Unternehmen Die Busunternehmer

Der Gründerbus bei der Abfahrt in Berlin

Der Gründerbus bei der Abfahrt in Berlin

Viereinhalb Tage Fahrt in einem Bus von Berlin nach Paris - mehr braucht es nicht, um eine Geschäftsidee zu entwerfen. Ein Reisetagebuch.

Donnerstag, 16 Uhr, Berlin, zu Gast in den Räumen von Immobilienscout24

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Der Konferenzraum gibt eine Vorschau auf die folgenden Tage: eine übersichtliche Zahl von Wasserflaschen neben unzähligen Paletten Red Bull. Es wird wenig Schlaf geben, viel Arbeit und ungesundes Essen. Von den 18 Mitfahrern, die unter den Bewerbern ausgewählt wurden, trudeln 17 nach und nach ein, einer hat nicht mitbekommen, dass der Gründerbus in Berlin startet, und weilt in Köln. Auch die drei Organisatoren kommen peu à peu an. Einer von ­ihnen ist Sebastian Sielmann. Er betreibt den Gründerbus nach dem Vorbild des Startup-Busses, den Elias Bizannes 2010 erstmals durch die USA schickte. Das Ziel: in viereinhalb Tagen ­eine Geschäftsidee erarbeiten, die Investoren überzeugt. Beim Gründerbus treten die Teams allerdings nicht nur gegeneinander an. Sie wetteifern auch mit vier weiteren Bussen, die zeitgleich in Kopenhagen, Oxford, Madrid und Paris starten und das gleiche Ziel verfolgen.

Ganz wichtig für ihre Aufgabe: die Mitstreiter. Niemand soll allein werkeln. Eine kurze Vorstellungsrunde unter professioneller Anleitung von zwei Personalexpertinnen folgt. Zwei Minuten, um den anderen die eigene Per­sönlichkeit nahezubringen, danach wird das Selbstporträt rigoros abgebrochen. Eine gute Übung für die vielen Pitches, das Anpreisen der eigenen Idee im Wettbewerb, die folgen und im Extrem nur 30 Sekunden währen dürfen.

Die meisten Teilnehmer sind in den Zwanzigern, viele studieren noch. Betriebswirtschaftslehre ist die verbreitete Passion, aber auch ein angehender Raumfahrttechniker ist dabei. Viele haben schon gegründet, selbst der Jüngste, gerade 20 Jahre alt, bastelt an der eigenen Firma.

Donnerstag, 23 Uhr, Berlin, Pegasus ­Hostel

Nachdem sich die Mitfahrer bei Bier und Pizza näher kennengelernt haben, geht es ins Hostel. Vor dem Tresen scharen sich die Teilnehmer um Sielmann. Sind alle da? Wer schläft mit wem in einem Zimmer? Klassenfahrtserinnerungen.

Kurz aufs Zimmer, dann Gruppenbildung. Einige haben Geschäftsideen mitgebracht, Marco Witzmann etwa. Der in Deutschland lebende Peruaner will vorgetäuschte Entführungen in Südamerika bekämpfen. Am Telefon wird gedroht, die Tochter sei entführt worden und würde getötet, sollte der Angerufene auflegen. Sitzt das Kind nicht gerade daneben, zahlen die meisten. Witzmann möchte eine App schaffen, mit der Eltern prüfen können, wo ihr Kind gerade ist.

Auch wenn das von der europäischen Lebenswirklichkeit weit entfernt ist, finden sich drei Mitgründer. Auch die anderen Teams sind schnell beisammen. Sie wollen Facebook-Freunde zu Kupplern einer Singlebörse machen, Menschen mit gleichen Hobbys und Interessen im Internet zusammenbringen oder eine Reservierungsplattform entwickeln, bei der in Echtzeit freie Plätze in Restaurants, Theatern und Kinos vergeben werden. Vidar Andersen, ein Norweger, der seit Jahren in Köln wohnt, schlägt ein Vernetzungsprojekt für Konzerne vor: Je mehr Menschen aus anderen Abteilungen man zum Mittagessen trifft, desto schneller isst man sich hoch, um schließlich mit dem Chef zu speisen. Andersen ist es, der statt in Berlin in seiner rheinländischen Heimat sitzt und seine Idee nur per wackliger Skype-Verbindung bewerben kann. Vier Mitstreiter findet er trotzdem, die mit der Ausarbeitung der Idee loslegen, bis Andersen in Köln dazustößt.

Freitag, 9.30 Uhr, Berlin, Hubraum

Müdigkeit, schon nach der ersten Nacht. Der vorbereitete Kaffee bei Hubraum, dem Inkubator der Deutschen Telekom, ist schnell aufgebraucht. Jetzt geht die Arbeit erst richtig los. Die Gründer suchen nach Erlösmodellen, Vertriebskanälen und überlegen, wie sie Kunden gewinnen können. Eine Gruppe hat sich über Nacht von ihrer Geschäftsidee des Notfallknopfs für Entführungen verabschiedet und ist auf den Vorschlag von Teammitglied Rose Jeantet umgeschwenkt: eine App, die Eltern bei der spielerischen Erziehung ihrer Kinder hilft. Auch die anderen Geschäfts­ideen wandeln sich: Aus dem vernetzenden Mittagessen wird Kaffeetrinken, aus der Vermittlung von Restplätzen eine Plattform für Überraschungsreservierungen, bei denen man vorher nicht weiß, in welches Lokal es später geht.

