Unternehmen Das Partyprinzip

Andi Thümmler ist Deutschlands abgedrehtester Unternehmensverkäufer - und genau deswegen richtig dick im Tech-Geschäft. Sein Erfolgsrezept: arbeiten und feiern bis zum Umfallen.

Beim ersten Treffen trägt Andreas Thümmler ein Darth-Vader-Kostüm und bestellt um 11 Uhr das erste Glas Wein. Das zweite Treffen ist nur noch ein wattiger Erinnerungsbrei aus Gin Tonic, Fernet-Branca, Currywurst und rätselhaften Visitenkarten.

Beim dritten Treffen schenkt Thümmler um 14 Uhr erst mal einen Whiskey ein. Völlig normal für Andi, wie ihn alle nennen, den wichtigsten deutschen Investmentbanker, wenn es um Exits in der Tech-Branche geht.

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Thümmler ist Gründer und Chef von Corporate Finance Partners (CFP), einer Frankfurter Unternehmensfinanzierungsund M&A-Beratungsgesellschaft. 80 Mitarbeiter, Büros unter anderem in Frankfurt, Berlin, San Francisco, Schanghai, Wien, Budapest. Seit der Gründung 1998 war CFP an über 300 Deals mit einem Gesamtvolumen von 10 Mrd. Euro beteiligt, darunter einige der größten in Deutschland in den letzten Jahren: Thümmler verkaufte den Klingeltonanbieter Jamba an das US-Internetunternehmen Verisign, fädelte 2011 den Exit des Schnäppchenportals Dailydeal an Google ein und verhökerte die Gründeranteile des Onlineshopping-Klubs Brands 4 Friends an Ebay. „Im Tech-Sektor ist Andreas Thümmler ganz klar die Nummer eins in Deutschland“, sagt Xing-Gründer Lars Hinrichs, dem Thümmler 2009 half, die Mehrheit seiner Anteile an Hubert Burda Media zu verkaufen.

„Es gibt in unserer Branche drei Kategorien von Exit-Beratern“, sagt Sascha Pfeiffer, Geschäftsführer bei DC Advisory Partners. „Es gibt die internationalen Bluechip-Beratungsfirmen wie uns, die global aufgestellt sind, alles richtig machen, aber ein bisschen die Streber sind.
Dann gibt es Häuser, die schlicht und ergreifend zu lahmarschig für die Internetbranche sind und für die der Zug abgefahren ist. Und dann gibt es Leute wie den Andi.“ Ein „Sonderfall“ sei der, sagt ein Branchenkenner, „nicht Compliance-konform“, „völlig außer der Reihe“, einer, den die Leute entweder lieben oder hassen. Über den es „krasse Geschichten“ gebe und von dem Kollegen und Konkurrenten vor allem in Vokalen sprechen: Uiuiui und ohohoh, ahaahaja, der Andi!

Aber erst noch zurück zu Darth Vader, dem „Star Wars“-Schurken. Was soll der Quatsch?

„Meistens ziehe ich das Kostüm an, um mit dem Laserschwert ein paar Startups plattzumachen“, sagt Thümmler. Er sitzt in der Kneipe seines Heimatdorfs in der Nähe von Miltenberg und sieht sehr fränkisch aus. Mal abgesehen von Leuchtschwert und Maskenhelm, die vor ihm auf dem Tisch liegen, zwischen Weinglas und einem Primeltöpfchen. Heute hat er das Kostüm für den Fotografen angezogen. Zuletzt trug er es auf einem Symposium, bei dem junge Firmengründer vor Business-Angels und anderen Investoren pitchten. Plötzlich hörten sie neben sich ein röchelndes Schnaufgeräusch. Darth Thümmler fackelte nicht lange, zog sein Lichtschwert und stach zu, mitten rein in jeden Gründertraum. You don`t know the power of the dark side! Chhhhrrr!

