Unternehmen Das Geiselgeschäft

In vielen Regionen ist die Entführung von Managern zu einem Geschäftsmodell geworden. Doch nur wenige Unternehmen bereiten ihre Mitarbeiter auf die Gefahr vor.

Die Hände auf dem Rücken gefesselt, kauert der Mann in Unterhemd auf dem Boden. Hinter dem Mitarbeiter des Baukonzerns Bilfinger ­stehen zwei bewaffnete Kämpfer, vermummt. Verängstigt blickt der Deutsche in die Kamera, seine Haare kleben an der verschwitzten Stirn. „Mein Name ist Edgar Fritz R., ich komme aus Bad Mergentheim, Main-Tauber-Kreis, in Baden-Württemberg“, stammelt er. „Ich bitte unsere ­Regierung um mein Leben. Die Mudschaheddin …“ Er stockt. „Also al-Kaida, die wollen mich töten hier. Ich bitte meine Regierung um mein Leben. Es geht um mein Leben, sonst sterbe ich hier, in diesem Land. Ich bitte um mein Leben.“

Das Flehen hat nicht geholfen. Edgar Fritz R. ist tot. Erschossen von den Entführern, kurz vor der Befreiungsaktion am 31. Mai. Zwei Monate zuvor war das Bekennervideo im Netz aufgetaucht. Wochenlang verhandelten Bundeskriminalamt, Bundesnachrichtendienst und Auswärtiges Amt in Nigeria. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass dabei vieles schiefgelaufen sein muss. Denn die Forderung der Entführer war erfüllt. Die Frau des Sauerlandbombers Fritz Gelowicz sollte freigelassen werden. Sie hatte zwei Drittel ihrer Strafe abgesessen und wurde wenige Tage nach Ausstrahlung des Videos ohnehin aus der Haft entlassen.

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„In solchen Fällen muss versucht werden, die politischen Forderungen in finanzielle umzulenken“, sagt Thomas Menk. Eine Befreiungsaktion sei immer höchst riskant. Der ehemalige Konzernsicherheitschef von Daimler und langjährige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft kennt sich mit Entführungsfällen aus. Mehrmals hat er Verhandlungen aus dem Hintergrund gelenkt. Für ihn ist das Verhandeln einfacher als für die ­Behörden, die an strikte Vorgaben gebunden sind. In erster Linie an die Leitlinie, dass sich ein Staat nicht erpressen lässt. Zudem, so sagt Menk, könne die Bürokratie dynamische Verhandlungen lähmen. Deshalb sei es im Inter­esse der Geiseln meist besser, professionelle ­Sicherheitsexperten einzuschalten. Selbst die bleiben aber oft im Hintergrund und schicken einen Mittelsmann in die Verhandlung, der neutral und für beide Seiten akzeptabel ist. In Südamerika etwa übernehmen häufig Bischöfe diese Aufgabe.

Karte: Deutsche Investoren und Inkubatoren mit Büros in aller Welt (PDF)

Warum die Entführung des Bilfinger-Mitarbeiters ein tödliches Ende nahm, bleibt ungeklärt. Die deutschen Behörden hüllen sich in Schweigen. „Zu dem konkreten Fall können wir keine Auskünfte erteilen“, heißt es. Auch das Unternehmen weiß nicht, was genau in Nigeria passiert ist. Man sei in die Verhandlungen nicht eingebunden gewesen, sagt ein Sprecher. Edgar Fritz R. sei seit mehreren Jahren an ein nige­rianisches Unternehmen ausgeliehen gewesen. Bilfinger selbst sei in der gefährlichen Region im Norden Nigerias bereits seit Jahren nicht mehr aktiv, ziehe sich derzeit komplett aus dem Land zurück.

Deutsche zahlen schnell und gut

Der Tod von Edgar Fritz R. ist der vorläufige Tiefpunkt einer Entwicklung, die weltweit zu beobachten ist. Und gerade deutsche Firmen rangieren auf der Liste der Geiselnehmer ganz oben: Sie stehen in dem Ruf, schnell und gut zu zahlen. Die Zahl der Entführungen von ­Geschäftsleuten nimmt drastisch zu. Insgesamt sollen sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen derzeit etwa 300 Geschäftsleute in Geiselhaft befinden, darunter mehrere Deutsche. Tendenz steigend. Kidnapping hat sich zu ­einem neuen Geschäftsfeld entwickelt, ähnlich der Piraterie vor Somalia. Nicht nur in Mittel- und Südamerika, wie bereits in den 70er-Jahren, sondern global. Afrika und Teile Asiens sind mittlerweile gefährlicher für Geschäfts­leute als Lateinamerika. Nigeria gilt derzeit als Hochburg. Allein fünf Mitarbeiter von Bilfinger wurden dort seit 2007 verschleppt.

