Unternehmen Deutsche, was seid ihr knauserig!

40 US-Milliardäre wie Bill Gates verschenken die Hälfte ihres Vermögens und suchen Nachahmer überall auf der Welt. Die Deutschen sperren sich, mit gutem Grund.

Trommeln ist keine Kernkompetenz der reichen Deutschen. Weder posaunen sie herum, wie viel Geld sie haben. Noch, wofür sie es ausgeben. Da sind die Amerikaner ganz anders. Mit viel Getrommel verkündeten Bill Gates und Warren Buffett, sie und 38 weitere Milliardäre würden mindestens die Hälfte ihres Vermögens spenden. Auf dass die Welt ein besserer Ort werde.

Ein ehrenwertes Anliegen. Nachdem im August die 40 US-Milliardäre, darunter Regisseur George Lucas und New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, ihre Absicht medienwirksam als „The Giving Pledge“ lanciert hatten, formierten sich Nachahmer in anderen Ländern. Nicht in Deutschland. Wer bei den Reichen dieser Republik nach dem Warum fragte, kriegte selten eine Antwort.

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So war es einige Monate zuvor auch Gates und Buffett gegangen, als sie bei den deutschen Milliardären anklopften und sie zum Mitmachen aufforderten: Kein Bedarf, hieß es meist, wir spenden schon.

Oft sogar mehr als die Hälfte. Klaus-Michael Kühne, Verwaltungsratspräsident der Spedition Kühne + Nagel, überführt mehr als 90 Prozent seines Vermögens in die Kühne-Stiftung. „Reich zu werden ist in Amerika keine Schande, reich zu sterben schon“, sagte Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, kürzlich in einem Interview. Deshalb hat er einen Teil seines Vermögens in eine Stiftung überführt, ebenso wie die SAP-Gründer Dietmar Hopp und Klaus Tschira. Er finde es toll, was die Amerikaner da machen, sagt Hopp, er habe dasselbe schon vor anderthalb Jahrzehnten vorexerziert.

Was ihm höher anzurechnen ist als den US-Kollegen mit den Milliardenvermögen. Reiche in den USA können durch üppiges Spenden mehr Steuern sparen als in Deutschland. „Wenn es um Millionenbeträge geht, sind die USA attraktiver“, sagt Stephan Strothenke, Experte für internationales Steuerrecht bei HLB Stückmann.

Ein weiterer Unterschied: US-Milliardäre können über ihr Vermögen in Form von Aktien oft frei verfügen, während die deutschen Unternehmermilliarden meist fest in ihren Unternehmen liegen. Und dort nicht herausgezogen werden können, ohne die Firma zerschlagen zu müssen.

Was sie an Geld überhaben, legen auch die deutschen Reichen – wie die Amerikaner – verstärkt in Stiftungen an. Von den 300 reichsten Deutschen haben bereits 161 eine Stiftung eingerichtet, wie die Universität Heidelberg für eine Studie recherchiert hat. Deutschlandweit gibt es rund 15?000 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von etwa 100 Mrd. Euro, schätzt der Bundesverband Deutscher Stiftungen. Jährlich schütten sie ungefähr 7 Mrd. Euro für wohltätige Zwecke aus.

Stiftungen und Jugendsport

Die Summe könnte wesentlich höher sein, sagt Klaus Tschira, wenn deutsche Stiftungen nicht nur ihre Erträge, sondern auch ihr Stammkapital einsetzen könnten. In den USA ist das rechtlich möglich, in Deutschland nicht.