Samstag, 0.15 Uhr, Hamburg, Generator Hostel

Auf der Fahrt nach Hamburg hat der Organisator des dänischen Busses angerufen: Herausforderung zum Probe-Pitch. Um kurz nach Mitternacht haben sich alle im Internetcafé des Hostels versammelt. Die Dänen legen los. Der erste Schreck: Eines ihrer Teams präsentiert die ­gleiche Idee einer Erziehungsapp. Der zweite Schreck: die Dänen. Sie sind älter und erfah­rener als die deutschen Teilnehmer, tragen behornte Wikingerhelme und legen regelrechte Auftritte hin, teils mit Choreografie und Musik. Einschüchterung macht sich breit. Allerdings nur kurz, dann geht es mit der Konkurrenz auf die Reeperbahn. Die Letzten kehren im Morgengrauen zurück.

Samstag, 9.30 Uhr, Hamburg, Betahaus

Beim Frühstück mit trockenen Schrippen und Automatenkaffee drehte sich das Gespräch wieder ums Geschäft. Die ersten Koffeintabletten kommen zum Einsatz. Der Gründer des Musikdiensts Simfy erzählt, wie schwierig es ist, gute Programmierer zu finden und mit ihnen ­auszukommen. „Entwickler wollen gepampert werden“, sagt er. Glücklich, wer einen im Gründungsteam hat. Im Bus sind das zwei Gruppen.

Anschließend gibt es weitere Vorträge, zu den Themen Design und Pitch. Wenn in diesen Tagen schon kein komplettes Produkt entwickelt werden kann, so muss eben an der bestmöglichen Präsentation des Erarbeiteten gefeilt werden. Als Basisregel nennt Tech-Journalist Slaven Marinovic die 10-20-30-Regel von Guy Kawasaki: Maximal 10 Folien, höchstens 20 Minuten, mindestens Schriftgröße 30.

Samstagnacht, irgendwo ­zwischen Hamburg und Köln

Nach einer kurzen Fast-Food-Pause an der Autobahnraststätte geht es weiter. Organisator Sielmann stößt im Internet auf die Website eines Projekts aus dem Dänenbus: Plinq. Klavier spielen über die Computertasten. Die Seite lässt sich anklicken und macht Musik. Im deutschen Bus ist bisher nicht viel mehr zu sehen als ein paar zusammengebastelte Bildschirmdarstellungen. Den Rest der Fahrt wird weitergearbeitet. In beiden Stockwerken des Busses erhellen Gruppen von Laptopbildschirmen das Dunkel. Draußen schieben Autofahrer ihre Wagen im ersten Schnee des Winters an.

Sonntag, 16 Uhr, Köln, ­Clusterhaus

Teamarbeit ist mühsam, es gibt keine Chefs, die Entscheidungen treffen; jedes Detail muss in der Gruppe diskutiert werden. Wie soll das Logo aussehen? Wie sollen die Websites betextet werden? Ein Duo streitet: Der eine hat die Nacht durchgearbeitet, sein Partner ist mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Die beiden raufen sich erst wieder zusammen, als Sielmann droht, sie aus dem Bus zu werfen.

Es wird ernst: Halbfinale gegen die Dänen. Drei Teams dürfen am nächsten Tag in Paris gegen die Finalisten der anderen Busse antreten. Bei den Präsentationen zeigt sich, was die Teams seit Donnerstag geschafft haben. Alle haben ein Logo, einen Markennamen und zumindest eine Startseite. Die Erziehungs-App wirbt mit einem lila Nilpferd. Die Onlinekuppler heißen Haystack, eine Analogie zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das Duo, das Menschen mit gleichen Hobbys zusammenbringen wollte, ist beim Namen Who else geblieben, will auf seiner Plattform nun aber Psychologen mit potenziellen Patienten zusammenbringen.

Erst als die letzte Präsentation vorbei ist, fällt die Anspannung von den Teilnehmern ab. Die ersten Biere werden aufgemacht, die restlichen in den Bus geladen, in dem Dänen und Deutsche nun gemeinsam weiterreisen. Die Gewinner werden unterwegs verkündet: das deutsche Team Haystack sowie die Dänen von Plinq und Amor Domus, einem Immobilienportal.

Montag, 16 Uhr, Paris, Microsoft

Finale. Hier wird nicht mehr in der Eingangshalle eines Bürohauses oder Hostels gepitcht. Die Gründer stehen auf der Bühne des Microsoft-Auditoriums im Scheinwerferlicht, vor Zuschauern und Jury. Marcus Kuhn, der Redner der Haystack-Gruppe, legt los. Er spricht wie ein Moderator, wie es der Pitch-Lehrer empfohlen hatte. Keine Ähs, keine Mmhs. Wohldosierte Gesten, angemessene Pausen. Er ruft ins Mikrofon: „Onlinedating ist gruselig!“ Lacher und Applaus.

Benjamin Bolland aus dem deutschen Bus schreibt danach auf Facebook: „Die vergangenen Tage haben sich wie zwei Wochen angefühlt: Fünf Unternehmen wurden allein in unserem Bus gegründet, weitere in den vier Bussen aus Großbritannien, Spanien, Frankreich und Skandinavien.“ Was aus den Projekten letztlich wird, ist noch unklar. Dass sich die Teilnehmer wiedersehen, ist wohl wahrscheinlicher, als dass ihre Ideen umgesetzt werden. „Wir haben gepitcht, gearbeitet, getrunken, hatten großartige Workshops“, schreibt Bolland.

Und das eine Team des deutschen Busses, das es in die Endrunde geschafft hat, hat diese sogar gewonnen. Bevor die vier Jungs sich überlegen, ob sie ihr Projekt tatsächlich umsetzen, steht der nächste Pitch an: Haystack darf als Gewinner am Startup-Wettbewerb der Internetkonferenz Le Web teilnehmen. Lange feiern, kurz schlafen, schnell weiterarbeiten.

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