Die Boomregionen Mexiko und Indien folgen auf den Plätzen zwei und drei. Regionen, die deutsche Unternehmen als neue Märkte entdeckt haben. Sie errichten dort Niederlassungen, Produk­tionsstätten und leiten Projekte. Die Gefahren werden oft ausgeblendet. Die Firmen haben kein Sicherheitskonzept, die Mitarbeiter sind schlecht geschult, wissen oft gar nicht, was sie erwartet, an Bewachern wird gespart. „70 Prozent der deutschen Unternehmen haben kein Krisenmanagement für solche Fälle“, bemängelt Maxim Worcester. Er und Menk leiten German Business Protection (GBP), eine auf Hochrisikogebiete spezialisierte Sicherheitsberatung. Im Haus der Wirtschaft in der Berliner Friedrichstraße hat GBP ein Lagezentrum eingerichtet. Informationen aus allen Teilen der Welt fließen hier zusammen, Experten analysieren die Gefahrenlage in Echtzeit. GBP arbeitet mit den britischen Sicherheitsexperten von G4S zusammen, dem weltweit größten Anbieter in diesem Segment. In mehr als 125 Ländern hat G4S Dependancen, Ansprechpartner und Kontaktpersonen für Unternehmen, die sich dort ansiedeln wollen. „In Krisenfällen können wir auf eine gut vernetzte Struktur zurückgreifen, die Kontakte in sämtliche Bereiche der jeweiligen Länder pflegt“, sagt Worcester.

Compliance erhöht Sorgfaltspflicht

Der Krisenfall ist nur die Extremsituation. „Unser Job ist, dafür zu sorgen, dass es so weit nicht kommt“, sagt der Berater. Doch dafür müssten die Unternehmen in Sicherheit investieren. Und davor schreckten viele Firmen zurück. Gerade erst, erzählt Worcester, habe er mit einem Mittelständler gesprochen, der wieder zwei Leute in den Sudan geschickt habe. Und die ­Sicherheit? Nein, denen passiere schon nichts. Die beiden seien schon einmal dort gewesen, ohne Probleme. „Grob fahrlässig“ nennt Wor­cester das. Die Unternehmen hätten aufgrund verschärfter Compliance-Richtlinien eine größere Sorgfaltspflicht gegenüber ihren Mitar­beitern. „Sicherheit und Compliance sind zwei ­Bereiche, die direkt zusammenhängen“, sagt Worcester.

Natürlich ist jede Entführung für die Geisel ein Desaster. Sie kann aber auch für das Unternehmen schlimme Folgen haben. Denn wurde der Mitarbeiter vorher nicht ausreichend geschult und gesichert, kann die Geschäftsführung zur Verantwortung gezogen werden. Das Image des Unternehmens wird beschädigt, andere Mitarbeiter werden sich fragen, was das Unternehmen für ihre Sicherheit tut.

Die Gefahren nehmen zu. Spezialversicherer, die Lösegeldversicherungen anbieten, sogenannte Kidnap-and-Ransom-Policen, bestätigen einen Anstieg der Vorfälle. Mehr dürfen sie nicht sagen, weil Informationen über die Problematik als unerlaubte Werbung ausgelegt werden könnten. Die verbietet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die auch für das Versicherungswesen zuständig ist. Lange waren die Policen für deutsche Versicherer verboten, denn die Behörde vertrat die Meinung, sie würden die „Gefahr des erpres­serischen Menschenraubs“ fördern. Die Versicherungen decken in der Regel die Lösegeldzahlung, Kosten für Sicherheitsexperten und die Betreuung der Angehörigen. Zudem bieten die Versicherungen Präventionsmaßnahmen an. Die allerdings, bemängeln Sicherheitsexperten, seien oft nur ein Feigenblatt. Ein Merkblatt, weiter nichts.

Hans Jürgen Stephan sitzt hoch über den ­Dächern Berlins, in den Treptowern. Er leitet die deutsche Niederlassung von Control Risks. Die international aufgestellte Sicherheitsberatung war bereits in die Verhandlungen bei mehr als 2000 Entführungsfällen involviert. „Die Masse der Entführer zielt ganz klar auf Lösegeld ab“, sagt Stephan. In diesen Fällen läge die Dauer der Geiselhaft bei weniger als einer Woche. ­Zudem seien die Chancen, den Mitarbeiter un­versehrt freizubekommen, sehr gut. Anders ­sehe es bei politischen Forderungen aus. „Die sind in der Regel nicht erfüllbar“, sagt Stephan. Aus der Statistik von Control Risks geht hervor, dass mehr als 90 Prozent der Entführten ent­gegen der allgemeinen Wahrnehmung lokale Mitarbeiter seien. Doch auch für die hätten

die Arbeitgeber eine Sorgfaltspflicht. Wie hoch die Zahl der Entführungen insgesamt ist, kann auch Stephan nicht sagen. „Belastbare Zahlen werden nirgendwo zentral erfasst.“ Auch würden nicht alle Fälle offiziell gemeldet. Control Risks nehme nur Bezug auf Fälle, in die das Unternehmen direkt eingebunden sei. Das beinhalte meist Unterstützung bei Verhandlungen. Für diesen Zweck habe Control Risks eine Einsatztruppe in London, die ständig in Flug­bereitschaft stehe. Einen besorgniserregenden Anstieg verzeichnet das Unternehmen bei Expressentführungen. Stephan warnt deshalb ­davor, in Risikoländern öffentliche Geldautomaten zu nutzen. Meist schlagen die Täter kurz vor Mitternacht zu, lauern vor Banken den Opfern auf. „Die finden sich dann schnell in einem Kofferraum zu einer Stadtrundfahrt wieder“, sagt Stephan.

