Unternehmen Das „1:12-Gespenst“ sorgt für Unruhe in Schweizer Chefetagen

Die Schweizer Flagge

Die Schweizer Flagge© JWS - Fotolia.com

Chefs sollen in der Schweiz nur noch zwölf Mal so viel verdienen dürfen wie einfache Angestellte? Vor einem Jahr noch war eine entsprechende Initiative der Jungsozialisten von vielen mit einem müden Lächeln bedacht worden. Doch inzwischen herrscht Unruhe in den Chefetagen. Denn in Umfragen halten sich Befürworter und Gegner mittlerweile fast die Waage.

Armes Deutschland. Das denkt so mancher Schweizer angesichts der quälenden Mindestlohn-Debatten im großen Nachbarland. Acht Euro und fünfzig Cents pro Stunde? Für so wenig Geld würde zwischen Matterhorn und Bodensee kaum jemand einen Finger krumm machen. Ein menschenwürdiger Stundenlohn – so die Ansage der Schweizer Gewerkschaften – beginnt bei 22 Franken. Das sind 18 Euro. Und die Entscheidung darüber wird nicht etwa von Politikern gefällt, sondern bei einem Referendum vom Volk.

Erst im Frühjahr hatten die Schweizer weltweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie per Volksabstimmung allzu gierigen Managern die Rote Karte zeigten: Mit deutlicher Mehrheit votierten sie für die „Abzocker-Initiative“, durch die Mitbestimmungsrechte von Kleinaktionären bei den Einkommen der Bosse gestärkt und allzu üble Gehaltsexzesse in den Chefetagen gar unter Strafe gestellt wurden.

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Bis dahin galt die Schweiz als Champion marktliberalen Wirtschaftens. Inzwischen aber verbreitet in ihren Konzernzentralen das Gespenst eines Umbaus der Wirtschafts- und Arbeitswelt in Richtung staatlicher Reglementierung Angst und Schrecken. Nach dem „Abzocker“-Referendum stehen zum Thema „Gerechtigkeit in einer modernen Gesellschaft“ noch drei weitere Volksabstimmungen an.

Abstimmungen über Mindestlohn und Einkommensgrenze

Für die wohl spektakulärste werden die Eidgenossen zum 24. November an die Urnen gerufen. Bevor sie im nächsten Jahr über einen Mindestlohn von umgerechnet 18 Euro sowie eine Erbschaftssteuer für Millionäre befinden, geht es jetzt erstmal um Ja oder Nein zur „Initiative 1:12“: Künftig soll das höchste Gehalt in einem Unternehmen nicht mehr als das Zwölffache des niedrigsten betragen dürfen. Das Monatseinkommen eines Spitzenmanagers – etwa beim Pharmariesen Roche oder bei dem weltgrößten Lebensmittelkonzern Nestlé – dürfte dann also maximal dem Jahreseinkommen eines einfachen Angestellten entsprechen.

Der Abstimmungskampf über diese Initiative der Schweizer Jungsozialisten ist nun voll entbrannt: „Wahnsinn, der Untergang der Schweiz“, warnt das Unternehmerlager. „Lohndiktat vom Staat? Nein“, steht auf Postern an sämtlichen Bahnhöfen. Auf anderen heißt es „Arbeitsplätze vernichten? 1:12 Nein“. Und damit wirklich jeder erkennt, welche Gefahr droht, prangen über dem „Nein“ Hammer und Sichel, Symbole kommunistischer Gesellschaften.

Die Befürworter von 1:12 – vor allem die Sozialdemokraten und Teile der Gewerkschaften – versuchen es mit Humor: Neben einem einzelnen Hamburger-Sandwich türmt sich auf einem ihrer Poster ein eindrucksvoller Stapel von zwölf ähnlich großen Bratklops-Brötchen auf. Dazu der Slogan: „12 x mehr ist genug. Gerechte Löhne schaffen.“

Befürworter holen in Umfragen auf

Noch vor einem Jahr war der Vorschlag im bürgerlichen Lager mit mitleidigem Lächeln bedacht worden. Die Jusos halt, die Träumer. Doch inzwischen halten sich bei Umfrage Befürworter und Gegner fast die Waage, denn immer noch sind viele Schweizern wütend über Millionen-Exzesse in Banken und Konzernen. Die fahren inzwischen große Geschütze gegen 1:12
auf: Eine „Kriegserklärung gegen die Wirtschaft“ sei das, schimpft der Präsident des Wirtschaftsnetzwerkes Succèsuisse, Ruedi Noser, in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ).

