladen und das Restaurant Taverna Romana liegen auf der Straße Schulterblatt, im Zentrum der Ausschreitungen.

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Wie die Inhaber die Krawallnacht erlebt haben – und wie es für sie weitergeht.

Jutta Franck (70), Inhaberin von Stüdemanns Kaffee & Teeladen

Das Schaufenster von Jutta Francks Teeladen wurde eingeschlagen – die Scheibe ist nicht zu Bruch gegangen, muss aber ersetzt werden. Trotz des Schadens bleibt Franck gelassen.

„30 Jahre lang ist bei mir nie etwas passiert. Ich war zuversichtlich und dachte, bei uns macht schon keiner die Scheiben kaputt. Sonst hat es immer die Großen getroffen, die Deutsche Bank und die Haspa (Hamburger Sparkasse). Mein Mann sagte, das war bestimmt nicht gewollt. Das muss ein Querschläger gewesen sein.

Ich war während der Krawalle nicht hier. Wir haben schon Donnerstag um 16 Uhr dicht gemacht, weil kaum was los war. Freitag hatten noch einige Geschäfte offen, wir dachten uns, wir machen besser nicht auf.

„Die Menschen hier haben um ihr Leben gebangt.“

Wir haben unheimlich Glück gehabt und wurden im Vergleich zu anderen wirklich verschont. Die Menschen hier haben am Freitag um ihr Leben gebangt. Bei Rewe wurde ein Brandsatz reingeschmissen.

Ein Nachbar hat mich am Samstag angerufen und mir gesagt, dass die Randalierer die Scheibe eingeschlagen haben. Da fehlen einem die Worte, das war ganz furchtbar. Ich bin erst Sonntag zum Laden gefahren, Samstag wäre ich gar nicht durchgekommen, da war die Hölle los.

Am Samstag hat sich ein Nachbar mit einem Stuhl vor unseren Laden gesetzt und aufgepasst. Zwischendurch war er zehn Minuten weg – danach war die Scheibe noch stärker eingeschlagen.

Letzte Woche hat eine Glaserin ihre Visitenkarte hier gelassen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie je wieder sehe. Jetzt brauche ich eine neue Scheibe.

„Den Schaden ersetzt die Stadt.“

Meine Angestellte hat heute Morgen mit der Hausverwaltung telefoniert. Wir sollen den Schaden der Polizei melden und Anzeige erstatten. Den Schaden ersetzt dann nicht die Versicherung, sondern die Stadt.

Wie viel Geld ich genau verloren habe, weiß ich noch nicht. Da ist die kaputte Scheibe, und wir hatten Freitag und Samstag geschlossen, ich habe nichts eingenommen.

Der Polizei gebe ich keine Schuld. Die können nur machen, was sie dürfen. Ich möchte in dieser Nacht kein Polizist gewesen sein, als Molotow-Cocktails von den Dächern geschmissen wurden.

Die Leute von der Roten Flora hätten ihr Viertel verteidigen müssen und der Masse sagen sollen, dass sie das hier nicht wollen.“

Während Jutta Franck erzählt, betritt eine Frau das Geschäft – es ist die Glaserin, die der Besitzerin in der Woche zuvor ihre Visitenkarte gegeben hatte. Für die Glaserin laufen die Geschäfte gut: Innerhalb einer Woche will sie dem Teeladen ein neues Fenster einsetzen, das zwischen 1200 und 1500 Euro kostet.

Sokratis Apostolidis (70), Inhaber der Taverna Romana

Das Restaurant Taverna Romana wurde von den Randalierern verschont – Wirt Sokratis Apostolidis trägt einen ganz anderen Schaden davon. Während er berichtet, ist er den Tränen nah.

„Wir waren Freitagnacht hier, auch unser Personal und einige Gäste. Als die Krawalle anfingen, haben wir die Tür zugemacht und die Gäste durch den Notausgang rausgelassen.

Wir standen am Fenster und haben das Licht ausgeschaltet. Direkt vor dem Restaurant brannte ein riesiges Feuer. Der Wind hat es in unsere Richtung geweht. Auch bei Rewe nebenan hat es gebrannt, wir hatten Angst, dass das Feuer zu uns kommt. Wir danken dem lieben Gott, dass uns nichts passiert ist.

Die Randalierer sind nicht in das Restaurant eingedrungen, aber wir haben gezittert. Wir haben gebetet, dass es vorbei geht.

Was ich nicht verstanden habe, ist, dass die Polizei bei den Politikern beim Konzert an der Elbphilharmonie war. Donnerstag und Samstag gab es hier auch Feuer, da ist die Polizei vorgerückt. Wir sind Menschen zweiter Klasse, die haben uns schmoren lassen.

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Die Polizei kann aber nichts dafür, sondern die, die das organisiert haben.

„Wir brauchen Wochen oder Monate, bis wir das verarbeitet haben“

Ich war die ganze Nacht im Restaurant. Erst um sieben Uhr morgens konnte ich mich etwas beruhigen. Meine Angestellten und ich brauchen bestimmt etliche Wochen oder Monate, bis wir das psychisch verarbeitet haben. Bis wir wieder richtig denken können.

Natürlich habe ich Umsatzeinbußen. Für den Schaden kommt niemand auf.

Ich betreibe das Restaurant mit meiner Familie seit Ende 1976. Das ist das erste Mal, dass ich Angst hatte.“

 

In der Bildergalerie über dem Artikel finden Sie Fotos von weiteren Geschäften, die während der Krawalle beschädigt wurden.

 

 

 

 

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