Unternehmen Deutscher Mittelstand erobert Chinas Westen

Früher siedelten sich die Unternehmen an den Küsten an. Inzwischen erkunden deutsche Mittelständler weit weg von Peking und Schanghai neue Märkte im Landesinneren. Mit Erfolg.

Silbern gleitet der Zug in die Station Tianfu Guangchang. Eine Frauenstimme gibt per Lautsprecher Anweisungen auf Chinesisch und Englisch. „Next stop Tianfu Square. Please exit on the left hand side.“ Aus den Wagen strömen Fahrgäste auf den sauberen Bahnsteig, ausgelegt mit Marmor, auf Flachbildschirmen unter der Decke laufen die Nachrichten.

Die Metro in Chengdu, der Elf-Millionen-Metropole in der südwestchinesischen Provinz Sichuan, ist brandneu, keine 100 Tage alt. Dass die Züge jetzt rollen, dafür hat Herrenknecht gesorgt. Die Tunnelvortriebsmaschinen des schwäbischen Mittelständlers haben die Röhren gegraben, in denen die Schienen liegen. Mittlerweile arbeiten die Herrenknecht-Bohrer an einer zweiten Linie. 14 Maschinen kommen zum Einsatz, sagt Bai Kun, Geschäftsführer der Niederlassung. Die meisten davon aus der Produktionsstätte vor Ort mit ihren 100 Mitarbeitern.

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Chengdu, 2500 Kilometer von der Küste entfernt an den Ausläufern des tibetischen Hochplateaus, gilt als Wilder Westen der Volksrepublik. Nicht anders die benachbarten Metropolen Chongqing, Kunming oder Zhengzhou. Jede dieser Städte hat mehr als sieben Millionen Einwohner, dennoch hat kaum einer in Deutschland je diese Namen gehört. Drei Jahrzehnte lang fand Chinas Aufstieg nur an der Küste statt. Zwischen Shenzhen und Tianjin errichteten chinesische Unternehmer ihre Fabriken, um mit billigen Turnschuhen, Plastikspielzeug und Batterien die Welt zu beliefern. Hier investierten die ausländischen Konzerne, die von günstigen Arbeitskräften profitieren wollten. Für das weite, ländlich geprägte Hinterland interessierte sich keiner.

Eine „Go West“-Initiative der Regierung sollte das Wohlstandsgefälle zu den Küstenprovinzen reduzieren und Investitionen in andere Landesteile lenken. Lange vergeblich. Doch irgendwann griff der Ansatz. Seither häufen sich die Investitionen. Wanderarbeiter, die jahrelang nach Shenzhen, Schanghai oder Suzhou strömten, bleiben immer häufiger zu Hause, weil sie direkt vor der Haustür gute Jobs finden. Nicht nur bei einheimischen oder ausländischen Konzernen, auch deutsche Mittelständler kommen langsam. Eine Handvoll ist seit Jahren erfolgreich vor Ort. Sie locken vor allem die neuen, großen Absatzmärkte.

Auch Herrenknechts chinesische Wurzeln liegen an der Küste. Zwei Fertigungsstätten betreibt der Maschinenbauer in Guangzhou nördlich von Hongkong. Mit den Plänen für den U-Bahn-Bau in Chengdu reifte die Entscheidung, westwärts zu ziehen, sagt Bai. „Die Geologie hier ist sehr schwierig, Kies, Sand und Wasser, es fehlt die Stabilität. Da ist es gut, nahe am Projekt zu sein“, sagt der junge Mann in fehlerfreiem Deutsch mit süddeutschem Einschlag. Der 31-Jährige hat in Stuttgart Bauingenieurwesen studiert, dann zwei Jahre bei Herrenknecht in Schwanau nahe Offenburg gearbeitet. Er steht in einer Halle neben einer 80 Meter langen Stahlstruktur mit einem über sechs Meter hohen, roten Bohrkopf. Bald wird der Koloss durch Chengdus Untergrund getrieben. Die riesigen stählernen Konstruktionen entstehen vor Ort. Technologisch aufwendigere Komponenten wie Hydraulik oder die Steuerkabine werden aus Deutschland geliefert.

Luxus für Chengdu

Neben der U-Bahn in Chengdu, der ersten in Südwestchina, planen weitere Städte unterirdische Transportsysteme. „In Kunming haben wir ein Büro eröffnet“, sagt Bai. Dort, in der westlichen Provinz Yunnan, hat der Bau einer Metro begonnen. Nach Wuhan liefert Herrenknecht bereits Produkte aus Chengdu. Nun hofft Bai noch auf Aufträge aus Chongqing.

