Unternehmen Der Stoff, aus dem Bäume sind

Ajaa!-Gründer Raphael Stäbler hat eine Alternative zur Tupperdose entwickelt. Mit Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen will er das traditionelle Geschäft mit Haushaltswaren aufmischen.

Die drei Schafe blöken misstrauisch in sicherer Entfernung. Zu selten stapft Raphael Stäbler durch das wadenhohe Gras ihrer Wiese, zumal in Begleitung Unbekannter. Sonst ist zwar alles wie gewohnt, rechts und links rauschen die Autos auf ihren Asphaltwegen, vorn glänzt die gewellte Wand der Produktionshalle in der Sonne, hinten ruht der Walnussbaum. Doch selbst die Körner und Stücke trockenen Brotes, die im silbernen Eimer in Stäblers Hand verführerisch rumpeln, können die wollenen Tiere nicht locken.

Der Bruder muss her. Stäbler hockt im Gras und zückt sein Handy. Phillip kommt aus der Produktionshalle herüber, ihn kennen die Schafe als ihren Nahrungsgeber und lassen sich von ihm und dem Futter an die richtige Stelle manövrieren, in den Hintergrund des Fotos.

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Im Glück: Wie das Porträt zustande kam
Zum Sieg gerubbelt In der Mai-Ausgabe hatten wir passend zum Titelthema Gamification (wie Firmen den Spieltrieb für sich nutzen) nicht nur Rätsel im Heft verteilt, sondern auch das Cover mit neun Rubbelfeldern versehen. Die Aufgabe: drei Felder mit dem gleichen Symbol freizulegen. Die Wahrscheinlichkeit, diese Aufgabe erfolgreich zu lösen, war nicht besonders hoch, sie lag bei 1:84 (3/9 mal 2/8 mal 1/7). Dennoch erreichten uns 27 freigerubbelte Coupons. Die Auslosung des Gewinners fand Anfang Juni nach einer Redaktionskonferenz statt. Gezogen wurde der Coupon von Raphael Stäbler aus Filderstadt bei Stuttgart. Der 32-jährige Abonnent, dessen Vater ein Maschinenbauunternehmen führt, wünschte sich ein Porträt seines eigenen Startups Ajaa. Schnell war ein Termin gefunden. Wenige Tage nach dem Anruf aus Hamburg war impulse-Redakteurin Teresa Goebbels samt Fotograf vor Ort.

Es geht eben nichts über hilfreiche Verwandte. Die Fertigungshalle neben der Schafweide etwa, sie gehört zum Betrieb von Vater Stäbler. Dessen Unternehmen Alfatec fertigt Transport- und Hebesysteme, für Radioteleskope von mehr als 100 Tonnen, für Frachtcontainer. Im Bürotrakt hinter der Produktion sitzt auch Raphael Stäbler. Nicht als Kollege seines jüngeren Bruders, seines älteren, seines Vaters, seiner Mutter. Sondern als sein eigener Chef.

Über Jahre hat er das Unternehmen mit einem Studienkollegen geplant. Die Infrastruktur des väterlichen Betriebs kommt da zupass. Der Name seines Unternehmens, 4e Solutions, stehe für die vier Elemente, sagt der 32-Jährige: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Und für die vier Studenten, die sie vor sechs Jahren waren, im Businessplanprojekt ihrer Fachhochschule. Erste Aufgabe: Geschäftsidee finden. Einer von ihnen, Robin Haas, Spross des Bürstenherstellers Rival Haas, brachte sie auf einen Kunststoff, rein aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt. Enthalten sind etwa Lignin, das Bäumen Stabilität gibt und bei der Papierproduktion abfällt, Karnaubawachs, als Trennmittel bei Gummibärchen bekannt, Zellulose und Zuckerextrakt. Vor allem aber: kein Erdöl. Kein Weichmacher. Eine umweltverträgliche Alternative zu Plastik. Mehr als 200 Millionen Tonnen davon werden jährlich hergestellt, mehr als sechs Millionen Tonnen landen jährlich in den Meeren, schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Dort treibt das kaum lösbare Material über Jahre bis Jahrzehnte dahin.

