Unternehmen Die Rache der Verwaltung

Was passiert, wenn Unternehmer für ihre Stadt den besten Bürgermeister suchen? Peter Cohrs hat das probiert - und erfahren: Sie werden angefeindet, ausgebremst und ausgetrickst. Und sollen dazu noch lächeln. Ein Ortsbesuch.

Steife Brisen, die kennen sie in Husum. Was sie gern hätten in Husum, wäre frischer Wind. Zumindest im Rathaus. Dort wo die Bürokraten sitzen und Büroklammer-Mobiles basteln. So reden sie, die Unternehmer in Husum, wenn sie sich treffen im Hotel Theodor Storm, um zu diskutieren über das, was anliegt: mehr Parkplätze an der Messe, Ausbau der Bundesstraße, das geplante Ferienresort, die Vertiefung der Hafenrinne. Nichts geht voran, klagen die Unternehmer, stattdessen werde geredet, vertagt, geredet, vertagt. Also schimpfen sie, über die Politiker und über die Verwaltung, die nicht zu Potte kämen. So viel zu tun, und keiner packt’s an.

Bis Peter Cohrs sagte: Lasst uns aufhören mit dem Jammern, dann packen wir es eben selbst an. Cohrs gehört das Modekaufhaus CJ Schmidt in der Stadt, die Kunden kommen aus halb Schleswig-Holstein. Cohrs ist auch Sprecher des Husumer Wirtschaftskreises und damit Sprachrohr von 380 Unternehmern. Die hatte er im Rücken, als er sagte: Wenn die Parteien das nicht hinkriegen, sorgen wir eben dafür, dass unternehmerisches Denken ins Rathaus einzieht.

Anzeige

Das war im Januar. Der Termin war günstig: Am 29. Mai wird in Husum ein neuer Bürgermeister gewählt. Der alte mag nicht mehr, und SPD, FDP und der Südschleswigsche Wählerverband SSW hatten sich bereits den Leiter des Hauptamts als Kandidaten ausgeguckt, Uwe Schmitz, seit 27 Jahren im Dienste der Stadt. Gegenkandidaten damals: keine.

Anfang Februar erschien bundesweit in Jobportalen eine Anzeige: „Husum sucht den Bürgermeister (m/w)“. Gefordert wurden lösungsorientiertes Denken und Handeln sowie eine „engagiert sportliche Herangehensweise im Umgang mit zähen Verwaltungsstrukturen“. Missverstehen unmöglich: Da sollte jemand her, der den Laden ordentlich durchpustet. „Warum nicht die Suche nach einem geeigneten Kandidaten angehen, wie es in der freien Wirtschaft die Regel ist?“, fragte Cohrs damals treuherzig. Mit einer Vielzahl an Bewerbern, und der oder die Beste setzt sich durch. So wie es in jeder vernünftigen Firma läuft.

Ja, warum eigentlich nicht? Heute kennt Cohrs die Antwort: weil eine Stadt keine Firma ist. Und weil man mit solch einer Aktion sehr vielen Menschen auf die Füße tritt. Menschen im Rathaus zum Beispiel, die das mit den „zähen Strukturen“ persönlich nehmen. Den Politikern vor Ort zum Beispiel, denen vermittelt wurde: Ihr seid uns nicht gut genug.

Vor allem befremdete der Vorstoß Husums Bürger, in deren Namen der Aufruf ja angeblich gestartet wurde. „Wir suchen einen Bürgermeister mit Unternehmergeist“ – das hat durchaus Ängste ausgelöst. Einigen fröstelte bei dem Gedanken, der nächste Rathauschef würde alles erst nach Rücksprache mit der heimischen Wirtschaft entscheiden. „Jetzt kauft sich der Cohrs seinen eigenen Bürgermeister“ – diesen Spruch hörte sich der Kaufhauschef mehrfach an, zugetragen über zwei oder drei Ecken.

So ganz unerwartet hat Peter Cohrs diese Reaktion nicht erwischt. Ganz bewusst hat sich der Wirtschaftskreis zurückgenommen bei der Kandidatenkür. Bewerbungen deshalb bitte – wie sich das gehört – ins Rathaus.

