Unternehmen Die Mission

Ein Düsseldorfer Unternehmer will die asiatische Textilindustrie revolutionieren. Jetzt soll der deutsche Außenminister helfen. Ein Reisebericht aus Indien und Bangladesch.

GAF 891 ist pünktlich gestartet. Ghassan Arab zögert nicht lange, als er nach vorn gebeten wird. Zeit zum Zuhören hat der Außenminister nur jetzt, solange die „Konrad Adenauer“ in der Luft ist. Der Airbus A340 mit Raketenabwehrsystem bringt eine Regierungsdelegation nach Indien und Bangladesch.

Von Berlin zum ersten Stopp in Bangalore dauert die Reise fast zehn Stunden. Neben Arab, auf Platz 18H, sitzt der Leiter des Referats für Außenwirtschaftsförderung des Auswärtigen Amts. Der kennt das Problem jetzt schon im Detail, nun wird Arab auch Guido Westerwelle davon erzählen. Als die Maschine den Iran überfliegt, verschwindet der Familienunternehmer im vorderen Teil des Flugzeugs.

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Im Zentrum der Macht ist es kuschelig. Im kleinen Konferenzraum drängen sich die Gäste auf blau gepolsterten Sofas. Darunter sind Maschinenbauer aus Brandenburg, Solaranlagenhersteller aus Bayern und eben Ghassan Arab. Der Düsseldorfer Unternehmer stellt mit seiner Multiline Group weltweit Kleidung her. Jeden Tag eine halbe Million T-Shirts, Hosen, ­Hemden. Nun will der gebürtige Syrer mit deutschem Pass die asiatische Textilindustrie revolutio­nieren: Arab plant den Bau einer nachhaltigen ­Fabrik in Bangladesch, nach deutschen Standards. 100 Mio. Euro will er investieren in die „Unit 36“: zwölf Produktionshallen, Schulen und Sportstätten sollen entstehen. Geld ist kein Problem. Das Problem ist Gas, das fehlt. Ein Energieanschluss muss her.

Die Regierung von Bangladesch sagt: Bau erst mal, dann regeln wir das. Arab aber will ein Stück Papier, etwas Schriftliches. Wenn Guido Westerwelle in Dhaka die Außen- und Premierministerin trifft, soll er ein gutes Wort für Arab einlegen. Das ist der Plan.

Der Minister als Türöffner

Acht Unternehmer bilden die offizielle Wirtschaftsdelegation auf dieser Reise. Konzern­bosse sind nicht dabei – was durchaus gewollt ist. „Große Konzerne können mit ihren Strukturen vor Ort eher selbst für ihre Interessen eintreten“, sagt Westerwelle. „Ein Mittelständler kann das kaum leisten.“

Der FDP-Politiker will sich auch um einzelne Anliegen kümmern, Türen öffnen. Er wirkt locker in dieser Runde, ohne Krawatte, den lila Pulli über die Schultern gelegt. Er trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. „Die Notwendigkeit, Geschäfte politisch zu flankieren, wächst, gerade für die kleinen und mittleren Unternehmen“, sagt Westerwelle. „In anderen Ländern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man sich als Minister bemüht, Unternehmen im Ausland bei Aufträgen zu helfen. Es muss auch für uns selbstverständlich sein.“ Sein Einsatz hat wirtschaftliche und politische Gründe: Die Erfolge deutscher Hidden Champions sind gut fürs Image in der Welt. „Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft und wird immer internationaler“, sagt Westerwelle.

Für den Außenminister ist es eine Routine­reise, diplomatisch ist mit Indien und Bangladesch alles in Butter. So ist das Einzige, was später in Deutschland berichtet wird, etwas Kurioses: Die „Times of India“ versteht seinen Namen falsch und nennt Westerwelle konsequent Mister „Welle“. Für die Unternehmer steht mehr auf dem Spiel: Sie alle verfolgen konkrete Ziele auf dieser Reise nach Asien, dorthin, wo das Wachstum von morgen herkommt.

31 Stunden bleibt der Tross in Bangalore, der indischen Business-Metropole. Die Auto­kolonne rast durch die abgesperrten Straßen der sonst so verstopften Stadt. Es geht von Termin zu Termin. Als Westerwelle seinen indischen Amtskollegen trifft, dürfen die Unter­nehmer mit aufs offizielle Foto. So ein Bild auf der Firmenhomepage macht Eindruck bei indischen Partnern. Weiter geht es, auf eine Messe, die Westerwelle eröffnet, später zum Galadinner der Außenhandelskammer.

Alexander Naue schüttelt Hände und tauscht Visitenkarten aus. Die Naue GmbH stellt mit 450 Mitarbeitern Spezialkunststoffe her für den Straßen-, Schienen- oder Kanalbau. Als Kunden muss der Unternehmer Investoren und Planer von Großprojekten gewinnen – das ist in Indien meist der Staat. „Daher der Versuch über die politische Schiene. Als Mittelständler ist es sonst eher schwer, Interesse zu wecken.“ Naue sieht die Reise als Experiment, es ist sein erstes Mal im Gefolge eines Politikers. Kurz nach der Eröffnung seines neuen Büros in Indien kam die Einladung des Außenministeriums. Was Naue lockte: die Kontakte, die man als Teil ­einer hochrangigen Delegation knüpft. An diesem Tag hat er einen einflussreichen Beamten im Bauministerium kennengelernt. „Allein dafür hat es sich gelohnt.“ Naue kann sich entspannen, für Ghassan Arab kommt das Wichtigste noch. „Mein großer Tag ist morgen“, sagt er. Ein paar Stunden Schlaf im Taj West End, im Morgengrauen düst die Kolonne zum Airport.

„Herr Minister, werte Mitreisende, wir landen in Kürze in Dhaka“ – die Ansage des Flugkapitäns reißt die Delegation aus dem Schlummer. Als sich wenig später die Türen im Padma State Guest House hinter Westerwelle und seiner Amtskollegin aus Bangladesch schließen, geht es im Vorraum drunter und drüber. Die Deutschen hätten mehr Diplomaten mit an

den Verhandlungstisch gebracht als verabredet, echauffiert sich ein bangladeschischer Beamter. Fast eskaliert es. Nach der Abreise gibt es Zoff, weil Westerwelle in der Pressekonferenz etwas über fehlende Menschenrechte in Bangladesch sagt. Dabei sollte doch alles Routine sein.

Was trotz des politischen Trubels nicht untergeht: der Traum von Ghassan Arab. „Unit 36“, der fehlende Gasanschluss, wird hinter den verschlossenen Türen tatsächlich zum Thema. Das reicht Arab erst mal. Mehr kann man selbst von einem Außenminister nicht erwarten. Der deutsche Botschafter in Dhaka soll nun an der Sache dranbleiben.

Auf großer Fahrt

Manche werden gefragt, andere bewerben sich: Unternehmer, die mit Politikern auf Reisen gehen. Die Plätze im Flieger der Kanzlerin sind besonders begehrt, doch sie ist nicht die Einzige, die mit einer Wirtschaftsdelegation reist: Bundesminister, Kabinettsmitglieder, Ministerpräsidenten und Landesminister öffnen ebenfalls gern Türen für Mittelständler. Über den BDI, die Handelskammern, Branchenver­bände oder die Exportagen­turen der Bundesländer können Unternehmer ihr Interesse bekunden. Wer im Ausland konkrete Pläne verfolgt, wird gern mitgenommen. Bezahlen muss jeder Flug und Hotel selbst. Geht es im Regierungsflieger um die Welt, werden 30 Prozent des Lufthansa-Tarifs fällig.

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