Unternehmen Die Ährenrettung

Franz Höflinger und Eva Müller kauften 2012 die angeschlagene Großbäckerei Müller-Brot

Franz Höflinger und Eva Müller kauften 2012 die angeschlagene Großbäckerei Müller-Brot

Anfang letzten Jahres sorgte die Großbäckerei Müller-Brot für einen Lebensmittelskandal. Die Waren wurden zwischen Ungeziefer und Mäusedreck gefertigt. Das Unternehmen schien am Ende – da kaufte es die Tochter des Gründers zurück. Sie kämpft für einen Neuanfang. Mit ersten Erfolgen.

Eva Müller ist schwer zu greifen; zu beschäftigt, zu viele Termine. Sie schlägt sich die Abende um die Ohren, steht am nächsten Tag in aller Frühe auf, rast durch München, redet sich den Mund fusselig – mit Pächtern, Kunden, Banken. Sie verhandelt, beschwört, rechnet. Seit einem Dreivierteljahr geht das nun schon so, seit sie Müller-Brot gekauft hat – diesen Skandalbäcker aus München, einen Betrieb, den andere wohl nicht einmal geschenkt genommen hätten.

Anfang des Jahres machte das Unternehmen bundesweit Negativschlagzeilen. Kontrolleure des Gesundheitsamts hatten schwerwiegende Hygienemängel entdeckt. Bei Müller-Brot wurde gebacken zwischen Dreck, Ungeziefer und Mäusekot. Die Empörung war riesig, in manchen Filialen gingen Scheiben zu Bruch, Kunden spuckten die Verkäuferinnen an. Die Produktion wurde stillgelegt, ein paar Wochen ­später folgte die Insolvenz. Müller-Brot war einst die drittgrößte Backstube Deutschlands. Nun war sie am Ende. So hat es damals jeder geglaubt.

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Aber dann kam Eva Müller. Sie will diesen Laden retten, ihn wieder auf die Beine stellen. Müller-Brot soll wieder leben. Sie hat sich einen Partner ins Boot geholt, auch er stammt aus einer Familie mit einer langen Backtradition. Mit ihm investiert sie kräftig in die heruntergewirtschafteten Filialen, kämpft um ein Image, das wieder so gut sein soll wie in den besten Zeiten des Unternehmens.

Neuzugang und Niedergang

Eva Müller ist eine drahtige Frau von kleiner Statur, 55 Jahre alt. Die Namensgleichheit ist kein Zufall. Es war Evas Vater, Hans Müller, der die Bäckerei ab den 50er-Jahren aufgebaut und groß gemacht hat.

„Ein cooler Mann“, sagt Eva über ihren Vater, „stark und knorrig.“ Heute ist er 81 Jahre alt, in seiner Branche gilt er als Pionier und Tüftler. Er hat die erste vollautomatische Semmelproduktionsanlage der Welt entwickelt und 1953 in Neufahrn, nördlich von München, zum Laufen gebracht. Hier wurde Backwerk zur industriellen Massenware. Eine Million Brezen kamen einst täglich vom Band, 1,3 Millionen Semmeln, 120 000 Brote. Das war mehr, als die eigenen Filialen verkaufen konnten, und so versorgte Müller-Brot bald auch den Einzelhandel. Ein Bäcker als Supermarktlieferant – das war neu, und Müller-Brot blieb lange der größte. In den besten Zeiten setzte der Betrieb 400 Mio. Euro um, beschäftigte 3000 Mitarbeiter. Nur Großbäcker Kamps war noch größer. Irgendwo in dieser brummenden Großbäckerei lief auch Eva Müller stets umher. „Sonst hätte doch keiner Zeit für mich gehabt. Die ganze Familie war immer nur hier“, sagt sie. Hier war sie für alle immer nur die Evi. Auch später, als sie erwachsen war. Als sie das Marketing übernahm und die Entwicklung der Filialen vorantrieb.

