Unternehmen Der Patriarch hat ausgedient

Streit gibt es in fast jedem Familienunternehmen - besonders, wenn es um die Nachfolge geht. Noch vor zehn Jahren war das Thema tabu. Heute suchen selbst hartgesottene Patriarchen Rat und wollen das Problem im Einklang mit der Familie lösen.

Die Geschichte mutet an wie das Drehbuch zu einer Seifenoper. Es geht um zwei Brüder, ein Unternehmen, Neid – und viel, viel Geld. Als Johannes und Heinrich Becker 1972 nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters die Kölner Traditionsbrauerei Gaffel übernahmen, war die Welt noch in Ordnung. Ihr Anteil am väterlichen Unternehmen war gleich groß. Jeder hatte seinen klar definierten Aufgabenbereich. Alles schien perfekt. Doch irgendwann hörten sie auf, miteinander zu reden. Keiner kann mehr sagen, warum genau. Schleichend wandelte sich das einst friedliche Nebeneinander in einen offenen Krieg. 2006 flog Johannes aus der Geschäftsführung und klagte seinen Bruder Heinrich öffentlich an. Alle Gazetten Kölns berichteten von der Schlammschlacht in der Traditionsbrauerei, erst im Januar appellierte ein Richter im Kölner Landgericht nachdrücklich an die Brüder, sich zu einigen.

Selten tragen Firmen private Streitigkeiten auf offener Bühne aus. Doch es brodelt in fast jedem Familienunternehmen. „Das ist ein systemimmanentes Problem“, sagt Arnold Weissman, Gründer und Gesellschafter der Strategieberatung Weissman & Cie, die auf Familienunternehmen spezialisiert ist. Auf der einen Seite steht die Familie, in der Macht, Geld, Vertrauen und Liebe eine dominierende Rolle spielen, auf der anderen das Unternehmen, in dem es um rein wirtschaftliche Entscheidungen geht. Schwappen aufgeladene Konflikte aus der Familie in den Betrieb über, wird der persönliche Zoff zur Zerreißprobe für das Unternehmen. Der Generationswechsel ist dabei die Sollbruchstelle. Denn sobald die Pfründe neu verteilt werden, brechen familiäre Befindlichkeiten mit Macht hervor.

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Vor zehn Jahren noch war das Thema ein Tabu. Etliche Unternehmen schlitterten vollkommen unvorbereitet in den Nachfolgeprozess hinein. Heute gehen die Meisten deutlich professioneller damit um. „Das Bewusstsein, dass es sich hierbei um eine strategische Entscheidung mit kaum zu unterschätzender Wirkung handelt, hat sich durchgesetzt“, sagt Berater Weissman. Somit ist auch das Interesse an Lösungen spürbar gewachsen. Selbst machtbewusste Patriarchen haben dazugelernt und holen sich Rat bei Experten. Viele haben sich von der Vorstellung verabschiedet, dass eines der eigenen Kinder die Nachfolge antreten müsse. „Das Fremdmanagement hat sich enttabuisiert. Die meisten Patriarchen denken heute in der Nachfolge zweigleisig“, sagt Arist von Schlippe vom Wittener Institut für Familienunternehmen.

Kein Patentrezept

Angesichts der wachsenden Nachfrage ist die Zahl der Unternehmensberatungen mit Spezialgebiet Familienunternehmen in der letzten Dekade sprunghaft angestiegen. Gleiches gilt für Forschungseinrichtungen, die sich mit Familienunternehmen beschäftigen. 1998 gab es nur das Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten-Herdecke, heute existieren insgesamt 15 Einrichtungen. Egal ob Beratungen oder Forschungsinstitute, alle kommen zu demselben Ergebnis: „Es gibt kein allgemein anwendbares Patentrezept, um die Nachfolge konfliktfrei zu gestalten. Die Lösung der Probleme ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Unternehmerfamilie und Familienbetrieb brauchen eine schlüssige Gesamtstrategie“, sagt Karsten Schween, Geschäftsführer der Beratungsfirma Intes.

Family-Governance heißt das Zauberwort. Ein klar kommunizierter und offen besprochener Verhaltenskodex kann helfen, Konflikte zu vermeiden. Das zeigt das Beispiel Goldbeck. Ortwin Goldbeck hatte sich schon mit 50 Jahren Gedanken über seine Nachfolge gemacht und den Wechsel von langer Hand vorbereitet. Dazu gehörte auch eine Familiencharta, die er gemeinsam mit seinen drei Söhnen und seiner Ehefrau ausgearbeitet hat. „Darin haben wir versucht, alle Dinge, die zu Streit führen können, zu regeln“, sagt Goldbeck. Was passiert, wenn einer ausscheiden will? Wie werden die Ausschüttungen geregelt? „Das wichtigste aber ist, dass die Familie im Gespräch bleibt.“ Deshalb trifft sich Familie Goldbeck regelmäßig und bespricht geschäftliche Themen. Doch das allein reicht nicht aus. „Einer muss die Familie managen und Kinder und Enkelkinder auf die Aufgabe vorbereiten“, sagt Goldbeck. Auch in seiner Familie ist jemand dafür abgestellt.

Gefolgschaft kann man nicht verordnen

Mehr Transparenz, mehr Kommunikation – daran kommen auch die Patriarchen nicht mehr vorbei. „Die Zeit des alleinherrschenden, alles im Alleingang entscheidenden Patriarchen ist endgültig vorbei. Heute kann man Gefolgschaft nicht mehr verordnen“, sagt Berater Schween. Ein Eindruck, den auch Stefan Heidbreder in den letzten Jahren gewonnen hat. Er ist Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen und betont: „Dieses Leitbild hat ausgedient.“ An seine Stelle tritt zunehmend das transparente Familienunternehmen mit einem professionellen Controlling und einer klaren Investor-Relations-Strategie.

„Wir beobachten in Familienunternehmen derzeit einen tief greifenden Kulturwandel“, bestätigt von Schlippe. Die autoritären Strukturen werden aufgebrochen zugunsten von mehr „Demokratie und Vielfalt“. Allerdings birgt das auch Nachteile. Denn viele Konflikte, die vorher der Patriarch im Keim erstickte, müssen nun in der Familie ausgetragen werden. „Das setzt die Familie unter stärkeren Konfliktdruck. Es muss mehr ausgehandelt und diskutiert werden“, sagt von Schlippe. Deshalb ist es so wichtig, dass es eine Familienverfassung gibt, die klare Regeln vorgibt und den Diskurs steuert.

Bei der Traditionsbrauerei Gaffel ist man davon weit entfernt. Stattdessen kämpft in der Familie Becker jeder gegen jeden – und zwar mit harten Bandagen. Gegenseitig knallen sie sich getürkte Spesenrechnungen um die Ohren und bezichtigen einander, Millionenbeträge entgegen der Entnahmestatuten aus dem Unternehmen gezogen zu haben. Es geht längst nicht mehr um die Brauerei, sondern nur noch um Geld und Einfluss. Alle Vorschläge des zuständigen Kölner Landgerichts, sich gütlich zu vergleichen, haben die Brüder abgelehnt. Nun droht der Gaffel dasselbe Schicksal wie so vielen anderen Familienunternehmen: am Streit der Gesellschafter zugrunde zu gehen.

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