„Kein einziges ausländisches Unternehmen würde bei einer Annahme der Initiative mehr in die Schweiz ziehen wollen“, malt Nestlé-Vizepräsident Andreas Koopmann den Teufel an die Wand. Und der Logistik-Konzern Kühne+Nagel droht mit Abzug aus der Schweiz. „Ich sehe nicht, wie wir unsere Topmanager dann noch nach den heutigen Maßstäben bezahlen sollten“, sagte Mehrheitsaktionär Klaus-Michael Kühne dem Wirtschaftsmagazin „Bilanz“. Sein Vater hatte das Unternehmen 1969 in die Schweiz verlegt, nachdem in Deutschland die SPD an die Macht gekommen war.

Christian Levrat, Präsident der Schweizer Sozialdemokraten, hält das für Stimmungsmache. Das Land habe etliche Unternehmer, die bei den Bezügen Maß hielten. Auch bei Einführung von „1:12“ würden genügend Führungskräfte „den Fortbestand des Erfolgsmodells Schweiz garantieren“, schrieb er in der NZZ. Unabhängig vom Ausgang des Referendums stellen sich mittlere Unternehmen, deren Topmanager ohnehin kaum betroffen wären, schon auf den Fall ein, dass 2014 die Mindestlohn-Initiative durchkommt. Die Handelskette Lidl Schweiz etwa zahlt mit Wirkung vom 1. Dezember ihren 2300 Beschäftigten einen Monatslohn von mindestens 4000 Franken (3250 Euro).

2 Kommentare
  • Daten-Salat 6. November 2013 10:37

    In der Bundesrepublik Deutschland gibt es eine steuerliche Bestimmung aus grauer Vorzeit, von der praktisch niemand in den Medien spricht: Um steuermindernd als Kosten absetzbar zu sein, darf das Gehalt des Höchstverdienenden nicht mehr als das Dreifache des nächstniedrig Verdienenden sein.

    Möglicherweise hilft eine solche Vorschrift aber nicht dagegen, dass sich mehrere Vorstände die Gehälter gegenseitig hochschaukeln.

    Ich bin bestimmt weder National- noch sonstiger Sozialist, aber Regierungen sollten sich nicht von Unternehmensleitungen erpressen lassen. Wenn heutige Topmanager nicht für geringere Vergütungen arbeiten mögen, finden sich bestimmt Zehntausende von Hochqualifizierten im zweiten Glied, die deren Position gern und erfolgreich preiswerter erledigen möchten. Und ob alle unzufriedenen Konzernlenker ihren Wohnsitz und ihre Unternehmen nach Königsberg in Ostpreußen verlegen möchten, nur weil die Russen dort geringe Steuersätze anbieten, wage ich zu bezweifeln.

  • M. Sonderegger 4. November 2013 22:10

    Wenn das Volk im Staat Ungerechtigkeit mitansehen muss und diese trotz Kritik aus dem Volk nicht weniger, sondern mehr wird, findet sich irgendwann eine genügend grosse Volksmenge, die dagegen vorgehen will. So geschehen mit der 1:12 Initiative.
    Wenn die Wirtschaftselite es versäumt sich während der Zeit vor der Initiative, als die Kritik immer lauter wurde, zu reflektieren und zu relativieren, dann ist es Zeit korrigierend dagegen vorzugehen.
    Dass die Initiative so nicht das gelbe vom Ei sein dürfte, wird vielen klar sein. Aber es ist ein gangbarer Weg der sich damit rechtfertigt, dass der soziale Frieden wieder auf einer grossen Volksmehrheit ruht. Sollen sie doch gehen, die Herren und Damen, denn sie gefährden mit ihrer Habgier und Ignoranz den Volksfrieden. Das Volk hat sich schon in der Vergangenheit gegen solche Obrigkeit zu wehren gewusst, wenn auch mit anderen Mitteln.
    Mir bleibt einzig die Hoffnung, dass auch die Völker unserer Nachbarstaaten sich dagegen wehren. Denn nur so wird das Übel aus der Welt geschafft und nicht nur verlagert.

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