Stäbler und seine Kommilitonen überlegten, wo sich das Bioplastik einsetzen ließe. Sie verfielen auf – Särge. Dieses Plastik schließlich ist abbaubar. Sie schrieben den Businessplan, entwarfen einen Sarg, reichten die Patentanmeldung ein. Letztlich aber fürchteten sie zu scheitern. An der „Bestattungsmafia, man muss es so sagen“, meint er. Das Geschäft sei in festen Händen, für 50 Euro bekomme man in Osteuropa einen fertigen Holzsarg mit allen Ornamenten und Beschlägen, da habe ein hochpreisiger Kunststoff keine Chance.

Also was mit Lebensmitteln. Hier ergebe ein Plastik, das nicht migriert, also keinen seiner Bestandteile abgibt, den meisten Sinn. Aber während das Thema bei Kinderspielzeug nach einigen Skandalen im Bewusstsein der Öffentlichkeit angelangt ist, spielt es bei Lebensmitteln kaum eine Rolle. Stäbler und seine Kollegen verlegten sich also auf eine andere Art von Kisten – auf Boxen zur Lebensmittelaufbewahrung. Für Wurst, Käse, Spaghetti, Müsli. „Man kauft im Biomarkt und im Hofladen, aber bewahrt die Dinge dann in einer Tupperdose auf“, aus herkömmlichem Plastik, das passe nicht zusammen. Seine Boxen sollen die konsequente Verlängerung des Biotrends bei Lebensmitteln sein – ohne Belastung der Umwelt, ohne Beeinträchtigung für den Nutzer. Der Biokunststoff lässt sich wie sein klassisches Pendant färben, mit denselben Maschinen verarbeiten. Zahnbürsten werden daraus gemacht, Kinderspielzeug, Textmarker. Kühlschränke und heißes Essen sollen für Stäblers Dosen kein Problem sein, bloß die Mikrowelle würde dem Karnaubawachs den Garaus machen. Den Namen des Materials, das all dies vermag, will Stäbler lieber nicht preisgeben – die Konkurrenz könne sonst zu einfach nachziehen.

Denn Stäbler betreibt Pionierarbeit. Dosen aus Bioplastik gibt es bislang nicht. Wer Alternativen sucht, muss auf Glas oder Metall ausweichen, sagt Joachim Hescheler, Chefeinkäufer beim Stuttgarter Haushaltswarengeschäft Tritschler. Er ist von dem Projekt begeistert und wird die Dosen ins Sortiment nehmen. Seine Kunden, insbesondere Mütter, fragten danach.

Mittlerweile ist der Prototyp gebaut, die Spritzgussform fast fertig. Bei alldem hält Stäbler nichts von schwäbischer Sparsamkeit, sagt er, obwohl er in der Gegend von Filderstadt aufgewachsen ist, im Süden Stuttgarts, wo seine und die Firma seines Vaters noch heute sitzen. Das Design der Dose, das der Website, deren Text, die Visitenkarten, das Logo, selbst der Markenname – von Profis entwickelt. Wenn, dann richtig, meint Stäbler. Er will das Ökologieprinzip dem gesamten Unternehmen überstülpen: Ökopapier für die Visitenkarten, Firmenstempel aus recyceltem Kunststoff, Lohnfertiger, Kunststoffhersteller, Designer aus der Region. Und wenn mal das eigene Büro bezogen wird, soll es mit Ökostrom versorgt werden. Beim Vater hat er da natürlich nichts mitzureden.

Das Ergebnis all dessen ist eine schlichte, weiße Dose unter dem Markennamen Ajaa. Das ist Finnisch für „voranbringen“. „Und der Ausruf der Erkenntnis“, sagt Stäbler. Woher diese bei ihm kam, weiß er nicht recht zu beschreiben. Vielleicht von der Waldorfschule, die er bis zur zwölften Klasse besuchte. Seine Eltern seien zwar nicht die klassischen „Waldi-Eltern“, meint Stäbler, aber vielleicht kommt sein Interesse an Ökologie auch von daheim. Vielleicht auch vom Großvater. In dessen Haus mit riesigem Garten und angrenzendem Bach verbrachte er als Kind viel Zeit. Heute wohnt er selbst dort und hat die Hühnerhaltung wiederbelebt: 15 Hennen leben hinter dem Haus, jede mit einem Paten, der die Eier abholt: Eltern, Patentochter, Freunde. Am Morgen ist eine ausgebüxt, sonst aber seien sie friedlich und bräuchten keinen ordnungschaffenden Hahn, sagt Stäbler.

