Unternehmen „Das ist der Fukushima-Effekt“

Ein Atomausstieg mit Augenmaß, das fordert Eberhard von Koerber. Von der "überzogenen Panik", die derzeit in der Republik herrsche, hält der Präsident des Club of Rome nicht viel. Im impulse-Interview begründet von Koerber seine Kritik am Schwenk von CDU und FDP - und warum ihm egal ist, wer den Wirtschaftsminister stellt.

Herr von Koerber, vor fast 40 Jahren veröffentlichte der „Club of Rome“ seine berühmte Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Spüren Sie nach der Atomkatastrophe von Fukushima jetzt mehr Rückenwind?

Die Dringlichkeit, mit der das Thema nun behandelt wird, ist neu. Es war schon bisher klar, dass die heutigen Kernreaktoren nur eine Übergangslösung sein können. Diese Erkenntnis ist also alles andere als neu. Neu in Deutschland ist nur, dass CDU und FDP nun eingeschwenkt sind. Das ist der Fukushima-Effekt.

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Sie unterstützen den schnellen Atomausstieg?

Ja, aber mit Augenmaß. Einen übereilten Ausstieg lehne ich dagegen ab – am Ende müssten wir wieder auf fossile Kraftwerke ausweichen oder Atomstrom aus Frankreich importieren. Das könnte passieren, wenn man jetzt Panikentscheidungen trifft. Eine Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland binnen zehn Jahren, das geht in die richtige Richtung. Dann können die Stromerzeuger und die Netzbetreiber das gestalten. Wer sagt, das gehe bereits in fünf Jahren, führt die Öffentlichkeit in die Irre.

Zehn Jahre sind schon sehr ambitioniert.

Es ist machbar, aber man muss abwägen zwischen verschiedenen Prioritäten. Ein Punkt ist, ob man rund 300 Mrd. Euro in das deutsche Hochspannungsnetz investieren will, das den Wind-Strom von Nord- und Ostsee in den Süden bringt. Ein anderer Punkt ist, welche Konsequenzen sich für die Industrie und die Arbeitsplätze in energieintensiven Branchen ergeben. Eine weitere Frage ist, wie man den Widerstand der Bevölkerung gegen neue Stromtrassen und höhere Strompreise überwinden will.

Sie vertreten an der Spitze des Club of Rome die alte Welt, ihr Co-Vorsitzender, der Inder Ashok Khosla die aufstrebenden Staaten. Streiten Sie sich? China und Indien planen ja weiter neue Atomkraftwerke.

Die Frage nach den Konsequenzen, die aus Fukushima zu ziehen sind, wird in der Welt sehr unterschiedlich beantwortet. In wenigen Ländern ist die Reaktion so hektisch wie in Deutschland. Es ist eine – überzogene – Panik entstanden. Die Menschen sind sehr beeindruckt von der Not und dem Elend der Katastrophe. Das ist verständlich. Aber schon in Frankreich ist die Reaktion eine andere und in den Schwellenländern wie China und Indien ist das noch einmal anders. Diese Länder lassen sich von der Stimmung in Deutschland nicht beeindrucken.

Wie wollen Sie China beibringen, dass dessen Kernkraftwerke nur eine Uebergangslösung sind? Wachstum braucht viel Energie.

Die Chinesen sind sich ihrer Umweltprobleme sehr bewusst. Sie sehen ja, was mit ihren Flüssen und Wäldern passiert. Das Land ist ökologisch, was z. B. die Städte und viele Flüsse betrifft, in einer sehr kritischen Lage. Unsere Mitglieder beraten auch die chinesische Regierung und stoßen da auf offene Ohren. China will nur verhindern, dass globale Probleme auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung gelöst werden. Sie brauchen Wachstum, um all die nötigen Arbeitsplätze zu schaffen. Deshalb werden sie zunächst auch weiter Kernkraftwerke und Kohlekraftwerke bauen.

Klingt nicht wirklich so, als seien „Die Grenzen des Wachstums“ erreicht.

Doch. Die Grenzen des Wachstums sind jetzt auch in der öffentlichen Meinung angekommen. Wenn wir sie nicht schon hätten, müssten sie jetzt geschrieben werden. Wir wurden lange nicht ernst genommen. Alles würde abgestritten, als übertrieben dargestellt. Was der Club of Rome 1972 mit den Grenzen des Wachstums voraussagte, ist nun Realität. Der Öffentlichkeit ist heute bewusst, dass wir bei wachsender Weltbevölkerung auf unserem Planeten nicht so weitermachen können wie bisher.

Was folgt daraus?

Wir arbeiten im Club of Rome an einer Neudefinition des Wachstums. Wir dürfen Wachstum nicht nur über das Bruttosozialprodukt erfassen. Wachstum muss verträglich sein. Ökologisch und sozial. Schäden für die Natur müssen negativ zu Buche schlagen.

Vom neuen Bewusstsein profitiert in Deutschland vor allem eine Partei. Werden sich die Grünen als 20-Prozent-Partei etablieren können?

Ich denke ja, zumindest für die nähere Zukunft. Das ist eine große gesellschaftliche Bewegung. Außerdem ist die Bevölkerung enttäuscht von der Politik der bisherigen Volksparteien. Die Frage ist, ob es bei den Grünen wieder zum Streit zwischen Fundis und Realos kommt. Da gibt es einige Streitpunkte, wenn man erst mal an der Macht ist.

Und wie sieht es mit der grünen Wirtschaftskompetenz aus?

Die ist nicht so wichtig in der Regierung.

Wie bitte?

Grüne Wirtschaftskompetenz liegt in der Wirtschaft und der angewandten Forschung, nicht in einem Ministerium.

Aber die Regierung sorgt für die Rahmenbedingungen.

Ach was. Die Rahmenbedingungen werden ja nicht in Deutschland festgesetzt. Die werden durch den globalen Wettbewerb diktiert und massgeblich durch G20, WTO, EU und die Geldpolitik der Zentralbanken festgesetzt. Nationale Wirtschaftspolitik ist heute im Wesentlichen nationale Standortpolitik im internationalen Wettbewerb.

Noch stellt ja die FDP den Wirtschaftsminister. Grün oder gelb – das ist also gar nicht wichtig?

Völlig egal ist das. Aus meiner Sicht macht das keinen Unterschied.

Und welchen Eindruck haben Sie von Philipp Rösler?

Ich kenne ihn nicht persönlich. Er scheint kein Ideologe zu sein, sondern ein Pragmatiker. Das ist wichtig. Wir brauchen keinen Wirtschaftsminister, der in der Wolle industriell gefärbt ist. Auch ein Arzt kann die nationalen Herausforderungen des globalen Wettbewerbs erkennen.

Eberhard von Koerber ist Co-Präsident des Club of Rome und Unternehmer.

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