So hätte sie weitermachen und weiter aufsteigen können. Aber es kam anders. 2003 verkaufte Hans Müller den Betrieb an Klaus Ostendorf, einen früheren Manager von Kamps und Mitgesellschafter der Großbäckerei Wendeln. Eine Familienlösung wollte Müller damals nicht. Er wollte an einen erfahrenen Manager aus der Branche abgeben. „Ich dachte, die Firma geht in gute Hände“, sagt Hans Müller heute. Doch schon bald nach dem Verkauf bereute er diesen Schritt, Evi wollte unter dem Neuen nicht bleiben. Ohne die Familie ging Müller-Brot den Bach runter.

„Jahr um Jahr wurde es schlimmer hier“, sagt Josef Erli, einer der Filialleiter. Der neue Vorstand hätte nicht mehr investiert, sich nicht gekümmert. „Hier wurde bloß noch entlassen und reduziert. Ein unternehmerisches Konzept gab es nicht mehr“, sagt Ricardo Schicha, der seit 1996 bei Müller-Brot arbeitet. „Früher war das hier ein blühendes Unternehmen, aber mit Osten­dorf wurde es eine Katastrophe. Der hat hier Geld rausgezogen, mehr nicht.“ Das Gutachten des Ende März eröffneten Insolvenz­verfahrens zeigt: Seit 2005 hat Müller-Brot jedes Jahr Verluste geschrieben, das Unternehmen war hoffnungslos überschuldet. Auf mehr als 80 Mio. Euro beliefen sich die Verbindlichkeiten. Zuletzt blieben nur noch 1100 Arbeitsplätze und 241 Filialen.

Eva Müller führte zu dieser Zeit schon längst ihr eigenes Leben. Sie leitete zwei Filialen des französischen Brotimperiums Brioche Dorée in München, eines Spezialisten für Croissants, Baguettes, Tartes und Macarons.

Unternehmenschronik
1930 Die Anfänge Gründung der Backstube Müller-Brot im Münchner Stadtteil Giesing.
1953 Die Expansion Hans Müller, der die Firma 1950 nach dem Tod seiner Eltern übernahm, macht die Bäckerei zum Industriebetrieb. Als weltweit erstes Unternehmen führt Müller-Brot eine vollautomatische Produktionsanlage für Brötchen ein.
2003 Neuer Besitzer Klaus Ostendorf, früher bei Kamps und Wendeln, kauft eine Mehrheitsbeteiligung an Müller-Brot.
2012
Frühjahr
Der Skandal Staatliche Kontrolleure entdecken schwerwiegende Hygienemängel. Müller-Brot muss die Produktion stoppen. Die Medien berichten über den Fall. Im Februar meldet Müller-Brot Insolvenz an.
2012
Sommer
Der Neustart Im April übernehmen Eva Müller und Franz Höflinger einen Teil des Filialnetzes.

Man sollte sie besser nicht in einem dieser Läden treffen, wenn man mit ihr reden will. Weil sie dann das Sprechen vergisst und anfängt, ­Eclairs zu verkaufen, die Auslage befüllt oder Kaffee einschenkt. Irgendetwas wird sie finden und herumwirbeln, schimpfen, alle aufscheuchen. „Hier fehlen Croissants! Wie kann das sein? Auffüllen. Schnell, schnell. O Gott, ich könnte sie alle umbringen!“

Sie wollte nichts ändern an ihrem Leben. Nicht einmal als sie vom Skandal im ehemaligen Familienbetrieb erfuhr. Sie hörte die Nachricht im Autoradio, irgendwo im Münchner Stadtverkehr. Sie sagt, es hat ihr einen Stich im Herzen versetzt und für einen Moment hätte alles stillgestanden. „Aber das war es dann auch“, sagt sie. „Ich hatte mit Müller-Brot ja nichts mehr zu tun.“

