Unternehmen „Das Wort Tigerstaat gab es noch gar nicht“

Der Unternehmer Horst Kessler von Sprengeisen lebt und arbeitet seit 40 Jahren auf den Philippinen. Wie sich die Wirtschaft seitdem verändert hat, erzählt er im Interview.

Der Fahrstuhl fährt in die neunte Etage des Ramon Magsaysay Center.
 Hier am Roxas Boulevard residiert ein Unternehmen, dessen deutsche Wurzeln schon auf dem Klingelschild abzulesen sind: Hamburg Trading. Gründer Horst Kessler von Sprengeisen, 72, versorgt seit vier Jahrzehnten die philippinische Industrie mit Chemikalien, Phosphaten, Stärke und anderen Spezialstoffen. Er beschäftigt rund 40 Mitarbeiter.

impulse: Herr Kessler, Sie sind 1968 als Manager nach Manila gekommen, später haben sie sich mit Ihrer Firma selbständig gemacht. Das Land…

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Kessler von Sprengeisen: …war ein ganz anderes damals. Es lebten 35 Millionen Menschen hier, heute sind es 100 Millionen. Der Diktator Ferdinand Marcos war noch an der Macht, jeder trug eine Waffe und es wurde auch ziemlich viel geschossen, alles erinnerte ein bisschen an den Wilden Westen.

Und Sie haben sich gedacht: Genau der richtige Ort, um eine Firma zu gründen?

Sie dürfen nicht vergessen: Damals waren die Philippinen den anderen asiatischen Ländern voraus. Es gab boomende Industrien, die wir belieferten: Stahl-, Gummi-, Plastik- und eine Textilindustrie. Von China war da noch nicht viel zu sehen.

Das änderte sich im Laufe der Jahrzehnte…

Allerdings. Die Philippinen wurden über die Jahre herunter gewirtschaftet, erst politisch, dann wirtschaftlich. Durch die Zollunion der Asean-Länder kamen dann immer Produkte aus Thailand oder Vietnam ins Land. Es zeigte sich mit der Zeit, dass die hiesige Industrie nicht wettbewerbsfähig ist. Und seit fünf bis zehn Jahren dominieren die Chinesen die Wirtschaft. Die Industrie ist im Vergleich zu damals deutlich geschrumpft.

Und trotzdem schwärmen jetzt alle vom neuen Tigerstaat…

Als ich hier anfing, gab es das Wort noch gar nicht (lacht). Der Boom ist im Service-Sektor entstanden. Die Outsourcing-Branche macht Milliardenumsätze. Manila wird schon die Callcenter-Hauptstadt der Welt genannt. Kein Wunder: Die Leute sprechen alle Englisch, so dass die amerikanischen Firmen vieles hierher verlagern können. Dazu kommt, dass das Bildungsniveau im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern höher ist.

Unternehmer Horst Kessler von Sprengeisen in Manila

Unternehmer Horst Kessler von Sprengeisen in Manila ©fw

Trotzdem scheint es nicht genügend Arbeit zu geben. Auffällig viele Menschen wandern aus.

Zehn Prozent aller Philippinos, heißt es offiziell, arbeiten im Ausland. Es sind eher 15 Prozent, denke ich. Das sind 15 Millionen, die als Krankenschwester in Dubai oder als Matrose auf den Weltmeeren unterwegs sind. Fast jede Familie hat ein Mitglied, das regelmäßig Geld von weither überweist. Wer im Ausland arbeitet, will dann meistens irgendwann zurückkommen und kauft sich hier eine kleine Wohnung, sobald das Geld dafür gespart ist. Das ist auch ein Grund für den aktuellen Bauboom.

Die Philippinen wachsen so schnell wie kein anderes Land Asiens. Welchen Anteil hat die aktuelle Regierung daran?

Die Vorzeichen haben sich komplett geändert. Präsident Benigno Aquino ist glaubwürdig, die Leute orientieren sich an ihm als Vorbild. Früher sahen die Leute keinen Grund, Steuern zu zahlen, weil die Minister es ja auch nicht gemacht haben. Heute ist die Vetternwirtschaft auf dem Rückzug. Man kann so etwas nicht in drei Jahren komplett abschaffen, aber es gibt Fortschritte. Wenn heute jemand von der Steuerbehörde hier rein kommt, gibt es keine Probleme.

Und woran hapert es noch?

Die Infrastruktur ist die eines Entwicklungslands. Ein Beispiel: Es ist preiswerter, einen Container von Hamburg hierher nach Manila zu verschiffen, als von hier weiter ins Landesinnere zu befördern.

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