Unternehmen Die Grünen? Das sind „unsere Freunde“

Die Unternehmer im Ländle müssen sich mit einer grün-roten Landesregierung arrangieren. Lange fremdeln wollen sie nicht. Mehr und mehr Chefs kommen zu der Erkenntnis: Alles halb so wild, die sind gar nicht so schlimm. Manche gehen noch weiter.

Als Christian Bär am Wahlabend vor dem Fernseher sitzt, ist ihm flau zumute. Ein grüner Regierungschef in seiner Heimat Baden-Württemberg – da muss er schlucken. Bis sein Blick auf die Füße von Winfried Kretschmann fällt. Die stecken in Gesundheitsschuhen, die das Bietigheimer Unternehmen seit 30 Jahren herstellt. Gleich am nächsten Morgen schaut Bär in die Kundenkartei. Ergebnis: Deutschlands erster grüner Ministerpräsident kauft seit zwölf Jahren seine Schuhe bei ihm. Jetzt zeigt er sich damit im Fernsehen. Eine bessere Werbung kann sich Bär kaum vorstellen. „Da habe ich meine Einstellung zu den Grünen schnell geändert“, sagt Bär. Und erlaubt sich ein Schmunzeln.

So gelassen wie Bär stellen sich viele Unternehmer in Baden-Württemberg auf den Regierungswechsel ein. Zwar hätten die meisten lieber gesehen, wäre Schwarz-Gelb an der Macht geblieben. Aber das Wahlergebnis am 27. März war so eindeutig, dass sie sich mit den neuen Verhältnissen arrangieren müssen. Schwer fällt das den wenigsten. „Unternehmer sind pragmatisch“, sagt Jochen Haller, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg. „Sie wollen vor allem Geschäfte machen.“

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Von diesen Geschäften hängt der Wohlstand im Land ab. Und vom Wohlstand die Akzeptanz der Regierung. Deshalb haben sich die Grünen in den vergangenen Jahren aufgemacht, die Welt der Wirtschaft kennenzulernen. Gemeinsam zogen sie durchs Ländle, besuchten Unternehmen und sprachen dort nicht nur mit den Umweltbeauftragten, sondern auch mit den Geschäftsführern.

Kretschmann weiß längst, wie der Mittelstand tickt. Er war beim Pressenbauer Schuler und beim Sägenhersteller Stihl, hat gesehen: Viele Betriebe setzen auf ressourcenschonende und energieeffiziente Produkte. „Die Kunst der Politik ist es herauszufinden, welches die richtigen Regeln sind, die schieben, aber nicht aus dem Wettbewerb kegeln“, sagte Kretschmann im März auf einer Wahlveranstaltung.

Solche Parolen kommen an in einem Bundesland, das stolz auf den Erfindungsreichtum seines Mittelstands ist. Zum Beispiel bei Hans-­Jochen Beilke. Der 61-Jährige ist Chef von EBM-Papst aus Mulfingen im Hohenlohekreis. Der Weltmarktführer hat 11.000 Mitarbeiter, macht 1 Mrd. Euro Umsatz und stellt unter anderem elektronisch gesteuerte Ventilatoren her, die deutlich weniger Energie verbrauchen als herkömmliche Modelle. Nach Schätzungen des Unternehmens könnten europaweit 87.000 Gigawattstunden eingespart werden, würden ausschließlich solche Venti­latoren eingesetzt – so viel wie zehn Kraft­werke an Energie erzeugen.

Als Kretschmann und eine Delegation der Landtagsfraktion voriges Jahr in Mulfingen zu Besuch waren, gab es große Übereinstimmung zwischen den Grünen und dem Vorstand. Kretschmann lobte damals EBM-Papst als Vorbild für andere Unternehmen. Beilke wiederum bezeichnete die Grünen als „unsere Freunde“.

Nach der Wahl entdecken auch andere Unternehmer ihre ökologische Seite. So wie Roland Mack, geschäftsführender Gesellschafter des Europa-Parks in Rust, einer Art badisches Disneyland. Vor der Wahl unterzeichnete er einen öffentlichen Aufruf für den CDU-Regierungschef Stefan Mappus. Heute spricht der Chef des größten Freizeitparks Deutschlands respektvoll von den Grünen.

Was auch daran liegen mag, dass deren Landesvorstand sich im Winter zu einer Sitzung im Europa-Park getroffen hat. Mack nutzte die Gelegenheit für Gespräche. „Ich war überrascht von der hohen Übereinstimmung unserer Ziele mit denen der Grünen“, sagt Mack heute. Seine Anlage sieht er als ökologisches Ausflugsziel. „Wer nach Mallorca fliegt, schadet der Umwelt.“ Der Europa-Park hingegen sei mit Bus und Bahn zu erreichen.

Dass sich einige Instanzen der Wirtschaft ­besonders um die Gunst der neuen Regierung und ihrer Abgeordneten bemühen, hat auch Edith Sitzmann festgestellt. Die Wirtschafts­expertin der Grünen hat ihren Wahlkreis in Freiburg. Seit sie am 27. März der CDU ein ­Direktmandat abnahm, stapeln sich in ihrem Büro die Glückwünsche aus der Wirtschaft. Der Handelsverband freut sich auf eine „gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit“, der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband auf „künftige Begegnungen“. Auch der Baden-Württembergische Handwerkstag gratuliert. Banken, Sparkassen, kleine, große Firmen aus der Region – alle überbringen ihre Grüße.

Die Grünen sind für die Unternehmer keine Aliens mehr. „Die Abgeordneten kennen wir seit Jahren aus der Arbeit zu verschiedenen Themen des Landkreises“, sagt Peter Saile, Geschäftsführer der Bezirkskammer Göppingen. Da gehe es um den Weiterbau einer Bundesstraße oder um die Verlängerung der S-Bahn.

Allerdings nicht um den Strompreis. Der könnte durch eine Abkehr von der Atomkraft steigen. Seit der Energiekonzern EnBW fast zur Hälfte dem Land gehört, hat die Stuttgarter ­Regierung sogar Einfluss auf den Preis. Das wissen die Grünen und bauen verbal vor: Bitte keine Konfrontation. Der Ausbau erneuerbarer Energien sei zwar wichtig, sagt Daniel Renkonen, Grünen-Landtagsabgeordneter aus Bietigheim-Bissingen. Aber der Strompreis müsse natürlich für die Firmen verkraftbar bleiben.

Der Wille ist erkennbar: Die Politiker der Ökopartei wollen ernst genommen werden.

Die Strategie kommt an. Er habe die Grünen im persönlichen Umgang stets als „vernünftig“ erlebt, sagt etwa Robert Friedmann, Chef des Schraubenhändlers Würth in Künzelsau. Sollte sich das als falsch herausstellen, hat das schwarz-gelb regierte Bundesland Sachsen bereits Asyl angeboten. Sechs Tage nach der Wahl warben die Sachsen in halbseitigen Zeitungsanzeigen: „Liebe Unternehmer, wer spricht schon Hochdeutsch! In Sachsen ist die Welt noch in Ordnung. Kommen Sie zu uns!“

Schuhfabrikant Bär wird vor den Toren Stuttgarts bleiben und den direkten Kontakt zum neuen Ministerpräsidenten suchen. Weiß er doch jetzt, dass Kretschmann alte Schuhe alle zwei Jahre zum Besohlen bringt, so wie man es von einem sparsamen Schwaben erwartet. Bär will Kretschmann zum nächsten „Schnäppchenfest“ einladen, wo Bär-Schuhe zu Sonderpreisen angeboten werden. „Da können wir dann mal direkt ins Gespräch kommen.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2011.

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