Bei 10 Mio. Euro beginnt der Spaß
Wer sein Unternehmen verkaufen will, sollte sich den passenden M&A-Berater sehr sorgfältig aussuchen
Wie finden Unternehmer M&A-Berater?
In Deutschland gibt es geschätzt 250 M&ABeratungen, überwiegend Ein-Mann-Boutiquen, rund 20 beschäftigen größere Teams. Eine gute Übersicht bietet der Bundesverband Mergers & Acquisitions (www.bm-a. de), der auch Kontakt zur amerikanischen Alliance of Merger & Acquisition Advisors und zur China Mergers & Acquisitions Association pflegt. Mark Miller vom Hamburger Beratungshaus Catcap rät, vorab Referenzen einzuholen, um einen Berater mit der nötigen Branchenkenntnis zu finden.
Wie läuft der Verkauf einer Firma ab?
Um den Preis abzuschätzen, kommen die Berater ins Haus, damit sie bei der sogenannten Due Diligence ermitteln können, welchen Wert das Unternehmen hat, etwa durch den Besitz wichtiger Patente. Entscheidend sind die Geschäftslage im vorangegangenen Jahr und die Wachstumsperspektiven. Die Mindestgröße für den Verkauf eines Unternehmensanteils beträgt rund 10 Mio. Euro, bei jungen Technologiefirmen mit viel Potenzial liegen die Einstiegssummen auch mal darunter.
Was kostet ein M&A-Berater?
Bei einem seriösen M&A-Berater sind das Erstgespräch und eine grobe Einschätzung der Verkaufschancen kostenlos. Das Honorar für den erfolgreichen Verkauf variiert je nach Berater, rund drei Prozent der Verkaufssumme sind üblich. Die Suche nach Käufern und das Erstellen der Verkaufsunterlagen werden oft extra berechnet. Je nach Aufwand können das monatlich bis zu 10 000 Euro sein. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Verkauf der Firma dauert es im Durchschnitt sechs Monate.

„Ich habe da ein bisschen aufgeräumt“, sagt er. „Ich hatte mir den ganzen Tag die Präsentationen angeschaut und gemerkt, dass von zehn Firmen neun Verluste machten.“ Also warf er sich sein vorsorglich eingepacktes Darth-Vader- Kostüm über, das er mal in Dubai am Flughafen gekauft hatte, und stach einfach alle Startups ab, die wenig Aussicht auf Erfolg hatten.

„Wenn ich so weitermachen würde, gäbe es bald keinen Internetsektor mehr.“ Das wäre fatal für ihn. Thümmler lebt von Tech. Seine Firma CFP wickelt die mittelgroßen Deals und Exits von 50 bis 300 Mio. Euro ab. Darum muss er dringend klarstellen: „Ich bin gar nicht auf der dunklen Seite der Macht. Ich bin katholisch.“ Also eher ein guter Jedi-Ritter. Weswegen er, sehr wichtig, bei seinen Exekutionen nicht das rote Lichtschwert des bösen Darth Vader einsetzt, sondern die blaue Leuchtwaffe des guten Luke Skywalker.

Jede Menge Thümmler-Gossip und Andi-Mythen werden in der Branche erzählt. Die wildesten Partys und ausgiebigsten Trinkgelage schmeiße er, mit Robbie Williams habe er mal in einem Berliner Klub gefeiert. Mit einem Kunden sei er zum „Playboy“-Shooting nach Fuerteventura geflogen, weil der so gern mal ein paar Pin-up-Miezen aus der Nähe sehen wollte. Und ein Tretboot soll er haben, mit Ferrari-Lackierung. Das Schöne an diesen Gerüchten: Sie stimmen. Das Tretboot dümpelt an einem privaten Anlegesteg einer Frankfurter Maininsel.

Und zu den Bunnys bemerkt Thümmler nur: „Sah komisch aus, als wir die Mädels am Strand zwischen den ganzen Profifotografen mit unseren Blackberry-Kameras knipsten.“ Unter seinen Konkurrenten wird nicht nur positiv über diese Art der Kundenpflege gesprochen: „Für die meisten Dinge, die er macht, würde mein Chef mir den Arsch aufreißen“, sagt einer. Nur mit Details halten sich alle verschämt zurück. „Da gibt es nichts, was druckfähig wäre“, sagt Lars Hinrichs.

