Unternehmen Das ist Afrikas Aufsteiger

Im Südwesten des Kontinents lockt ein neues Wirtschaftswunder. In Angola bauen deutsche Mittelständler mit an der Zukunft des Landes. Doch das ist dort alles andere als einfach.

Das rhythmische Rattern der Presslufthämmer in der ganzen Stadt kündet von der neuen Zeit, der Zeit des Aufbruchs. Zehntausende Arbeiter hämmern, sägen, teeren, betonieren, reißen Straßen auf, verlegen Leitungen, rammen Stahlträger in den Boden. Luanda, Wirtschaftsmetropole und Hauptstadt von Angola, ist im Aufbruch. Entlang der Bucht schießen Wolkenkratzer in die Höhe, Bürotürme, Luxushotels, Apartmentblöcke. Es sieht fast so aus wie auf dem Berliner Grenzstreifen nach der Wiedervereinigung: Überall ragen Kräne in den Himmel.

Das alles wird mitgeplant und mitgebaut von Unternehmen aus Deutschland. Die Bauer-Gruppe, die Fundamente in schwierigem Gelände legt, kommt kaum hinterher, so lang ist die Auftragsliste. Um zehn Prozent wächst der Umsatz jedes Jahr. Vermessungstechnik Engelmann, ein Mittelständler aus Sachsen, hat sich in prominenter Hauptstadtlage eingemietet und expandiert. Das traditionsreiche Hamburger Handelshaus C. Woermann hat bereits 100 Mitarbeiter vor Ort. Und der Bremer Entsorger Nehlsen ist eifrig dabei, den Müll der entstehenden Mittelschicht aus dem Stadtbild zu entfernen. „Angola ist eine riesige Chance für deutsche Unternehmen“, sagt Bernhard Streit, Leiter von H.P. Gauff Ingenieure im Land. „Aber der Aufwand, den man hier treiben muss, ist Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn.“

Anzeige
Angola
Afrika für Abenteurer Das 13-Millionen-Einwohner-Land an der Westküste des Kontinents verfügt über enorme Ölreserven. Die Einnahmen pumpt die Regierung nun in den Ausbau der Infrastruktur

Streit eilt mit Riesenschritten durch das Stadtzentrum. So ist er schneller als mit dem Auto. Die Straßen sind verstopft, an den Kreuzungen herrscht Chaos, weil die Ampeln ausgefallen sind. Zwischen den hupenden Autos laufen Straßenhändler umher und verkaufen Sonnenbrillen, Kaugummis und Zeitungen. Am Straßenrand parken überdimensionierte Geländewagen, versperren so die Fahrbahn für alle anderen. „Das ist hier immer so“, sagt Streit. Seit sieben Jahren lebt der Deutsche in Luanda. „Zuletzt sind die Staus aber eher kleiner geworden.“ Zwischen sechs und acht Millionen Menschen wohnen hier, keiner weiß es so genau. Die Vororte wachsen so schnell, dass man jedes Jahr einen neuen Stadtplan drucken müsste.

Um durchschnittlich elf Prozent legte die Wirtschaft Angolas zwischen 2001 und 2010 jedes Jahr zu. Das ist Weltrekord. Vor der globalen Finanzkrise lag das Wachstum einmal sogar bei 23 Prozent, in diesem Jahr sind acht Prozent prognostiziert. Befeuert wird der Boom von den Ölmilliarden. Angola pumpt aus den Feldern vor seiner Küste gut 1,9 Millionen Barrel pro Tag. Das Geld fließt nun in den Aufbau von Infrastruktur. Nach 27 Jahren Bürgerkrieg gibt es im ganzen Land viel zu tun.

Für internationale Investoren ist Angola aber ein schwieriges Pflaster. Bürokratie und Korruption durchdringen Wirtschaft und Politik. Im Land gibt es nicht genug Fachkräfte, die Schulausbildung ist schlecht, es fehlen Lehrer. Die Versorgung mit Wasser und Strom bricht täglich zusammen. Und Luanda ist absurd teuer, die Wucherhauptstadt der Welt. Ein Hotelzimmer unter 300 Dollar ist kaum zu finden, und ein einfaches Mittagessen kostet zwischen 30 und 40 Dollar. Weil der Wohnraum knapp ist, explodieren die Mieten. Für ein Apartment sind 3000 Dollar im Monat fällig, ein Haus kostet mindestens 10.000 Dollar Miete.

