Unternehmen „Die schönste Stadt Japans“

Der Tsunami hat Tausende Mitarbeiter getötet, Fabriken zerstört, Zugänge versperrt. Doch das Entscheidende konnte die Fukushima-Katastrophe den Unternehmern im Norden Japans nicht nehmen: ihren Mut und ihre Zuversicht. Eine Reportage.

Michihiro Kono fährt in die Heimat. Vorbei an Bergen aus Schutt und Trümmern, an leeren Flächen, die im Nirgendwo enden. Ab und zu erhebt sich eine Ruine, einsam, wie der letzte Stummel im Kiefer eines Greises. Das Rathaus im Stadtzentrum steht noch – ein verzerrter Häuserrest mit zerfetzten Fenster- und Türrahmen, das Dach eingedrückt.

Kono parkt und steigt aus. Feuchte Erde bleibt an seinen Schuhen kleben. „Hier war es“, sagt er knapp. Yagisawa, eine Sojasoßenfabrik, gegründet von seinen Ururahnen vor mehr als 200 Jahren. An diesem Fleck entstand 1868 ihr Firmengebäude, dessen Lehmmauern stolz den Jahrhunderten trotzten. Heute ist nicht einmal mehr das Fundament zu sehen. Nichts. Nur dunkler Sand, Gras, Unkraut und ein paar Brocken verklumpter Teer.

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Am Horizont steht eine verkrüppelte Kiefer, berühmt, weil sie der einzige überlebende Baum des Waldes ist, der sich einst hinter dem Strand ausdehnte – bis zum 11. März 2011, 14.46 Uhr, als die Erde tobte und kurz darauf ein Tsunami auf die Küste knallte. Die Wassermassen spülten Rikuzentakata einfach fort.

Kono blickt auf den halb toten Baum, den Schutt, die Leere und sagt: „Dies wird die schönste Stadt Japans sein, ein Ort, der die Menschen anzieht.“ Er strafft seine Schultern, probiert ein Lächeln. 80 Prozent aller Gebäude sind völlig zerstört. Kono sagt: „Wir fangen bei null an, das ist auch eine Chance, alles schöner zu bauen.“

Der Norden Japans ist längst wieder aus den internationalen Nachrichten verschwunden, verdrängt von neuen Katastrophen. Allenfalls über die Strahlengefahr aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima wird noch berichtet. Für die Bewohner ist die Krise jedoch lange nicht ausgestanden, sie kämpfen täglich mit den Folgen des Tsunamis. Eineinhalb Jahre danach sieht es an vielen Orten entlang der Küste aus, als wäre das Wasser erst gestern abgelaufen. In der Sporthalle von Rikuzentakata liegen zerfledderte Bücher, Schuhe, kaputte Spielsachen und ein zerbeultes Auto, mit den Rädern nach oben. Die Herausforderungen sind riesig. 22,6 Millionen Tonnen Steine, Beton und Metall müssen entsorgt werden – elfmal so viel Schutt wie nach dem 11. September 2001 am Ground Zero. Die Regierung in Tokio reibt sich in Machtkämpfen auf, statt zügig zu helfen. In den betroffenen Gebieten Iwate, Miyagi und Fukushima versuchen Beamte, die Krise in Formulare zu pressen.

Es sind vor allem Unternehmer wie Kono, die anpacken. Männer, die bei null anfangen und ihre Firmen neu aufbauen. Sie haben Kredite aufgenommen, um ihre Mitarbeiter zu halten und in Standorte zu investieren, die nichts mehr zu tun haben mit dem, was wir Stadt nennen.

Drei Wochen nach dem Tsunami rief Kono seine 35 Angestellten zusammen, am 1. April 2011. An diesem Tag beginnt traditionell das neue Geschäftsjahr in Japan, die Belegschaften versammeln sich dazu vor der Fabrik. Diesmal standen sie vor den Trümmern, aber sie waren da. Kono verkündete drei Dinge:

Wir werden nicht aufhören zu arbeiten. Keinen einzigen Tag. Wir werden niemanden entlassen. Wir werden helfen, die Gemeinde wieder aufzubauen. Im Spätsommer verkaufte Yagisawa wieder Sojasoße, von Fremdfirmen produziert und verschickt aus einem Metallcontainer, dem provisorischen Firmensitz. Von der Decke hängen lose Kabelenden. Die Sitzecke für Besucher ist mit zwei schlichten Metallregalen abgeteilt. Neben dem Sofa lehnt das alte Firmenschild aus Holz. Es wird mit umziehen, wenn Kono in diesen Wochen sein neues Büro in Rikuzentakata eröffnet. Er will ein Zeichen setzen in der Schuttwüste. Produzieren kann er hier nicht, ohne Wasseranschluss. Deshalb errichtet er die neue Fabrik etwas weiter im Inland in Ichinoseki, für 625 Mio. Yen (6,4 Mio. Euro). Mit seinen 38 Jahren hat er einen Haufen Schulden und viel vor. „Ich hatte Glück“, sagt er. „Und ich habe gelernt: Es gibt nur ein Leben. Also gebe ich mein Bestes!“

Jeder in Rikuzentakata hat geliebte Menschen verloren. Fast jeder Zehnte der einst 23.000 Einwohner ist tot. Vor den Ruinen und leeren Flächen, auf denen einmal Häuser standen, sind kleine Altare aufgebaut. Räucherstäbchen und Kerzen erinnern an die Verstorbenen. 15.844 Opfer sind bis heute für ganz Japan bestätigt worden. 3450 Menschen gelten weiter als vermisst.