Andi selbst sieht das genau andersherum. Er schreibt bereits seine Autobiografie. Der erste Teil, „Neuneinhalb Deals“, ist schon vollendet, der zweite, „Mehr als neuneinhalb Deals“, in Arbeit. Der Abschluss soll „Die finalen neuneinhalb Deals“ heißen. Der erste Teil der Thümmler- Saga kursiert als PDF unter der Hand in der Szene, 200 Seiten Partyschoten, Verhandlungsinterna und wirklich krasse Geschichten. Zum Beispiel von dem kleinen Trinkabend in einem Berliner Klub, der damit endete, dass Thümmler zwei Türsteher niederstreckte, die in Streit mit seinem Kunden geraten waren. „Dann fing der auch noch an, meinen Kunden zu würgen.

Das geht ja nicht, das konnte ich natürlich nicht zulassen“, sagt Thümmler. Oder wie es in „Neuneinhalb Deals“ heißt: „Mit drei Promille im Blut und einem Sektkübelständer bewaffnet streckte ich die beiden Terrortiere innerhalb von zehn Sekunden nieder.“ Zwischen den Zeilen sind solche Aufzeichnungen ein nützliches Lehrbuch. Erste Lektion, ganz im Sinne von Steve Jobs` Ode an die „crazy ones“: „Die schrägen Typen, die irgendwie komisch daherkommen, das sind die interessanten.“ Nicht die handelsübliche BWLer-Stangenware mit ihren frittierten Frisuren und Streberherzen.

„Die klotzen dir schnell irgendein Startup hin, um den tollen Reibach zu machen, und dann ab nach Saint-Tropez.“ Thümmler hat Wirtschaftsinformatik studiert, er spricht die Sprache der Tech-Gründer. Noch wichtiger: Er teilt ihre Besessenheit. Im Austauschjahr in den USA traf er an der Highschool einen Lehrer, der hobbymäßig an der Börse spekulierte und ihm erklärte, wie das funktioniert an der Wall Street. Zurück in Deutschland, schnurgerade und unglaublich schnell: Einser-Abi, European Business School (EBS), Praktika bei der Deutschen Bank und Lehman Brothers, Promotionsstelle am Osteuropa- Institut der EBS. Als er seine Doktorarbeit anfängt, können ihn die Eltern, der Vater ist Polizist, nicht weiter finanzieren.

Also nimmt er den ersten Job bei Rothschild, einer M&A-Boutique in Frankfurt, an und zieht in ein Sieben-Quadratmeter- Kabäuschen: ein Bett, ein Schrank, Dusche auf dem Gang. Anderthalb Jahre wohnt er so. Er lernt das Geschäft von der Pike auf, findet es aber schon bald nicht mehr spannend: „Nachdem die fünfte Wellpappefabrik verkauft war, hatte ich die Schnauze voll.“ Bei der Investmentbank UBS Warburg in London kann er schließlich den ersten großen M&A-Deal im Telekommunikationssektor machen: „Die Success Fee für Warburg betrug das Hundertfache meines Jahresgehalts.“

Das ist 1997, der Neue Markt beginnt in Deutschland zu blühen, jede Woche werden neue Webgründer bei ihm in London vorstellig. Doch als Kunden kommen sie für seinen Arbeitgeber nicht infrage: „Ein 100-Mio.-Deal war zu klein für Warburg.“ Bei den Internetleuten ist er schnell sehr beliebt, seine Partys sind legendär, er selbst ist das irre Feierbiest. Also gründet Thümmler seine eigene M&A-Boutique, CFP. Und schmeißt weiter Partys, noch größere, noch wildere.