Als Charles Lindberghs Sohn starb
Seit der Sohn des berühmten Piloten 1932 getötet wurde, gibt es Spezialpolicen: Unternehmen, die in riskanten Gegenden aktiv sind, können Mitarbeiter, Waren und Produktion versichern – auch für den Entführungsfall
Entstehung In den USA gibt es Entführungsversicherungen, die „Kidnap and Ransom“-Policen, seit 1932 – seit der Sohn von Charles Lindbergh entführt und getötet wurde. Hierzulande galten sie lange als „Verstoß gegen den ­ordre public“, man fürchtete, dass sie den ­Entführern einen Anreiz bieten würden. 1998 öffnete die heutige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den Markt für deutsche Anbieter.
Bedingungen Die Versicherungen unterliegen strengen Auflagen. Sie dürfen nicht beworben ­werden, die Laufzeit ist auf ein Jahr beschränkt. Auch der Versicherte ist an Regeln gebunden: Er muss die Versicherung geheim halten, darf höchstens drei Per­sonen informieren – die sich zur Geheimhaltung verpflichten müssen und deren Namen der Versicherung mitzuteilen sind.
Konditionen In Deutschland versichern eine Handvoll Anbieter, darunter Hiscox, AIG, HDI-Gerling, Allianz und Chubb. Meist sind nicht nur Mitarbeiterentführungen abgesichert, sondern jede Form der Erpressung. Peter Bensmann, der die Policen für die Ergo Gruppe anbietet, gibt ein Rechenbeispiel: Ein Unternehmen beschäftigt 250 Mitarbeiter, davon sind 100 regelmäßig in 17 Ländern unterwegs, um große Maschinen zu montieren. Wenn jeder Schaden, etwa eine Entführung, mit 10 Mio. Euro abgesichert ist, zahlt das Unternehmen jährlich 12 400 Euro Prämie. Mitarbeiter müssen dazu unter anderem Notfallfragen und Antworten angeben, die im Ernstfall den Entführern gestellt werden können, um sicherzugehen, dass die Geisel noch lebt.

Weil Geschäftsreisende oft mehrere Kreditkarten dabeihätten, würden diverse Geldautomaten angefahren und jeweils der Höchstbetrag abgehoben. Nach Mitternacht, an einem neuen Kalendertag, folgt die zweite Runde, dann würden die Opfer irgendwo ausgesetzt. Manchmal, sagt Stephan, könnten schon ganz banale Dinge ausreichen, um nicht zum Opfer zu werden: keine Taxen von der Straße nehmen, dem Hotelpersonal nicht vertrauen, sich nicht in Gefahrensituationen begeben, Finger weg von Alkohol, Drogen und Prostitution. Bei einem längerfristigen Engagement in einem ­Risikoland rät Stephan jedoch zu einer genauen Gefahrenanalyse.

100 Prozent Sicherheit geht nicht

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Das weiß auch GBP-Chef Worcester. In Hochrisikogebieten müsse sich ein Team vor Ort umschauen, sagt er. Angebote von der ­Stange taugten nichts. Alles müsse genauestens analysiert werden. Wie kommt der Mitarbeiter von der Wohnung zu seinem Arbeitsplatz? Gibt es mehrere Wege, um nicht jeden Tag zur gleichen Zeit am gleichen Ort vorbeizukommen? Wie muss das Fahrzeug gepanzert sein? Wie sind die Wohnung und der Arbeitsplatz gesichert? Hat der Mitarbeiter Familie? Wie bewegen sich Frau und Kinder in der Öffentlichkeit? Und: Ist der Mitarbeiter überhaupt psychisch in der Lage, unter Risikobedingungen zu arbeiten? „Wichtig ist zudem, dass es eine Kontaktperson vor Ort gibt, mit der alle Schritte abgesprochen werden“, sagt Worcester. Wird innerhalb des Landes gereist, könne beispielsweise über ein GPS-gesteuertes Trackingsystem nachvollzogen werden, wo sich der Mitarbeiter befindet. Auch diese Informationen liefen in dem Lagezentrum ein. Zudem bieten mittlerweile viele Sicherheitsunternehmen für ihre Kunden spezielle Apps an, die ständig über die Risiken vor Ort ­informieren.

Auch wenn der Aufwand sehr hoch scheint, er lohnt sich. „Im Entführungsfall“, sagt Stephan von Control Risks, „ist es für die Geisel und deren Familie wichtig zu wissen: Da sind Profis am Werk, die nur ein Ziel haben – das Opfer heil und schnell zu befreien.“

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