Sieben Jahre auf Strom warten

„Investoren müssen viel Geld mitbringen, um die Durststrecken durchzustehen“, sagt Michael Geyer. „Nur wer sich darauf einstellen kann, wird hier überleben.“ Geyer leitet seit 2005 die angolanische Filiale der norddeutschen Handelsgruppe C. Woermann. „Man darf sich am Anfang nicht abschrecken lassen“, sagt der gebürtige Bayer. „Als ich nach Angola kam, gab es hier nichts.“ Seit sieben Jahren wartet er auf einen Stromanschluss. „Nichts Besonderes!“ Geyer produziert den Strom selbst: mit einem Generator. Die vertreibt er auch im ganzen Land, außerdem Straßenbaumaschinen, Traktoren, Minisägewerke und Autoteile. C. Woermann setzt etwa 25 Mio. Euro pro Jahr in Angola um. „Das Geschäft ist schwierig, man muss extrem flexibel sein und sofort auf die Veränderungen reagieren“, sagt Geyer. „Wenn es einmal läuft, kann man aber gutes Geld machen.“

„Die Margen sind prächtig“, sagt auch Gauff-Chef Streit. Die deutsche Ingenieurfirma plant und betreut komplizierte Infrastrukturprojekte, manchmal stellt sie auch die Finanzierung. Zusammen mit chinesischen, portugiesischen und brasilianischen Baufirmen hat Gauff bereits über 1000 Kilometer Straße in Angola geschaffen. Außerdem baut das Unternehmen die Wasserversorgung aus. „Die alten Verteilungsnetze sind komplett marode“, berichtet Streit. „Nur 35 Prozent des eingespeisten Wassers kommen heute überhaupt bei den Verbrauchern in Luanda an.“

Das ist auch eine Folge des Bürgerkriegs, der vor genau zehn Jahren zu Ende ging. Eine andere: Zwei Generationen wuchsen ohne gute Schulbildung auf. Es fehlen Fachkräfte, Lehrer, Manager, Handwerker und Ingenieure. „Wir müssen unsere Mitarbeiter selbst schulen und hoffen, dass sie danach nicht von der Ölindustrie abgeworben werden“, sagt Pedro Vale, Geschäftsführer von Bauer Spezialtiefbau – die Deutschen dichten Baugruben ab oder rammen Pfähle und Anker in den Untergrund, um ein stabiles Fundament für die neue Glitzer-Skyline Luandas zu legen.

„Die Regierung stellt Hürden auf, damit die Firmen mehr Angolaner ausbilden“, sagt Vale. Wer als Ausländer ein Arbeitsvisum beantragt, braucht drei angolanische Bürgen, eine Menge Papiere und viel Zeit. Viele Firmen versuchen, die Regelung zu umgehen, indem sie ihre Mitarbeiter mit Geschäftsvisa einreisen lassen, die dann alle drei Monate im Heimatland erneuert werden müssen. Außerdem müssen 65 Prozent der Mitarbeiter im Land rekrutiert werden. Bauer schafft diese Vorgabe zwar locker: Unter den 110 Mitarbeitern sind nur zwölf Ausländer. Doch für Firmen, die neu auf den Markt drängen, ist die Vorgabe ein echtes Hindernis.

Über Auftragsmangel kann sich Bauer wahrlich nicht beklagen. Dennoch schrammte die angolanische Tochter zuletzt nur knapp an der Insolvenz vorbei. Der Grund: Zahlungsrückstände. Während der Finanzkrise 2008/09 ging dem Staat das Geld aus. Seit vergangenem Jahr fließen die Zahlungen zwar wieder, dennoch hat Bauer immer noch unbezahlte Außenstände in den Büchern. „Die Regierung zahlt zwar fast immer, aber es dauert manchmal lange“, sagt Vale. „Einige ausländische Unternehmen sind deswegen bereits pleitegegangen oder haben das Land wieder verlassen.“