Seine Kunden, die Tech-Gründer, sind begeistert. „Du musst zwei Dinge wissen: Wie ticken lebende Wesen, und wie funktionieren Maschinen? Wenn du das weißt, kannst du einen Haufen Geld verdienen“, sagt Thümmler. Für die Gründer, viele von ihnen saßen früher als schrullige Sonderlinge zu Hause am Rechner, schmeißt er jetzt nachträglich die Partys, auf die sie früher nie eingeladen wurden. Die Brillenhirnis von damals plötzlich im VIP-Bereich der coolsten Klubs!

Partys, sagt Thümmler, seien für Tech-Leute eine Notwendigkeit: Im Vergleich zu anderen Branchen sei die Angst, von anderen um die eigenen Ideen gebracht zu werden, sehr viel kleiner. Und der Wunsch nach Austausch sehr viel größer. „Er zieht Leute früh an sich und bindet sie emotional und moralisch. Damit schafft er sich sein eigenes Netzwerk, seinen eigenen Markt“, sagt ein Konkurrent, ebenso pikiert wie bewundernd.

Gemeinsames Trinken, richtig fies bis zum Ende, zum Stammeln und Schwanken, bildet naturgemäß stärkeres Vertrauen als gemeinsames Golfen. Weil man einander ohne zivilisierten Schutzschild erlebt hat. Und dann „den ganzen Mist, der unterm Deckel brodelt“ erzählt, die Schwachstellen eines Unternehmens, die man als Berater kennen muss. Wobei man getrost glauben darf, dass sich Andi Thümmler nicht nur aus strategischen Gründen die Nächte um die Ohren haut: Es macht ihm ganz einfach einen Heidenspaß.

Für Conrad Fritzsch, CEO des Internet-Musikfernsehens Tape.tv und aktueller Kunde, ist Thümmler „ein beeindruckendes Beispiel, wie man ,work hard, play hard` ohne Kompromisse leben kann und nicht zuletzt dadurch sehr erfolgreich wird.“ Bevor der Eindruck entsteht, CFPs Erfolg sei vor allem auf Wodka gebaut: Seine M&A-Teams seien – wie gute Gründerteams – natürlich eine Mischung verschiedener Charaktere, sagt Thümmler: „Du brauchst ruhigere, wirklich seriöse Leute und dann halt auch welche, die wissen, wie man Rambazamba macht. Ich bin eher das Frontschwein.“ Für seine Kunden tut Thümmler alles. Wie ein sehr aufmerksamer, sehr großzügiger Kumpel.

Damit ihm seine Gründer nach dem Exit nicht verloren gehen, hat er vor drei Jahren CFP & Founders Investments eingerichtet, einen Fonds, in den sie einen Teil ihres Verkaufserlöses einzahlen und so neue Deals mitfinanzieren können. „Wie ein Klassentreffen“, sagt Thümmler.
160 Gründer haben bisher investiert. Eine große Familie. Schwindelig kann einem bei all diesen Geschichten werden, allein vom Zuhören. Wie tankt Thümmler, der selbst das Werben um eine Frau mit einem gelungenen M&A-Abschluss vergleicht, zwischendurch auf? „Nach 20 Jahren Dauerparty ist für mich Party, wenn keine Party ist“, sagt er. Es hilft, dass es in seinem Heimatdorf kaum Handyempfang gibt.

Dort verbringt er die meiste Zeit, seltener ist er in seinem Frankfurter Penthouse. „Sie wollten im Dorf einen Funkmast aufstellen, das haben wir erfolgreich verhindert.“ Würde Thümmler nicht manchmal auch lieber mit seinen Kunden auf eine langweilige Vernissage gehen, statt die Nächte durchzufeiern? Nicht dran zu denken, sagt er: „Die besten Deals werden nun mal beim Essen, Trinken und Partymachen geclosed.“ Da könne einer die beste Marktkenntnis haben, psychologisch noch so raffiniert sein, ein ausgebuffter Bluffer mit hellseherischen Fähigkeiten:
„Am Ende macht eine Flasche Schampus vielleicht den Unterschied.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 06/2012.

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