Unternehmen Den Nutzer zum Partner machen

Lästige Werbung vor den beliebten Kinotrailern ist ein Ärgernis für Filmfans ebenso wie für die Filmbranche. Die Regisseure Roland Emmerich und Marco Kreuzpaintner haben mit dem Produzenten Christopher Zwickler nun ein neues Portal geschaffen: Auf flimmer.de können die Nutzer Trailer schauen und werden mit einem Guthaben belohnt.

Im größten Kinosaal im Cinestar-Kino am Berliner Alexanderplatz wird es dunkel, der Vorhang öffnet sich, die Leinwand erstrahlt. Gleich beginnt der Hauptfilm, „Prometheus“ von Ridley Scott. Bis es so weit ist, zeigt die Kinokette vor allem Filmtrailer. Und während auf der Leinwand der Teddybär Ted aus der gleichnamigen Komödie zwei Minuten lang sein Unwesen treibt, stehen die Zuschauer in nicht enden wollenden Schlangen an den Snacktheken.

Sie alle bekommen nichts von den Trailershows mit, die die Filmverleiher als Werbung vor den Hauptfilm setzen. Die investierten Werbekosten verpuffen weitgehend. Das ärgert nicht nur Filmverleiher, sondern auch die Kinobetreiber. Die ganze Filmverwertungskette bis hin zu den Schauspielern erleidet Nachteile durch das flüchtige Publikum. Im Kino kaufen die Leute Snacks vor dem Hauptfilm, im TV schalten sie bei der Werbung um, ohne den Trailer dazwischen zu bemerken. Und im Internet klicken sie genervt weg, wenn vor dem Trailer Werbeclips laufen, die man nicht überspringen kann, so genannte Prerolls. Denen sagen nun zwei Regisseure, ein Produzent und ein Investor den kreativen Kampf an.

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Die Filmregisseure Roland Emmerich („Independence Day“, „2012“) und Marco Kreuzpaintner („Sommersturm“, „Krabat“), seit Jahren befreundet, saßen zusammen in Hollywood, als ihnen die Idee kam, ein Onlineportal zu gründen, bei dem erstmals garantiert ist, dass die Nutzer die gezeigten Filmtrailer und Teaser auch wirklich bis zum Ende anschauen. Ein halbes Jahr lang brüteten die Regisseure über der Idee, der Produzent Christopher Zwickler („Hotel Desire“) stieg mit ein und präzisierte das Projekt.

Das Ergebnis ist seit kurzem online:
flimmer.de. Mit dem Slogan „earn per view“ wollen die Betreiber „die User zu Partnern machen“, wie es Marco Kreuzpaintner beschreibt. Es gehe darum, der „Gratismentalität ein Schnippchen zu schlagen“. Die Filmemacher entwickelten ein bis dato einzigartiges Modell, das die Nutzer, die Kunden, belohnt und auf der anderen Seite den Unternehmen eine subtile, aber höchst effiziente Form von Direktmarketing ermöglicht.

Stattliche Summen anhäufen

Das Ganze funktioniert so: Der Nutzer registriert sich einmalig und bekommt ein virtuelles Konto. Er kann sich dann ohne lästige Werbung Trailer seiner Wahl anschauen. Der Clou aber ist das Trailerquiz. Am Ende eines Filmclips wird dem aufmerksamen Zuschauer eine Frage gestellt. Beantwortet der User sie richtig, bekommt er auf seinem Konto bis zu 10 Cent gutgeschrieben. Und weil sich das beliebig wiederholen lässt, kann der Filmfan stattliche Summen anhäufen. Zwar gibt es dutzende von Portalen im Netz, auf denen sich Trailer und Teaser anschauen lasen, aber eben selten ohne eingebettete Werbung und schon gar nicht mit einer Gratifikation am Ende.