Die Unternehmer selbst wollten nur einmal ins Geschehen eingreifen und aussichtsreiche Kandidaten im März auf einer „Bürgermeisterbörse“ öffentlich vorstellen, wo die ihre wirtschaftliche Kompetenz hätten zeigen können. Gewünschter Nebeneffekt einer solchen Veranstaltung: Um es auf die Wahlliste zu schaffen, braucht es 135 Unterschriften von Husumer Bürgern – so hätten externe Bewerber mit einem Schlag auf die nötige Unterstützerzahl kommen können.

Nur um diese Börse sei es ihnen gegangen, sagt Cohrs heute. Damit wäre ihr Auftrag erfüllt gewesen: Gute Leute anlocken und herholen, der oder die Beste würde sich schon durchsetzen. Punkt. Auftrag erfüllt. Schließlich seien sie Unternehmer und keine Politiker.

Es gibt eine andere Lesart, die in der Stadt kursiert und unterstellt, dass die Unternehmer einen Kandidaten unterstützen wollten. Diese Lesart geht so: Bei der vorigen Bürgermeisterwahl gingen nicht einmal 40 Prozent der Husumer wählen. Da könnte es ausreichen, wenn jeder fünfte Wahlberechtigte sein Kreuz beim Unternehmerkandidaten macht, um den ins Rathaus zu hieven. Das klingt machbar.

Formal richtig, taktisch leider fatal

Cohrs beteiligt sich nicht an solchen Spekulationen, redet lieber über den „politischen Zufall“. Der sorge dafür, dass die Parteien entweder gute oder schlechte Leute aufstellen oder eben niemanden. Vom Zufall, dass die Parteien – aus welchem Grund auch immer – einen guten Kandidaten ins Rennen schicken, wolle er sich nicht abhängig machen. Also lieber selbst einen suchen. Überlegene Qualität, so denkt Cohrs, müsse doch über Parteigrenzen hinaus anerkannt und wertgeschätzt werden. Zum Beispiel durch das Kreuz an der richtigen Stelle, am Wahlsonntag.

So hatte er sich das gedacht, als das anlief mit „Husum sucht den Bürgermeister“. Stattdessen wurde er ausgebremst, ausgetrickst und ausmanövriert. Die Rache der zähen Verwaltungsstrukturen.

Dem Wirtschaftskreis unterlief ein schwerer Fehler – gerade weil er alles richtig machen wollte. Die Bewerber, so stand in der Annonce, müssen ihre Unterlagen bis zum 11. April im Rathaus einreichen. Formal richtig, taktisch aber fatal. Denn Wahlleiter Günter Zumach kam „nach einem längeren Abwägungsprozess“ zum Entschluss, die Bürgermeisterbörse nicht zu genehmigen. Sie benachteilige alle Kandidaten, die sich erst nach der Veranstaltung melden. Er müsse bis zum 11. April, 18 Uhr, gleiche Chancen für alle garantieren. Genauso sehe das übrigens auch, sagt Zumach, der Landeswahlleiter von Schleswig-Holstein.

Das war der erste Treffer. Und es kam noch einer. Die Namen von Bewerbern dürfe er dem Wirtschaftskreis nicht nennen, sagt Zumach: Datenschutz!

Nur dass ihre Annonce ein Erfolg war, das durfte Zumach den Unternehmern verraten: Exakt 30 Bewerbungen waren eingegangen, davon mehr als zwei Dutzend als Reaktion auf „Husum sucht den Bürgermeister“.

Die zwei Ordner mit den datengeschützten Unterlagen stehen unübersehbar im Büro von Wahlleiter Günter Zumach. „Bürgermeisterwahl 2011 – Bewerbungen“ steht drauf. Aus ganz Deutschland seien die gekommen, erzählt er, „sogar aus dem tiefsten Bayern“. Die Briefe sehen oft aus wie Bewerbungsschreiben: „Über die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch würde ich mich freuen.“ Die Schreiber hätten eines nicht verstanden, gibt Zumach sich verwundert: Nicht ihn, die Wähler müssten sie überzeugen. Ausführlich hat er jedem Bewerber die Formularien erklärt. Tage gab’s, sagt er, da wäre er zu nichts anderem gekommen.

