Unternehmen Die Bahn-Angreifer machen sich bereit

Die Fernbusse kommen. Ab 2013 bekommen Bahn, Auto und Flugzeug vor allem auf den mittleren Strecken in Deutschland neue Konkurrenz. Viele Unternehmen rüsten sich für den Kampf um den neuen Markt.

In Deutschland öffnet sich ein neuer Markt. Mit der Freigabe des Fernbusverkehrs geht eine ganze Reihe von Unternehmen an den Start, ein in den meisten Ländern selbstverständliches Verkehrsmittel auch hierzulande zu etablieren. „Mit unseren ersten Linien haben wir eine Auslastung von 75 Prozent erreicht, und wir planen einen schnellen Netzausbau in ganz Deutschland“, sagt zum Beispiel Torben Greve, Geschäftsführer der MFB MeinFernbus GmbH. Das erst vor 18 Monaten in Berlin gegründete Startup organisiert den Verkehr gemeinsam mit mittelständischen Busunternehmen und will noch in diesem Jahr acht Linien mit 30 Bussen bedienen.

Neben den jungen, schnellen Bus-Pionieren sind auch etablierte Anbieter auf dem Sprung. Die Deutsche Touring GmbH in Frankfurt hat etwa 40 ihrer Verbindungen ins europäische Ausland identifiziert, auf denen sie ab Jahresbeginn auch innerdeutsche Tickets ausstellen will. „Wenn wir von Hamburg in Richtung Italien fahren, haben wir vor allem zu Beginn der Tour noch eine Menge Plätze frei. Die werden wir ab Dezember vermarkten“, sagt Geschäftsführer Frank Zehle.

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Viele zusätzliche Angebote innerhalb Deutschlands wird es bei Touring auch aus Rücksicht auf den Anteilseigner National Express nicht geben. Der britische Transportriese will mit zunächst fünf Linien selbst auf dem deutschen Markt angreifen.

Die Deutsche Bahn, größter Busbetreiber der Republik und Platzhirsch im über Jahrzehnte aus politischen Gründen geschützten Berlin-Verkehr, hat weitreichende Ausbaupläne ihrer Fernbusflotte zunächst aus Kostengründen auf Eis gelegt. Man werde sich weiterhin dem Wettbewerb im innerdeutschen Buslinienfernverkehr stellen, erklärte ein Sprecher in Berlin. „Zu Auswirkungen auf den Schienenfernverkehr können wir zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen.“ Derzeit zählt der bundeseigene Konzern im Fernverkehr auf der Schiene rund 125 Millionen Kunden pro Jahr.

Die zu erwartenden Auswirkungen der neuen Konkurrenz auf Verbindungen oberhalb von 50 Kilometern sind zumindest laut einer Studie der TU Dresden eher gering. Auf gut 5 Prozent schätzt der Wissenschaftler Christian von Hirschhausen den möglichen Busanteil im Fernverkehr bis 300 Kilometer, was vor allem zulasten des Autoverkehrs erreicht werden könne. Die meist schnelleren Verbindungen mit der Bahn zählen für bestimmte Klientel nicht besonders: Vor allem Jüngere mit schmalem Geldbeutel und Ältere sind die Zielgruppe der billigeren Busverbindungen.

Schnell wachsender Markt

„Auf den Premium-Strecken der Bahn werden wir kaum Konkurrenz machen können“, sagt Dieter Gauf, Hauptgeschäftsführer des Internationalen Bustouristik Verbandes (RDA). Dennoch gebe es genug interessante Verbindungen, auf denen die Busse ihre Vorteile ausspielen könnten. Er rechnet mit einem schnell wachsenden Markt: „Da geht es schon um ein paar Millionen Passagiere im Jahr.“

Die Gewerkschaften wollen darauf achten, dass Billig-Angebote nicht auf den Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Kritisch fragt Verdi nach Verbandszugehörigkeit, Lenkzeiten und Tariftreue. Die Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft EVG warnt vor Lohndumping. „Billiger als die Konkurrent werden manche Anbieter auf Dauer nur sein können, wenn sie die Löhne ihrer Mitarbeiter absenken. Die Zusage, dass alle beteiligten Unternehmen Tariflöhne zahlen, werden wir kritisch hinterfragen“, sagt der EVG-Chef Alexander Kirchner.

Dass allerdings schnell die weißen Flecken im Fernverkehrsnetz der Bahn geschlossen werden, braucht vorläufig niemand zu hoffen. Das macht das Beispiel der Verkehrsgesellschaft Veolia klar, die bereits seit 2010 auf die Genehmigung dreier Fernbuslinien wartet. Auch die Genehmigungsmühlen der nun für die Lizenzen zuständigen Länder mahlen eher langsam.

Die neue Vielfalt schafft natürlich auch neue Unübersichtlichkeit für die Konsumenten. Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert deshalb eine vom Staat eingerichtete Fernverkehrs-Plattform mit allen Angeboten und Preisen. Doch in der Branche wird eher mit privatwirtschaftlichen Lösungen gerechnet. „Der Staat unterhält ja auch kein Portal für Flüge oder Hotelzimmer“, sagt Panja Putsahit, Mitbegründer von MeinFernbus.

Von Christian Ebner, dpa

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