Den haben er und sein Mitgründer Fabian Rupp auch nicht nötig. Ihr Ein-Zimmer-Büro ist ordentlich bis spartanisch: zwei Tische, ein Drehstuhl in Rot, einer in Blau, Bücherregal, Schrank, Topfpflanze. An der Wand ein DIN-A0-Papier, bedeckt mit einer kleinteiligen Excel-Tabelle – Papas Betrieb druckt die zusammen mit den eigenen großformatigen Konstruktionszeichnungen. Die Tabelle ist Rupps Werk, ein Plan der Kosten der kommenden Monate. Damit darin kein großes Minus auftaucht, hat er seinen Ingenieurjob bei MB Tech behalten, einer Daimler-Tochter. Stäbler sitzt deshalb zumeist alleine im Büro und kümmert sich um Marketing und Vertrieb. Die beiden anderen Kommilitonen von damals sind nicht mitgezogen; einen zog es doch ins Angestelltendasein, der andere stieg in den elterlichen Bürstenbetrieb ein – und entwickelte eine Produktreihe aus Biokunststoff. Stäbler und sein Unternehmen finanzieren sich derzeit von Rupps Gehalt, außerdem von einem Sparkonto, das die beiden schon zu Studienzeiten mit Blick auf die Gründung nach und nach gefüllt hatten.

Momentan reicht das. Wenn es mit der Produktion losgeht, muss allerdings ein Investor her. Allein die Spritzgussformen für die acht Dosenformate, die es geben soll, kosten 115.000 Euro. Stäbler hat bei WMF vorgesprochen, doch die hatten kein Interesse. In eben diesem Umfeld sieht er seine Dosen aber: in einer Abteilung mit Alessi und Konsorten. 16,80 Euro soll die erste Dose immerhin kosten. Ihre herkömmlichen Pendants liegen gerade bei der Hälfte, sagt Einkäufer Hescheler. Auch Stäbler sagt: „Ich weiß nicht, ob das Bewusstsein da ist, für solche Produkte Geld auszugeben.“

Erst mal aber gilt es, das Geld dafür einzusammeln. Am liebsten von einem Investor vom Fach, von dessen Vertriebsnetz Ajaa profitieren kann. „Wenn es Götz Werner von DM wäre, hätte ich auch nichts dagegen“, sagt Stäbler. Die Drogerie ist schließlich für ihr Biosortiment bei Kosmetik und Lebensmitteln bekannt. Bislang ist es ihm noch nicht gelungen, bis zum DM-Gründer vorzudringen. Dafür hat er herausgefunden, in welchem Stuttgarter Bezirk der wohnt. Stäbler weiß sogar die genaue Adresse – die Mutter einer Freundin seiner Mutter wohnt in der gleichen Straße. Hilfreiche Familie eben.

Vier Brüder zählt sie. Zwei arbeiten im Unternehmen der Eltern, als Geschäftsführer und Werkstattleiter. Auch Raphael hat schon bei Alfatec gearbeitet, in der Zeit zwischen seiner Ausbildung zum Industriemechaniker und seinem Wirtschaftsingenieurstudium. Probleme habe das nie gegeben, sagt er. Die Frage einer Freundin, deren Familie eine Druckerei besitzt, kam deshalb überraschend: „Schreit ihr euch denn nie an?“ Tun sie nicht.

Erst recht nicht, seit Raphael nunmehr Untermieter ist. Sein Vater mischt sich nicht ein. „Der Mensch muss seine Erfahrungen selber machen, muss Dinge probieren, muss auch mal Pech haben“, sagt Gerhard Stäbler. Anfangs mag er gedacht haben, dass seinem Sohn genau das mit dem Projekt drohen könnte: „So eine Aufbewahrungsbox ist ja eigentlich nichts Besonderes.“ In dieser Variante aber eben doch. „Im letzten halben Jahr ist das für mich immer schlüssiger geworden“, sagt Stäbler senior.

Der Junior hat für sein Produkt in jedem Fall Verwendung. Unregelmäßig trifft er sich mit seinem sechsköpfigen Männerkochklub zu Feinkost und Cuba Libre. Ihr jüngstes Unterfangen: Lammwurst. Regional, ohne Zusatzstoffe, eigenhändig durch den Fleischwolf in die Pelle gedreht. Verwurstet wurde der Nachwuchs der Schafe, die er und seine Brüder den Eltern vor drei Jahren zur Einweihung des neuen Betriebsgeländes geschenkt hatten und die heute misstrauisch hinter der Fertigungshalle grasen.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 07/2012.

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