Mit den steigenden Ölpreisen sind die Liquiditätsprobleme des Staates zwar erst einmal überstanden, aber der Privatsektor ist auch nicht gerade vorbildlich. „Vor gut zwei Wochen habe die Bank uns angeblich Geld überwiesen“, schimpft Roland Bundtke. „Bis heute ist aber nichts angekommen.“ Der Dresdner leitet Sertopo, eine Tochter von Vermessungstechnik Engelmann aus Sachsen, die Leica-Technologie vertreibt, wartet und repariert. Bevor Bundtke vor drei Jahren nach Luanda kam, liefen die Geschäfte trotz allgemeinem Boom ziemlich schlecht. Die angolanische Geschäftsführung war überfordert. „Wer hier Erfolg haben will, muss selbst vor Ort sein“, meint Bundtke. Hilfreich kann aber auch ein einflussreicher Partner sein, der die Wege ebnet: An Sertopo sind lokale Geschäftspartner beteiligt, die über Kontakte in höchste Regierungskreise verfügen. Das hilft bei der Bürokratie, ist aber nicht alles.

„Man muss erfinderisch und flexibel sein“, sagt Carlos Castro, Angola-Chef des Bremer Entsorgungsunternehmens Nehlsen. Für die Firma ist Castro ein Glücksfall. Der Portugiese hat auch die angolanische Staatsbürgerschaft, weil er dort geboren wurde. Damit braucht er in Angola kein Arbeitsvisum und kann zudem als EU-Bürger jederzeit nach Europa reisen.

Gerade ist Castro von einem Kurzbesuch in Norddeutschland zurück, im Gepäck hat er schwere Stahlböcke für die Federung seiner Müllwagenflotte. Gewicht: fast 50 Kilo. Die Bremer, die schon Ende der 1980er-Jahre halfen, die Müllentsorgung in Luanda aufzubauen, sind seit einem Jahr selbst mit zehn Müllwagen in Luanda unterwegs. Zuletzt legten abgebrochene Federungshalter an den Stoßdämpfern Teile der Flotte lahm. Der Hersteller wollte Ersatz per DHL nach Luanda schicken, doch Castro winkte ab. „Die Teile wären zwar in zwei bis drei Tagen da, aber dann bräuchte ich drei Wochen, um sie aus dem Zoll zu bekommen“, sagt der Manager. Also setzte Castro sich selbst ins Flugzeug und brachte die Teile im Gepäck mit: Waren im Wert von bis zu 5000 Dollar darf man direkt nach Angola einführen.

Der Entsorger Nehlsen hat in dem Vorort Viana ein Grundstück gepachtet. Die Büros sind in klimatisierten Wohncontainern untergebracht, daneben befindet sich die eigene Werkstatt, wo zwei angolanische Mechaniker an den Wagen schrauben. Bei Problemen bekommen sie technische Unterstützung von der Zentrale in Bremen.

Für eine Entsorgungsfirma ist Luanda ein Paradies, die Stadt gehört bei allen Fortschritten zu den dreckigsten Metropolen Afrikas. Vor allem in den ärmeren Stadtvierteln gibt es keine Müllcontainer, alles liegt neben der Straße. Nehlsen vermietet die Müllwagen samt Fahrer und Behältern an private wie staatliche Müllentsorgungsunternehmen. „Wenn wir es schaffen, die Flotte voll auszulasten, wird das ein gutes Geschäft“, sagt Castro. „Unsere Technik ist die beste. Die Autos der Konkurrenz können den Müll nicht so schnell zusammenpressen.“

Deutsche Firmen noch am Anfang

Noch ist die Zahl der deutschen Unternehmen in Angola übersichtlich. Das liegt auch daran, dass Hürden für ausländische Investoren nur langsam abgebaut werden. Manchmal erschwert die Regierung neue Projekte sogar. So muss jede Investition von der Investitionsagentur ANIP genehmigt werden. Vor Kurzem wurde die Mindestsumme für ein Projekt auf 1 Mio. Dollar angehoben. Etwa 20 deutsche Firmen haben bislang Niederlassungen im Land aufgebaut. Vor allem im Vergleich mit Firmen aus dem kriselnden Portugal, die ihre Ex-Kolonie längst als neuen Wachstumsmarkt entdeckt haben, hinkt die deutsche Wirtschaft hinterher. Die portugiesischen Firmen haben in Angola einen großen Vorteil: Das Land hat sein Rechtssystem nach der Unabhängigkeit von der alten Kolonialmacht übernommen. Der Paragrafendschungel ist ihnen vertraut. Zurzeit wird das Steuersystem reformiert und die Mehrwertsteuer eingeführt.