Viele andere aber dachten anders. „Mei, Evi! Was ist da nur mit eurem Laden los?“, bestürmten Bekannte sie, als der Skandal losbrach. „Euer Laden!“, sagt Eva Müller. „Seit zehn Jahren gehörte die Firma uns nicht mehr, aber immer noch bringen die Leute sie mit meiner Familie in Verbindung.“

Irgendwann, sagt sie, sei der Stachel dann gesetzt gewesen. Ihr sei klar geworden, wie viel Kraft die Marke trotz des Skandals noch besitze. „Ich habe gedacht: Wenn etwas so krass negativ ist, kann man es vielleicht in etwas krass Positives drehen.“

Keine Angst vor dem Risiko

Man müsste meinen, dass sie Müller-Brot aus Liebe gekauft hat, um die Ehre der Familie zu retten. Das wäre ein logisches Motiv. Aber über sentimentale Familiengeschichten will Eva Müller nichts hören und auch nicht sprechen. „Quatsch“, sagt sie bloß und schaut genervt. „Ich mach das hier, weil das tolles Business ist.“ Angst vor dem Risiko habe sie keine. „Ich habe einen Plan B“, sagt sie. „Aber Plan B ist nicht, dass es schiefgeht.“

Kurz vor Ostern hat sie für die Markenrechte und 150 der 241 Filialen geboten. Zusammen mit Franz Höflinger. Auch er ist ein Münchner Bäckerspross, betreibt 20 Backgeschäfte. Die beiden kennen sich ewig, sie vertrauen einander. Seit der Gläubigerausschuss ihrem Gebot zugestimmt hat, sind sie gleichberechtigte Partner. Müller-Brot heißt nun Höflinger Müller GmbH. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Eva Müller kümmert sich vor allem um das Filialgeschäft, Höflinger um den Versand, die Logistik und den Einkauf. „Ich mache das, was ich am besten kann, sie auch“, sagt er. „Wir haben es perfekt aufgeteilt.“ Arbeit gibt es mehr als genug, sie reicht locker für zwei Chefs. Die erste und wichtigste Aufgabe nach dem Kauf war, die Pächter und Vermieter der Filialen zu halten. „Dass die abspringen und uns aufgeben, war das größte Risiko“, sagt Eva Müller. In vielen Verkaufsstellen war der Umsatz während des Skandals um bis zu 80 Prozent eingebrochen. Wer unter dem Müller-Brot-Logo verkaufte, musste den Ruin fürchten. Viele halfen sich mit selbst gebastelten Schildern: „Wir verkaufen kein Müller-Brot.“ Die Ware lieferten andere Bäckereien.

Das ist vorbei, die Schilder sind verschwunden. Von Anfang an wollte Eva Müller wieder selbst backen. Aber wo bloß? Diese Frage ist bis heute ungelöst. Die alte Backanlage in Neufahrn zu kaufen war nicht möglich. Mit ihrem Partner Höflinger sucht sie weiter, denkt über den Aufbau einer komplett neuen Anlage nach. „Wir werden eine Lösung finden, das geben wir nicht auf“, sagt Müller. So lange lassen sie nach Müller-Brot-Rezeptur in anderen Bäckereien aus der Umgebung produzieren.

Mit dem Claim „Endlich wieder das Original“ bewerben Müller und Höflinger die Produkte aber jetzt schon, geloben die Rückkehr zu den Werten des ­alten Bäckerhandwerks. Das klingt, als ob Schluss wäre mit Masse, Teiglingen und Discountmentalität, über die so viele Verbraucher schimpfen. Aber da verdreht Müller bloß die Augen. Und dann lästert sie tatsächlich über Brot. „Brot!“, ruft sie. „Die Deutschen und das Brot! Mein Gott, das ist immer so emotional. Eine Banane oder Gurke ist nie so emotional wie Brot. Warum ist das so? Wegen dem ,Unser täglich Brot gib uns heute‘?“