Herrenknechts Beispiel zeigt: Die Zeiten, in denen China als Fabrik der Welt vor allem für den Export produzierte, sind vorbei. China konsumiert inzwischen selbst. Chengdus erste U-Bahn-Linie mit ihren 16 Stationen entstand in weniger als fünf Jahren. Auch überirdisch wird überall gebaut, Büros, Einkaufspassagen, Wohnhäuser. Kräne recken sich in den Himmel, im Stadtzentrum wie in den Vorstädten. Ins 340 Kilometer entfernte Chongqing soll ab 2014 ein Hochgeschwindigkeitszug sausen, der die Strecke in 50 Minuten schafft. Selbst im Krisenjahr 2009 erreichte die noch ländlich strukturierte Provinz Sichuan ein Wirtschaftswachstum von 14,5 Prozent.

Mit zunehmendem Wohlstand und steigender Nachfrage im Landesinneren gewinnt der Vertrieb an Bedeutung. Die Produktionsstandorte an der Küste, einst wegen ihrer Nähe zu den Überseehäfen gewählt, erhalten Konkurrenz. Wie attraktiv die Städte im Landesinneren mittlerweile sind, untermauern die Vorstöße des Handels. Luxusmarken wie Ermenegildo Zegna, Louis Vuitton, Dior oder Prada sind in Chengdu mit eigenen Shops vertreten, der schwedische Textilhersteller H&M hat ein großes Geschäft eröffnet, direkt neben dem Einrichtungshaus Ikea und dem französischen Sportartikler Decathlon.

Vom neuen Wohlstand und dem Bauboom profitiert auch Duravit. Jährlich eine halbe Million Waschbecken, Toiletten, Badablagen produziert die Niederlassung im Süden Chongqings, über 2000 Kilometer flussaufwärts von Schanghai am Jangtse gelegen. Vom Mischen der Rohstoffe über die Modellierung bis zu Brennen und Glasur passiert alles vor Ort. Die Badezimmerkeramik war von Anfang an für China bestimmt.

Dagegen hat sich der Sensortechnik-Spezialist Balluff langsam an die Volksrepublik herangetastet. „Anfangs haben wir sämtliche Komponenten importiert, hier zusammengebaut und die fertigen Sensoren wieder nach Westeuropa exportiert“, erläutert Geschäftsführer Erik Oortwijn. Das war 2004. Irgendwann kaufte die Produktionsstätte in Xindu, einer Vorstadt von Chengdu, Bauteile in China. Inzwischen bleibt auch ein Teil der Produktion im Land. Vier Fünftel werden noch exportiert. „Unsere Kunden sind Spezialmaschinenbauer, die produzieren vorrangig in Europa.“

„Hier in Xindu sind wir was Besonderes“

Balluff, Duravit, Herrenknecht – die drei Mittelständler sind Vorreiter im westlichen China. „Wir sehen aus Deutschland ein wachsendes Interesse, gerade auch für den Westen“, sagt Jürgen Kracht, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Fiducia aus Hongkong, die viele deutsche Unternehmen bei ihrem China-Geschäft berät. „Schon heute sind die deutschen Firmen vor allem wegen des lokalen Marktes vor Ort“, sagt Alexandra Voss, Geschäftsführerin der Außenhandelskammer in Guangzhou, die auch für den Westen des Landes zuständig ist. Sie ist überzeugt, dass sich der Verlagerungsprozess in den nächsten drei bis fünf Jahren deutlich beschleunigen dürfte.

„Chinas Westen ist die Zukunft“, ist Duravit-Manager Dirk Lange überzeugt. Im Osten könne man zwar auf ein größeres Netzwerk an Unterstützung bauen, wenn etwas nicht klappe wie geplant. Englisch- und deutschsprachige Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater gibt es dort zuhauf. Aber dafür ist der Markt viel dichter besetzt, der Wettbewerb intensiv. „Einen reifen Markt wie Schanghai zu knacken ist eine Herausforderung“, sagt der Manager, der in Asien aufwuchs. Seit Jahren klagen Unternehmen in den Produktionszentren im Osten entlang des Perlflusses und des Jangtse, dass es wegen des intensiven Wettbewerbs schwerer werde, Mitarbeiter zu finden und zu halten. Der Wettstreit um gute Flächen ist genauso hart wie der um das Ohr der Verantwortlichen in den Behörden.