Tschira fördert mit seiner Stiftung den naturwissenschaftlichen und mathematischen Nachwuchs. Sein früherer Kollege Dietmar Hopp unterstützt den Jugendsport und die medizinische Forschung. Und Günther Fielmann, Vorstandschef der Optikerkette, bedenkt Umwelt- und Denkmalschützer. Susanne Klatten engagiert sich über die Technische Universität München für junge Unternehmer. Der Schraubenmilliardär Reinhold Würth hat mit seiner Tochter Bettina eine Privatschule gegründet. Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender des Otto Versands, unterstützt beispielsweise den Bau der Elbphilharmonie in Hamburg. dm-Gründer Götz Werner fördert wissenschaftliche Initiativen auf dem Gebiet der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Für Werner erfüllt seine Stiftung ebenfalls einen pädagogischen Zweck: „Kinder haben keinen Anspruch darauf, dass Eltern für ihren lebenslangen Wohlstand sorgen.“

Alle diese Stifter bleiben dabei im Hintergrund. Häufig aus persönlicher Bescheidenheit, oft aber auch aus der Erkenntnis heraus, dass die zur Schau gestellte Großzügigkeit umgehend Kritiker auf den Plan ruft. Der Sozialneid sei in Deutschland wesentlich ausgeprägter als etwa in den USA, sagt der Philanthropieexperte Jens Uwe Böttcher von der Universität Bremen. Das kann der Stifter und Spender Dietmar Hopp aus erster Hand bestätigen: „Bei uns beginnt immer schnell eine Neiddebatte.“

Vielleicht ist es manchmal besser, nicht zu trommeln. Sondern einfach zu machen.

Standpunkt
Klaus Tschira gründete 1995 mit 1,4 Mrd. D-Mark die Klaus Tschira Stiftung, die Projekte aus den Naturwissenschaften, der Mathematik und Informatik fördert. Der studierte Physiker ist einer der Mitgründer des Softwarekonzerns SAP
„Ich sonne mich nicht gern in der Öffentlichkeit“

Von der Initiative von Bill Gates und Warren Buffett habe ich aus den Zeitungen erfahren. Persönlich angesprochen wurde ich nicht, ich war allerdings auch im Urlaub und nicht erreichbar. Ich bin zwiegespalten, was diesen Aufruf angeht. Es gibt Stifter, die sich gern in der Öffentlichkeit sonnen, für die ist das sicher eine gute Sache. Ich bin da etwas zurückhaltender, weil es hierzulande schon die Haltung gibt, dass man als Wohlhabender den normalen Bürgern etwas weggenommen hat. Ich erinnere mich an einen Erpressungsversuch, gerichtet an den SAP-Vorstand, da stand aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben die Forderung: „Ihr könnt ruhig mehr geben, ihr Drecksäcke.“ So etwas macht einen sehr nachdenklich und vorsichtig.
Mit der Gründung meiner Stiftung habe ich ohnehin schon den größeren Teil meines Vermögens für gemeinnützige Zwecke eingesetzt. Ich setze auf langfristige Projekte wie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ich trage mich auch mit dem Gedanken, weitere Teile meines Vermögens per Testament in die gemeinnützige Gerda und Klaus Tschira Stiftung zu übertragen. Ich war früher ziemlich arm, und so ist dies nun meine Art, den Wohlstand, den ich mit der SAP-Gründung erreicht habe, für sinnvolle Dinge einzusetzen.
Ein wichtiger Unterschied zu Stiftungen in den USA ist, dass hierzulande nur die Erträge des Stiftungskapitals verwendet werden dürfen, das Kapital selbst muss erhalten bleiben. Selbst bei großen Vermögen ergeben sich deshalb bei Erträgen von rund fünf Prozent keine Riesensummen für die Ausschüttung. In den USA dagegen kann das Stiftungsvermögen aufgebraucht werden. Dort gibt es viele Stifter, die ausdrücklich wollen, dass das Geld innerhalb von 25 Jahren ausgegeben wird.
Die US-Initiative ist durchaus zu begrüßen, schließlich ist es sinnvoller, sein Geld für Bildung oder Gesundheit einzusetzen, als etwa wie Oracle-Gründer Larry Ellison und Microsoft-Mitgründer Paul Allen einen privaten Wettbewerb auszutragen, wer die größere Yacht hat.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 09/2010.

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