An dieser Stelle kommen die Partner von flimmer.de ins Spiel. Wer will, kann sein Guthaben in Kinotickets, DVDs, Video-On-Demand-Abrufe oder Games eintauschen. Mit an Bord ist etwa Cinestar, die größte Kinokette Deutschlands. „So etwas hat es weltweit noch nicht gegeben. Die Idee ist genial, weil alle profitieren, die User, die Filmverleiher und die Kinobetreiber“, sagt Oliver Fock, Gesamtgeschäftsführer von Cinestar. Er will bei cinestar.de verlinken auf flimmer.de, so lassen sich die Guthaben in Kinokarten in seinen Häusern eintauschen. In der Geschäftsidee sieht der Kinofachmann großes Potenzial. „Wir haben australische Gesellschafter, das wird auch auf Interesse im Ausland stoßen.“

Die Zuständigkeiten haben die Gründer längst festgezurrt. Mitbegründer Christopher Zwickler wurde zum Geschäftsführer des Berliner Start ups ernannt, Marco Kreuzpaintner ist der kreative Kopf. Schon bald soll aus der Gbr eine GmbH werden, Gesellschafter sind Roland Emmerich und Businessangel Alexander Artopé. Er ist Geschäftsführer von smava.de, dem größten Kreditmarktplatz in Deutschland. Artopé glaubt vor allem deshalb an das Modell, weil der Nutzer belohnt werde und Filme momentan sehr wenig beworben würden. „Das Gute ist doch, dass flimmer.de transaktionsbasiert ist, die Refinanzierung kommt quasi per view“, sagt Artopé. Durch das Trailerquiz lasse sich sogar eine storyline präsentieren. „Der User merkt sich, weil er ja die Frage am Schluss beantworten will, genau das, was er sich merken soll.“ Die genaue Investitionssumme will Artopé nicht nennen, seine Rolle sei ohnehin eher im Hintergrund angesiedelt. „Aus dem operativen Geschäft halte ich mich raus, ich sehe mich eher als eine Art Aufsichtsrat“.

Die Geschäfte führen soll der 28-jährige Filmproduzent Zwickler. Er gilt als ideenreich und überaus ambitioniert in der Filmbranche. Gemeinsam mit Regisseur Kreuzpaintner stellte er das Portal den mächtigen Filmverleihfirmen vor. Unternehmen wie Paramount Pictures, Universal Pictures, Senator Film, Studiocanal, DCM, Universum oder Tobis haben ihre Teilnahme zugesagt. Auch die Deutsche Telekom kooperiert über ihr On-Demand-Portal Videoload mit flimmer.de. „Fast alle waren sofort begeistert, weil es das so noch nie gab“, erzählt Zwickler. „Sie können jetzt gezielt ihr Wunschpublikum ansprechen und wissen, dass ihre Produkte wirklich konsumiert werden“. Kein Wunder also, dass die Verleiher gern bereit waren, Geld für das Portal aufzubringen. Zwickler: „Durch den Wirtschaftskreislauf mit unseren Partnern fließt das investierte Geld ja wieder an die Verleiher zurück“.

Das Portal ist vor Kurzem mit einem großen Staraufgebot gelauncht worden. Vertreter aus der gesamten Kreativwirtschaft waren gekommen, Schauspieler wie David Kross und Katja Riemann, junge Filmproduzenten wie Ex-StudiVZ-Investor Dario Suter und die einflussreiche Chefin der Filmförderung Medienboard Berlin Brandenburg, Kirsten Niehuus, waren der Einladung gefolgt. Auch Produzent David Groenewold, in die Schlagzeilen geraten durch seine Verstrickung in die Schnäppchen-Affären von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, zeigte sich auf dem Event erstmals wieder der Öffentlichkeit.

Nicht nur für die Produzenten und Filmemacher ist flimmer.de attraktiv. Auch für die Schauspieler ist das Portal eine Chance. Robert Stadlober („Crazy“, „Berlin am Meer“) etwa sieht die Plattform als einmalige Gelegenheit, auch auf kleinere Filme aufmerksam zu machen. „Ich drehe oft Independent-Filme, die werden in den Mainstream-Häusern nicht beworben, auf flimmer.de bekommen auch kleine Produktionen die Chance, wahrgenommen zu werden“, sagt Stadlober. Und überhaupt: „Ist doch furchtbar immer diese Werbung bevor man einen coolen Trailer angucken kann, ich will da vorher keine Deo-Empfehlung.“

Alexander Linden war insgesamt über zwei Jahre Jahre bei den Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien beschäftigt. Seit August 2011 ist er Referent bei der SPD-Bundestagsfraktion. Er ist weiterhin als freier Journalist tätig.

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