Ja, sie wolle zurück zum Handwerk. Aber nicht weg von Masse. Auch Masse könne man gut machen. „Die Deutschen denken immer, da muss ein Bäcker den ganzen Morgen in der Backstube stehen, Teig kneten und schwitzen“, sagt sie. „Aber so wird es hier nicht werden. Wir wollen viel machen, das aber gut, aus puren, einfachen Zutaten.“

Kann dieses Rezept aufgehen? „Möglich“, sagt Peter Becker, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. „Auch Großbetriebe können Exzellentes abliefern.“ Aber es werde schwer. „Eine Menge Vertrauen muss wiederhergestellt werden, damit Menschen wieder bei Müller-Brot kaufen. Zumal es an Alternativen keine Not gibt.“ Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, erforscht Skandale und sagt: „Wo Vertrauen so sehr erschüttert wurde, muss ganz klar ein Neuanfang sichtbar sein.“ (siehe Kasten unten)

Diesen Neustart versuchen Eva Müller und ihr Partner nun. Sie haben kräftig in die Filialen investiert. Einige wurden auf Höflinger umfirmiert, zwei auf Brioche Doreé, etwa die ehemalige Müller-Brot-Filiale am Münchner Flughafen. Eine Frischzellenkur gab es für alle. Neue Farbe, neue Ausstattung. Das Augenmerk liegt vor allem auf der Ware, die soll wieder im Mittelpunkt stehen und attraktiv präsentiert werden. „Alle Filialen litten unter Investitionsstau“, sagt Müller. Im zweiten Schritt wird nach und nach das Inventar ausgetauscht: die Kaffeemaschinen, Kühlschränke und Spülmaschinen.

Die Renovierungsarbeiten zahlen sich aus, in den neu gestalteten Filialen ist der Umsatz um 30 Prozent gestiegen. Aber auch der Rest kann sich sehen lassen: Über alle Filialen gerechnet, schreibt Höflinger Müller einen Umsatz wie die Müller-Brot-Bäckereien vor dem Skandal. „Wir wollten Anfang 2013 das Niveau von 2011 erreichen“, sagt Müller – damals lag der Umsatz nach Firmenangaben bei rund 115 Mio. Euro pro Jahr. „Aber nun wird es wohl schon vorher wieder so weit sein. Uns freut das wahnsinnig.“

Kein Lob gewohnt

Diese ersten Erfolge sind wohl nicht allein den Umgestaltungsmaßnahmen im Filialnetz zu verdanken, sondern vor allem der enormen Tatkraft der neuen Eigentümer. Eva Müller bringt etwas mit, das mitschwingt bei allem, was sie tut: Besessenheit. Wenn sie über die Autobahn rast, weil es ihr nicht schnell genug gehen kann, dort anzukommen, wo sie hinwill, dann spürt man, dass sie meint, was sie sagt. Dass sie sich kümmern und schimpfen und loben oder selbst machen wird, wenn es ihr zu langsam geht oder nicht gut genug.

Das steckt offenbar an. „Die Mitarbeiter sind wahnsinnig motiviert“, sagt Eva Müller. 450 Menschen arbeiten mittlerweile wieder für Höflinger Müller. „Alle hier arbeiten fast euphorisch mit, alle geben ihr Bestes. Es ist wirklich rührend, das zu sehen.“

Und der Vater? Ist er stolz auf sie? Sie weiß es nicht. Weil er es ihr nicht sagt. So etwas macht er nicht. Wer ohne Lob aufwächst, erwartet keins, sagt sie. „Mein Vater ist kein Mann der großen Worte. Aber ich glaube, er freut sich.“ Das tut er. „Der Niedergang hat mich unglaublich getroffen“, sagt Hans Müller. „Wie mit der Firma umgegangen wurde, macht mich noch ganz kaputt.“ Dass Evi nun da ist, das beruhige ihn. „Die weiß alles, die kann alles. Die war doch immer an meiner Seite. Es gibt niemanden, der mich besser ver­treten könnte.“

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