Trotz der Vormachtstellung der portugiesischen Firmen haben die Deutschen hier gute Karten, meint Nuno de Miranda Catanas. „Die Angolaner wollen keine Investoren, die auf schnelle Profite aus sind“, sagt Catanas, Chef der Anwaltskanzlei MC Advogados, der beim Markteintritt hilft. „Wer langfristig handelt und denkt, rennt hier offene Türen ein.“ Wer in den Markt wolle, solle geduldig sein. Und dass nicht nur, weil es sechs Monate dauert, bis alle Genehmigungen vorliegen und man die Arbeit aufnehmen kann. „Der Investor soll nicht versuchen, seine Vorstellungen durchzusetzen. Er muss zuhören und begreifen, was die Kunden von ihm wollen, und die Leute überzeugen, dass er langfristig bleiben will.“ Und das wollen die meisten der deutschen Unternehmer.

So entsteht, ganz langsam, auch eine deutsche Expat-Gemeinde, die versucht, sich ein Leben auch abseits der Arbeit einzurichten.

Hin und wieder trifft man sich beim Bier oder bei Veranstaltungen des Goethe-Instituts. An Wochenenden verlagern sich die Aktivitäten dann aus der Stadt auf die Ilha de Luanda, die Landzunge vor der Bucht. Vor der glitzernden Kulisse der Stadt liegen weiße Yachten im türkisblauen Wasser. Es locken Sandstrände, mondäne Beach-Klubs und Restaurants. Wenn sich die deutschen Expats hier treffen, dann gibt es eine Benimmregel, sagt Bernhard Streit: „Übers Geschäft wird nicht geredet.“

Handbuch für Angola
Wer hilft beim Markteintritt? Wo gibt es Informationen für Unternehmer? Welche Messen lohnen sich? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Organisationen und Netzwerke Die Delegation der Deutschen Wirtschaft ist so etwas wie ein Vorläufer einer zukünftigen Handelskammer. Leiter Ricardo Gerigk und sein Team vermitteln Kontakte zu deutschen und angolanischen Geschäftspartnern und Regierungsstellen und helfen bei den ersten Schritten im Land. www.angola.ahk.de, ricardo.gerigk@gmail.com

Die angolanische Industrie- und Handelskammer CCIA unterstützt Unternehmen, die in Angola Geschäfte machen wollen. Eine englische Version der portugiesischsprachigen Website ist noch in Arbeit.

www.ccia.ebonet.net, ccira@ebonet.net

Der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft beobachtet mit eigenen Experten die einzelnen Märkte des Kontinents und verfügt über langjährige Erfahrung auf dem angolanischen Markt. Mitglieder werden beim Markteintritt beraten. www.afrikaverein.de

Investitionsförderung Die Nationale Investitionsagentur ANIP wirbt um internationale Firmen und unterstützt sie beim Markteintritt. www.anip.co.ao, geral@anip.co.ao
Messen Die wichtigste internationale Industriemesse des Landes ist die Feira Internacional de Luanda (Filda). Sie findet in diesem Jahr vom 17. bis 22. Juli statt. Sie wird von der Bundesrepublik gefördert. Weitere wichtige Messen in Angola stehen online. www.fil-angola.co.ao
Branchen Gefragt sind vor allem Investitionsgüter wie Maschinen, Metallwaren und Elektronik. Weitere Informationen stellt Germany Trade & Invest (GTAI) bereit. GTAI fördert die deutsche Außenwirtschaft. www.gtai.de
Delegationsreisen Die bayerische Wirtschaftsstaatssekretärin Katja Hessel reist vom 1. bis 4. Juli 2012 mit einer Wirtschaftsdelegation in die angolanische Hauptstadt Luanda. www.stmwivt.bayern.de

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...