Unternehmen Bürgerprotest bremst Stromnetzausbau

Eine Stromtrasse in Deutschland.

Eine Stromtrasse in Deutschland.© focus finder / fotolia

Im Norden zu viel Strom aus Windkraft, im Süden zu wenig, dazwischen fehlen Stromautobahnen. Bei diesem Kerndilemma der Energiewende wird es wohl noch länger bleiben. Denn der Netzausbau stockt.

Durch Einsprüche von Bürgern, Planungsänderungen und Verzögerungen bei der Zusammenarbeit verschiedener Behörden gerät der für die Energiewende unerlässliche Stromnetzausbau ins Stocken. „Insgesamt kommt der Ausbau der Stromnetze bisher nur sehr langsam voran“, sagt Jochen Homann. Chef der Bundesnetzagentur, die den Netzausbau in Deutschland steuert und kontrolliert. „Ursprüngliches Ziel war es, einen Großteil der Vorhaben des aktuell laufenden Ausbauprogramms EnLAG bis zum Jahr 2015 zu verwirklichen. Bei realistischen Schätzungen ist jedoch davon auszugehen, dass bis 2016 nur etwa 50 Prozent erreicht werden“, heißt es im Monitoringbericht 2013 der Netzregulierungsbehörde.

Immerhin: Im Laufenden Jahr wurden nach Angaben der Netzbetreiber bisher über 50 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen gebaut. In Ostdeutschland kamen 22 Kilometer hinzu, teilte der Betreiber 50Hertz am Mittwoch mit. Zudem stellte der Betreiber Amprion die 30 Kilometer lange Strecke Grafschaft-Sechtem in Nordrhein-Westfalen fertig.

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Bundesnetzagentur-Chef Jochen Homann hatte zuvor gesagt, 2013 sei von den Projekten des Ausbauprogramms EnLAG kein einziger neuer Leitungskilometer tatsächlich gebaut worden und damit in Fachkreisen Verwunderung ausgelöst. Am Mittwoch räumte der Präsident der Bundesnetzagentur ein: „Wenn die Übertragungsnetzbetreiber jetzt in geringfügigem Umfang Baufortschritte melden, dann ist das zu begrüßen.“ Nun komme es darauf an, dass die Teilabschnitte auch rasch fertiggestellt und in Betrieb genommen werden.

Wütende Bürgerproteste und Klagen bis zum Bundesverwaltungsgericht

Der Netzausbau wird vor allem für die Stromversorgung Süddeutschlands wichtig, wenn Ende 2015 das Kernkraftwerk im fränkischen Grafenrheinfeld abgeschaltet wird. Dann soll über die sogenannte Thüringer Strombrücke – eine insgesamt 210 Kilometer lange Stromautobahn zwischen Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) und Redwitz (Bayern) – Strom von Norden nach Süden transportiert werden. Gegen das EnLAG-Projekt gab es wütende Bürgerproteste und Klagen bis zum Bundesverwaltungsgericht.

Die Netzbetreiber versicherten, dass sie wie geplant bis Ende 2015 mit der Leitung fertig würden, sagte Homann. Vorsorglich habe seine Behörde aber schon mal den Reservekraftwerksbedarf für den Winter 2015/16 berechnet, falls die Strombrücke ausfällt. Dann müsse die Stromreserve von aktuell rund 2,5 Gigawatt auf 4,8 Gigawatt annähernd verdoppelt werden.

500 bis 1000 Meter breite Trassen

Dass Beteiligungsangebote an die Bürger kein Allheilmittel für mehr Akzeptanz neuer Stromleitungen seien, habe die enttäuschende Resonanz auf ein Bürgerleitungsprojekt in Schleswig-Holstein gezeigt, sagte Homann. Die Anleihe des Netzbetreibers Tennet war ganze 142 Mal gezeichnet worden. Viele Anwohner hätten die Idee prinzipiell gut gefunden, aber entweder kein Geld gehabt oder das Finanzprodukt zu kompliziert gefunden, hatte Tennet mitgeteilt.

Das Projekt sei falsch aufgesetzt worden, kritisierte Homann: Angeboten wurde eine Beteiligung am Tennet-Konzern insgesamt, nicht an der realen Leitung vor der eigenen Haustür. Die Anleihe sei außerdem zu riskant gewesen und der Ertrag habe sich nicht sicher abschätzen lassen, kritisiert Verbraucherschützer Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. „Das hatte Feigenblattcharakter, und die Bürger haben das durchschaut.“

Wenn zu Jahresbeginn für das nächste und wesentlich umfangreichere Stromleitungs-Ausbauprogramm die ersten konkreten Trassenvorschläge öffentlich diskutiert werden, rechnet Netzagenturchef Homann mit weiteren Bürgerprotesten. Das Programm nach dem Bundesbedarfsplan sieht weitere 2800 Leitungskilometer vor – darunter drei große Gleichstromleitungen in Nord-Südrichtung.

Menschenketten und Tausende Einwendungen von Anwohnern

Die Trassen sollen 500 bis 1000 Meter breit sein. Damit ist der künftige Verlauf der Leitung schon relativ deutlich festgelegt – und damit auch, wer sie vor der Nase haben wird. „Dass das komplikationslos verlaufen wird, davon gehe ich nicht aus“, sagt Homann.

In Meerbusch-Osterrath bei Düsseldorf regt sich der Bürgerzorn schon seit vielen Monaten und bevor über konkrete Trassen überhaupt geredet wurde. Die Stadt ist voll mit „Kein Konverter“-Plakaten, mit der die gut situierten Osterrather gegen eine technische Großanlage für eine Stromautobahn protestieren. Es gab tausende Einwendungen und im Frühjahr eine öffentlichkeitswirksame Menschenkette.

Homann bleibt dennoch gelassen. Enttäuscht sei er über die Verzögerungen beim Netzausbau nicht, betont der Netzagenturchef. „Enttäuscht wäre ich, wenn ich etwas anderes erwartet hätte.“ Infrastrukturprojekte von solch einer Größe seien nun mal kompliziert.

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