Unternehmen Denn gut ist längst nicht gut genug

DIHK und impulse zeichnen Unternehmen aus, die mit überzeugenden Neuheiten aufzuwarten wissen. Drei Gewinner des Wettbewerbs "Potenzial Innovation" im Porträt.

Für die Idee reicht ein Gedankenblitz. Um sie umzusetzen, bedarf es Jahre. Thomas Alva Edison hatte recht, als er feststellte, dass Genie ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration sind. Erfolg von heute auf morgen – das klappt so gut wie nie. Das zeigen auch die Bewerbungen für den Wettbewerb „Potenzial Innovation“.

Gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat impulse Unternehmen aufgefordert, Neuheiten zu präsentieren. Die fünf Juroren Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf), Marion Weissenberger-Eibl (Fraunhofer ISI), Stefanie Heiden (AiF), Hans Heinrich Driftmann (DIHK) und Nikolaus Förster (impulse) haben zehn Gewinner ausgewählt. Erbslöh Geisenheim, Engel Dataconcept, Power Plus Communications, Global Office, DTV-Verkehrsconsult, Quint SDI und IBG Technology hat impulse in den beiden vorigen Ausgaben vorgestellt. Hier die drei ausstehenden Gewinner:

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Die Hitze, die aus der Kälte kommt

Eis zum Heizen? Alexander von Rohr weiß, dass die Innovation von Isocal Heizkühlsysteme paradox klingt: ein Heizsystem, das Eis als Energiequelle nutzt. Aber es ist tatsächlich so: Wird Wasser zu Eis, entsteht Energie; und die kann zum Heizen genutzt werden. Rohr vergleicht sein Solareis-System mit den Wärmekissen, die man aus dem Skiurlaub als Handwärmer kennt: „Die erhitzen sich, wenn man sie bricht, weil dann Wasser zu Eis und jede Menge Wärme frei wird.“

Isocal gelingt es, „der Physik ein Schnippchen zu schlagen“, sagt der zweite Geschäftsführer Heiko Lüdemann, indem der Gefrierprozess umgedreht wird. Statt von oben nach unten und von außen nach innen friert das Wasser im Solareis-System genau umgekehrt. Die Wärme des Sommers wird in riesigen Wassertanks gespeichert und im Winter so lange zum Heizen entnommen, bis sich das Wasser durch Wärmeentzug wieder zu Eis verwandelt hat. Wird dieser Heizkreislauf unterbrochen, fängt das System zusätzlich mit Solar- und Luftkollektoren Sonnenenergie ein.

Damit lassen sich bis zu 50 Prozent Heizkosten sparen, die CO2-Belastung ist nahezu null. Zudem dient das Eis im Sommer als kostenlose Klimaanlage. „Diese Kombination aus Umweltschonung und Kostenreduzierung nenne ich zukunftsweisend“, lobt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann.

Nach ersten Feldversuchen 2008 hat Isocal bereits mehr als zehn Anlagen verkauft. 2011 sollen es mehr als 50 Stück sein und der Breakeven erreicht werden. Mittelfristig peilen die Friedrichshafener bis zu 2000 verkaufte Anlagen pro Jahr an. Aus den Startlöchern ist das Unternehmen längst heraus: Bis Jahresende werden 14 neue Stellen besetzt sein, weitere sollen folgen.

Zu den bisherigen Kunden zählen mehrere Hotels und Krankenhäuser sowie das Stuttgarter Stadtarchiv. Neuerdings versucht Isocal, auch Privatleute für seinen Ansatz zu erwärmen. Ein Wassertank für Einfamilienhäuser fasst zehn Kubikmeter – so viel wie eine große Regenwasserzisterne – und kostet um die 7500 Euro. Umstände sollen beim Einbau nicht entstehen, versichert Rohr. „Der Speicher wird per Lkw gebracht, eingegraben und fertig.“ Ein Vertrag mit einem Fertiggaragenhersteller ist unterzeichnet, der die Solareis-Tanks im Doppelpack mit seinen Garagen einbaut.

Blauer Montag für Roboter

Englisch kann Jens Trepte ja, aber das half ihm in Brasilien nicht, um sich den Fabrikarbeitern verständlich zu machen. Also dachte der Geschäftsführer der Chemnitzer Firma IMK Automotive: Bilder sagen mehr als tausend Worte, und veranschaulichte bestimmte Arbeitsabläufe einfach am Computer. Das kam an, auch wenn anfangs Schlittschuhläufer durch die digitale Fabrik glitten – die waren am einfachsten zu programmieren gewesen.