Balluff hat ein Zufall nach Chengdu verschlagen. Seit 1996 produziert der Sensorexperte in China, anfangs kleine Mengen in der Fabrik eines Partners in Xindu. „Ein Test, um den Markt kennenzulernen“, sagt Oortwijn. Später zog Balluff über die Straße. „Hier in Xindu sind wir noch etwas Besonderes“, sagt Oortwijn. Mit einer Million Einwohnern gilt die Gemeinde in China fast als Kleinstadt. Ausländische Arbeitgeber sind selten, werden hofiert.

Auch Duravits China-Engagement begann klassisch, mit einem Vertriebspartner in Hongkong, dann einem Distributor in Shenzhen, schließlich in Peking. 2002 gab es dazu eine Repräsentanz in Schanghai, 2005 startete die eigene Produktion bei Chongqing. Dort produziert Duravit als sogenanntes WFOE, Wholly Foreign-Owned Enterprise, als Unternehmen in ausschließlich ausländischem Besitz. Im Nachhinein habe sich der Standort als Glücksfall erwiesen, sagt Lange. In den klassischen Keramikzentren der Küste wäre es schwieriger gewesen, gute Arbeiter zu halten.

Überhaupt, die Arbeiter. Weitverbreitet ist in den Küstenmetropolen das Vorurteil, es sei schwierig, im Landesinneren gute Leute zu finden. Stimmt aber gar nicht. „Wir finden hier sehr gute Techniker und Schweißer“, sagt Bai von Herrenknecht. Ingenieure, Feinmechaniker, Mathematiker, sie alle werden an den Universitäten der Stadt seit Langem geschult. Chengdu ist seit den 50er-Jahren Zentrum der Rüstungsindustrie. Auch Oortwijn von Balluff findet problemlos Angestellte. Die Frauen, die in einer Halle mit Pinzetten winzige Kupferteilchen greifen, um sie auf Schalterplatten zu löten, kommen meist aus der Gegend. Morgens werden sie mit Bussen im Zentrum abgeholt und ins Industriegebiet gefahren, am Abend wieder zurückgebracht. „Ingenieure zu finden ist ein bisschen schwieriger“, räumt Oortwijn ein. „Für sie ist vielleicht Chengdu attraktiv, Xindu schon weniger.“

Will Wu fühlt sich wohl in Chengdu

Um aus der Großstadt bequem hierherzukommen, braucht man am besten ein eigenes Auto. Noch ist das in China keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht im Westen, wo das Lohnniveau unter jenem an der Küste liegt. In Chongqing gilt seit Kurzem ein monatlicher Mindestlohn von umgerechnet 98 Euro. 28 Prozent mehr als zuvor, aber immer noch niedriger als die 125 Euro, die in Shenzhen gezahlt werden müssen.

Trotz der niedrigeren Lebenshaltungskosten und des kräftigen Aufschwungs gilt es als schwierig, qualifizierte Manager aus Guangzhou oder Tianjin zu einem Umzug in den Westen zu bewegen. Unmöglich ist es indes nicht, sagt Will Wu, der die Niederlassung der Spedition Weiss-Röhlig in Chengdu leitet. Er verweist auf einen Mitarbeiter, der aus dem Nordosten stammt. Und auf sich selbst. Der 36-Jährige mit dem krausen Haar stammt aus Chongqing, nicht so weit weg: „Ich fühle mich mit meiner Familie ausgesprochen wohl hier.“ Die nächste Generation sei noch deutlich mobiler.

Auch von den Europäern an der Küste werden Standorte wie Chengdu oder Chongqing skeptisch beäugt. „Ich merke immer die Überraschung, wenn ich Leuten in Peking oder Schanghai erzähle, dass ich mit meiner holländischen Familie gern in Chengdu bin“, sagt Oortwijn. „Es herrscht wohl die Vorstellung, dass hier nur Abenteurer herkommen.“

Ganz abwegig ist der Gedanke nicht, auch wenn der Absatzmarkt wächst und die politischen Bemühungen, die Region attraktiver zu machen, keineswegs eingestellt sind. Noch fehlt es an Dienstleistern, von der Rechtsberatung bis hin zur Krankenversorgung. Und nach wie vor und unabänderlich ist der Westen weit weg von allem, was nicht Westen ist. „Wer vor allem an die Küste transportiert, muss genau rechnen“, sagt Lange von Duravit.

