Unternehmen Britischer Wirtschaftsminister: „Eine unserer großen Schwächen ist die Zulieferindustrie“

Die britische Wirtschaft zieht nach Jahren des Darbens wieder an. Doch das Wachstum ist stark von der Dienstleistungsbranche abhängig. Im Interview bezeichnet der britische Wirtschaftsminister Vince Cable die Haltung seiner Vorgänger, massiv Finanzdienstleistungen zu unterstützen, als "furchtbaren strategischen Fehler" und spricht über den langen Weg des Vereinigten Königreichs zurück zum Industrie- und Exportland.

Herr Wirtschaftsminister, war die Politik der De-Industrialisierung und das gezielte Stärken von Finanzdienstleistungen der größte politische Fehler in Großbritannien in der jüngeren Geschichte?

Die De-Industrialisierung hat ihre Wurzeln in den 15 bis 20 Jahren vor der Finanzkrise. Es war eine lange Zeit der Überbewertung unserer Währung, die enormen Schaden im produzierenden Gewerbe anrichtete. Und um offen zu sein: Die Politiker in dieser Zeit haben einfach weggeschaut. Sie waren geradezu besessen von Banken und Finanzdienstleistungen und glaubten, dass das Land vom Londoner Bankenviertel leben kann. Das war ein furchtbarer strategischer Fehler. Und eines der Opfer war ein Teil unseres sehr guten industriellen Sektors.

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Was macht es so schwer, wieder aufzuholen?

Eine unserer großen Schwächen ist die Zulieferindustrie. Sie wurde in der Zeit der De-Industrialisierung ausgehöhlt und wir tun jetzt viel, das wieder zu korrigieren. Ein zweites Problem ist: Wir sind verzweifelt auf der Suche nach ausgebildeten Fachkräften, besonders Ingenieure. Kurzfristig versuchen wir, das durch Migration aufzufangen, von innerhalb und außerhalb der EU. Wir versuchen auch, das deutsche Ausbildungssystem zu integrieren. Wir versuchen, gute Deutsche zu sein.

Die Politik ihres Koalitionspartners David Cameron scheint in Sachen Migration in eine andere Richtung zu laufen. Schadet es dem Land, wenn Cameron die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU in Frage stellt?

Das ist ein Problem in ganz Europa. Sehr liberale Länder wie Dänemark, Schweden, Finnland, ich glaube auch Deutschland – es gibt Widerstand gegen Migration, das ist kein britisches Problem. Wir müssen da vorsichtig sein, denn wir wissen, dass die Zuwanderung von Arbeitskräften und von Studenten von außerhalb der EU sehr hilfreich sein kann für die Volkswirtschaft in Großbritannien. Und es gibt ein Risiko, dass die Rhetorik einerseits aber auch die Realität von Einwanderungskontrollen andererseits ernsthaft den wirtschaftlichen Erfolg beeinflussen.

Die Autoindustrie in Großbritannien erlebt gerade eine Art Wiederauferstehung. Was hat Großbritannien dort richtig gemacht?

Die Autoindustrie ist eine Erfolgsgeschichte. Die Firmen sind in der überwältigenden Mehrheit in ausländischer Hand, man denke an BMW und Mini aber auch Nissan, was unser größter Autohersteller ist. Die ausländischen Investoren haben ganz klar entschieden, dass Großbritannien für sie ein guter Markt ist. Sie investieren in großem Stil in neue Kapazitäten. Wir bekommen acht Milliarden Pfund an Investitionen, Jaguar Land Rover zum Beispiel und auch BMW. Wir kooperieren mit dem Unternehmen, nicht nur bei der Ausbildung von Fachkräften, auch bei der Entwicklung zum Beispiel neuer Antriebs- oder Batteriesysteme.

Glauben Sie, dass die Entscheidung, 2017 in Großbritannien ein Referendum über den Verbleib in der EU abhalten zu wollen, für die Investitionen aus dem Ausland ein Problem sein könnten?

Es ist ein Problem, aber es ist kein großes Problem. Vor allem die Japaner haben ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht, weil ein großer Teil ihrer Investitionen auf der Annahme beruht, dass Großbritannien im europäischen Binnenmarkt bleibt. Unsere Antwort ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Großbritannien die EU verlässt, sehr klein ist – sie liegt bei fünf Prozent. Es ist ein Risiko, aber kein riesengroßes Risiko. Verglichen mit anderen Risiken in der Wirtschaft, ist das kein großer Faktor.

 
 

Vince Cable ist seit 2010 britischer Wirtschaftsminister. Die Partei des 70-Jährigen, die Liberal Democrats, koaliert als Juniorpartner mit den Konservativen von Premier David Cameron.

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