Daraus lässt sich mehr machen, sagte sich Trepte. Ein virtueller Facharbeiter nämlich, mit dem Fertigungsplaner menschliche Arbeitsabläufe visualisieren und damit die Organisation einer Fabrik optimieren können. Fünf Jahre lang bastelte ein IMK-Team aus Informatikern, Fertigungsplanern, Ergonomen und Arbeitspsychologen an der Aufgabe. 2008 entstand der Editor menschlicher Arbeit (EMA), der in seinem hautengen Anzug aussieht wie ein Mix aus „Avatar“ und „Raumschiff Enterprise“.

In EMA steckt das gesamte Paket praktischer Intelligenz eines Fabrikarbeiters. Oder wie Trepte es sagt: „Dem muss man nicht erst erklären, wie er eine Schraube anzufassen hat.“

Fehlerfrei ist das Menschmodell dennoch nicht – mit Absicht. Es bildet keinen Roboter ab, sondern einen realen Arbeiter. Einen, der auch mal den Schraubenzieher fallen lässt und nicht immer Höchstleistungen bringt. „In den realen Fabriken arbeiten ja nicht nur Arnold Schwarzeneggers“, sagt Trepte.

Nur wer von einem realistischen Menschenbild ausgeht, kann Mitarbeiter intelligent einsetzen und die Fertigung effektiver machen. Dabei hat sich das rund 17.000 Euro teure Softwarewerkzeug bewährt, schafft Einspareffekte zwischen zehn und 30 Prozent, wie Volkswagen oder Daimler bestätigen können. Jurymitglied Stefanie Heiden lobt die Innovation als „weltweit einzigartig“.

Zwölf neue Arbeitsplätze sind bei IMK seit der Einführung von EMA entstanden. Bis 2013 soll die Belegschaft auf 64 Mitarbeiter verdoppelt und der Umsatz von derzeit 2,5 Mio. Euro sogar verdreifacht werden.

Nacktscanner für Kunststoffe

Geht Holger Quast auf Akquise-Tour, hat er immer ein Youtube-Video dabei. Darauf wirbelt ein Windrad spektakulär im Sturm, bis es in Sekunde 17 zerschellt, der Mast umknickt und die Rotorblätter zerfetzen. Der Clip ist die perfekte Werbung für seinen Scanner, der mithilfe von Terahertzwellen nichtmetallische Werkstoffe durchleuchtet – kontaktlos, sekundenschnell, in gestochen scharfer Bildqualität und ohne jegliche Gefährdung von Mensch oder Material. Fehler im Werkstoff lassen sich so früh erkennen und beheben, auch an Schiffsrümpfen, Gaspipelines oder Glasfaserrohren. Der Scanner findet Risse, Löcher und Klebestellen. Jurorin Weissenberger-Eibl nennt die neue Messtechnik einen „Enabler für weiteren Technologiefortschritt“, weil sie auch Verbundwerkstoffe analysieren kann, bei denen andere Prüfverfahren nicht greifen.

Das einzig Nervige ist das Geräusch während des Scanvorgangs, „eine Mischung aus Zahnarztbohren und Kreissäge light“, sagt Torsten Löffler. Wie Quast ist er promovierter Physiker sowie Mitgründer und Co-Geschäftsführer von Synview. Wenn aus dem Werkstattlabor des Hinterhauses im hessischen Bad Homburg mal wieder schrille Geräusche dringen, wissen auch die Mitarbeiter im Wintergarten nebenan, dass gerade wieder gescannt wird.

Zehn Jahre hat Löffler geforscht am Scanner, erst im eigenen Keller, dann in den Laboren der Frankfurter Goethe-Universität. Ein gelungener Transfer von Grundlagenwissen zu echten Produkten, lobt Jurymitglied Nicola Leibinger-Kammüller. Sie prophezeit dem Gerät „eine große Zukunft, weil komplexe Werkstoffe mehr Bedeutung bekommen werden“.

Synview, erst im vergangenen Jahr gegründet, hat bereits drei Scanner verkauft (Preis für ein Standardgerät: 150.000 Euro). Das Unternehmen verdient außerdem mit Durchleuchtungen im eigenen Labor. Schwarze Zahlen schreibt das Startup von Anfang an, obwohl sieben Mitarbeiter beschäftigt werden. Über Arbeitsmangel haben die nicht zu klagen: Zurzeit bekommt Synview so viele Anfragen, dass Quast derzeit eher selten mit dem Schock-video auf Akquise geht.

Hinweis

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2010.

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