Der Ärmste, hämen sie im Wirtschaftskreis. Einige unterstellen, Zumach hätte so lange im Wahlgesetz gewühlt, bis er endlich einen Hebel zum Verhindern der Bürgermeisterbörse gefunden hat.

Ein lockerer Haufen dort im Rathaus

Ein Stockwerk unter Zumach sitzt Uwe Schmitz, als Kandidat von SPD, FDP und SSW lange Zeit der einzige Bürgermeisterkandidat. „Wir sind eigentlich ein ganz lockerer Haufen“, sagt er. Über seinem Schreibtisch hängt das Bild eines grimmigen Beamten mit Aktenordner unter dem Arm. Schmitz trägt, ganz locker, Jeans und einen kleinen Stecker im linken Ohr.

„Affengeil“, sagt er, finde er die Anzeige des Wirtschaftskreises. Weil es ja dazu einen Text gab, in dem stand, wie schön Husum sei. Was das Stadtmarketing angeht, echt clever. Was allerdings die Bürgermeisterwahl angehe, tja, „da ist die Beteiligung der Wirtschaft nun mal nicht vorgesehen“.

Einmal hat sie es noch versucht, die Wirtschaft. Über die CDU. Die Parteifraktionen durften nämlich – das erlaubt der Datenschutz – in die zwei Bewerbungsordner blicken. Und genau das hat CDU-Fraktionschef Christian Czock gemacht. Viel zu verlieren hatte er nicht, denn die CDU hatte im Februar noch immer keinen eigenen Kandidaten. Die Partei quengelte deshalb schon länger, Cohrs und die anderen vom Wirtschaftskreis sowieso.

Der Zehn-Tage-Kandidat

Tatsächlich filterten die Christdemokraten fünf mögliche Kandidaten aus den Ordnern heraus, denen sie eine Reise nach Husum spendierten, um sich der CDU-Fraktion vorzustellen. „Neben Qualifikation haben wir vor allem auf die Ausstrahlung geachtet“, sagt Czock. Einen der Kandidaten fanden sie richtig gut. Peter Zeitler, Anwalt aus Aschaffenburg, der jetzt in Radebeul bei Dresden lebt und in der sächsischen Kleinstadt Coswig schon Bürgermeister war. Ein eloquenter Redner, der auch etwas von Wirtschaft versteht. Das richtige Parteibuch hat er auch. Was sollte da stören, dass er Husum kaum kannte? Der ist unser Mann, sagte die CDU und stellte ihn Ende März offiziell als ihren Kandidaten vor.

Zehn Tage später war Zeitler nicht mehr der Mann der CDU. Die offizielle Begründung: „unvorhergesehene persönliche Verpflichtungen“. Vielleicht ist es ja tatsächlich so. So sagt es jedenfalls Zeitler, und so sagt es die CDU.

Die plötzlich wieder ohne Kandidaten dastand. „Dumm gelaufen“, sagt Czock und zuckt mit den Schultern.

Die Christdemokraten haben kurz vor Toresschluss doch einen in der Fraktion gefunden, der auflaufen mag. Die Grünen haben ebenfalls einen Bewerber am Start, dazu kommen vier parteilose Kandidaten. Zwei davon, sagt Wahlleiter Zumach, hat die Anzeige des Wirtschaftskreises angelockt.

Platzhirsch Uwe Schmitz hat plötzlich sechs Gegner. Wenn die Husumer Bürger am 29. Mai wählen gehen, haben sie Vielfalt und Auswahl – genau wie es der Wirtschaftskreis gewollt hat. Sieben Bürgermeisterkandidaten. Ein Erfolg, oder? Durchaus, sagt Peter Cohrs. Und: Ist er zufrieden mit der Auswahl, die sie jetzt haben? Cohrs setzt an mit einem langen „j…..“. Zu einem Ja ringt er sich dann doch nicht durch.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2011.

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