Nicht unbedingt schnell, aber verlässlich

Die Infrastruktur ist inzwischen gut ausgebaut, betont Logistiker Wu. Seine Spedition, ein deutsch-österreichisches Gemeinschaftsunternehmen, ist seit vier Jahren im Landesinneren vertreten. Auch die großen Wettbewerber sind alle da. Die Ware kommt an ihr Ziel, doch sie ist eine Weile unterwegs: Fünf Tage sind es per Lkw vom Hafen in Schanghai nach Chengdu. Mit dem Binnenschiff auf dem Jangtse via Chongqing lassen sich die Kosten reduzieren, dafür verdoppelt sich die Laufzeit. Immerhin: „Qualität ist kein Problem mehr“, versichert Lange. Seine Badmöbel kann er exakt zum gewünschten Zeitpunkt auf die Baustellen im ganzen Land schicken.

Probleme haben Ausländer eher, die passende Rechtsform für ihren Ableger in China zu finden, im Westen wie anderswo. Pauschallösungen gibt es nicht, sagt Helmut Schneider, Geschäftsführer China des Gaseherstellers Messer. Messer unterhält in der Provinz Sichuan fünf Standorte, vier weitere in Yunnan. Mancherorts arbeitet das Familienunternehmen mit eigenständigen Firmen, anderswo in Joint Ventures mit staatlichen Firmen oder Gemeinschaftsunternehmen mit privaten Partnern. Einige der Firmen hätten Startschwierigkeiten gehabt. „In einem Fall wollten die Behörden gern einen ausländischen Investor, aber unser Partner wollte das deutlich weniger“, sagt Schneider. „Es hat ein paar Jahre gedauert, bis wir uns zusammengerauft haben, aber heute ist das eine Erfolgsgeschichte.“

Für Ausländer ohne China-Erfahrung sind kulturelle Besonderheiten nicht immer leicht zu fassen. Einer wie Bai ist da gut positioniert. „Mein Vorteil ist, dass ich die Verhältnisse hier gut kenne, aber auch die Kollegen in Deutschland und ihre Mentalität.“ Er hofft, dass er das in weitere Projekte ummünzen kann. Schließlich hat Chengdus Stadtverwaltung den Bau von sieben weiteren Metrolinien geplant. Viel Arbeit für Tunnelbohrer.

Währung billig, Export gut
Was in China produziert wird, ist in Europa und Amerika billig zu kaufen. Das liegt an Niedriglöhnen und am billigen chinesischen Renminbi
Wettbewerbsvorteil
China hält den Kurs seiner Währung seit Jahren künstlich niedrig. So hat das boomende Land gegenüber anderen Nationen einen deutlichen Wettbewerbsvorteil – verlockend günstige Waren. Die USA, hoch verschuldet und mit wenig Chancen, mehr zu exportieren als aus China zu importieren, dringen deshalb auf eine Renminbi-Aufwertung.
Zu zart aufgewertet
In China produzierte Waren sind billig und werden daher in der ganzen Welt gekauft. Das belastet die Handelsbilanz der Importnationen, also derer, die mehr einkaufen als sie verkaufen. Im Oktober hat Chinas Zentralbank den Renminbi-Wechselkurs auf 6,6693 Dollar festgelegt. Das ist der höchste Wert seit der Einführung der Dollar-Koppelung, aber immer noch ein nur zartes Aufwerten. Vor allem den USA reicht der Wechselkurs Renminbi-Dollar noch nicht.
Furcht vor Währungskrieg
Auf dem Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds IWF gab es keine Einigung über Chinas Währungspolitik. Experten fürchten sich nun vor einem Währungskrieg, in dem die Regierungen die Kurse ihrer Währungen nach unten drücken, um so leichter Waren im Ausland verkaufen zu können. Bei dieser Gelegenheit könnten sie, so wird befürchtet, auch Schutzzölle einführen.
Die zwei Möglichkeiten
Um gegen den Renminbi bestehen zu können, Chinas Wettbewerbsvorteil also schrumpfen zu lassen, gibt es zwei Szenarien: Entweder wertet China seine Währung auf, mit steigenden Zinsen. Waren aus China würden für andere Länder teurer. Oder aber andere Länder werten ihre Währung gegenüber der Chinas ab, mit sinkenden Zinsen. Das aber können die USA gar nicht mehr: Das amerikanische Zinsniveau liegt nahe null.
Maximilian Pisacane
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2011.

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