Hundert Jahre Krisenerfahrung

Yasutada Onodera, ein rundlicher Typ mit Stoppelfrisur, könnte einem Werbespot entsprungen sein, so ansteckend fröhlich geht er auf seine Gäste zu. „Wir sind ganz unten, deswegen sind wir voller Hoffnung. Sonst haben wir ja nicht mehr viel“, sagt er und lacht. Ein breites, zahnweißes Lachen, das er nach seinem Auslandsstudium aus Amerika mitgebracht hat, wie seine Geschäftsidee: Coffeeshops. Den ersten eröffnete er 2005, als zusätzliches Standbein für das Unternehmen der Onoderas. Seit drei Generationen handeln sie mit Fischereiartikeln. „Ein Familienunternehmen ist wie ein Baum, wir brauchen verschiedene Äste“, sagt Onodera. Durch den Tsunami hat er gleich mehrere Äste verloren. Zwei von acht Cafés und die Kaffeerösterei in seiner Heimatstadt Kesenuma wurden zerstört. Sie lagen in der Nähe des Hafens – wie 80 Prozent aller Firmen der Stadt.

Heute hängt über dem Industriegebiet der Geruch von altem Fisch. Bagger und Lastwagen verlieren sich in der Mondlandschaft. Ein paar Helfer sortieren Müll: Sie reihen Feuerlöscher auf, stapeln Holz und Plastik auf separaten Haufen. Rund 20 Busse, zerquetscht wie überfahrene Matchbox-Autos, sind auf einer Fläche zusammengeschoben.

Das Anchor Fullsail Coffee ist umgezogen in einen Container an der Ausfallstraße. Drinnen sitzen Gäste vor Muffins, Filterkaffee und quietschsüßen Shakes mit Sahnehaube. Sie schauen auf den Schotterparkplatz statt wie früher aufs Meer. „Mindestens zehn Jahre wird es dauern, bis man die kaputten Städte wieder Städte nennen kann“, schätzt Onodera. „Vielleicht auch 15 oder 20.“ Der Bürgermeister hat ihn in ein Komitee berufen, sie sollten Pläne ausarbeiten für den Aufbau. „Irgendwann stellten wir aber fest, dass wir nur die unwichtigen Aufgaben bekamen und uns keiner richtig zuhörte. Nun ja, Politik!“, sagt er und lacht wieder strahlend weiß. „Es gibt immer Bürokraten, überall auf der Welt.“

Onodera kümmert sich nun wieder um das, was er beeinflussen kann: „Wir müssen Jobs schaffen – die Menschen brauchen doch eine Perspektive.“ Er springt auf und quetscht sich hinter den Tresen zu seinen „Ladys“, wie er sie nennt. „Sie verdienen hier vielleicht keine Reichtümer, aber sie kommen mal raus.“ Onoderas Energie füllt den Raum. In einem Nebensatz erwähnt er, dass auch sein Zuhause zerstört wurde. Er lebt mit seinem Vater bei einem Onkel. Fast alles, was er besaß, ist vernichtet. Wie kann er da lachen? Onodera antwortet mit einer Geschichte. „Mein Opa wurde in eine Familie reicher Bauunternehmer hineingeboren. Dann kam ein Taifun, zerstörte die Firma, tötete seine Eltern. Er musste als Junge für fremde Leute arbeiten und sein Unternehmen allein aufbauen. Worüber soll ich jammern?“

Die Unternehmen haben zwei Stärken, die ihnen nun helfen. Die Familien, die hinter ihnen stehen – und deren Erfahrung. Ähnlich wie in Deutschland wird die japanische Wirtschaft von Mittelständlern geprägt. Familien kontrollieren 98 Prozent aller Firmen. Oft seit Jahrhunderten. Das spiegelt sich auch im Norden. „1000 Unternehmen, die beschädigt oder zerstört wurden, waren über 100 Jahre alt“, sagt Toshio Goto, der an der Japan University of Economics Familienunternehmen erforscht. „Rund 500 Firmen waren sogar älter als 200 Jahre.“ Sie wurden in ihrer Geschichte immer wieder durch Beben erschüttert – und neu aufgebaut. Sie trotzten Bränden und Taifunen. „Familienunternehmen haben gelernt, mit Katastrophen umzugehen“, sagt Goto. Ihr Krisenwissen wird von Generation zu Generation vererbt. Wie bei Ishiwata, einem Betrieb, der Haifischflossen verarbeitet.

Als die Tsunamiwarnungen immer dringlicher über Lautsprecher in der ganzen Stadt schallten, wussten die 25 Mitarbeiter und alle Familienangehörigen sofort, wohin. Zum Golfplatz. Er liegt auf einem Hügel über Kesenuma. Von oben konnten sie sehen, wie der Tsunami auf die Küste donnerte, Schiffe ins Landesinnere trug und ihre Fabrik niederwalzte.

Arbeiten auf dem Golfplatz

Auf dem Hügel waren sie sicher – hier sollte auch ihre Zukunft beginnen. „Mein Großvater hat das Gelände nach dem großen Beben von 1960 gekauft“, erzählt Hisashi Ishiwata, 31. „Er sagte damals, irgendwann wird ein großer Tsunami kommen. Wir brauchen einen Ort, der sicher ist.“ Das Grundstück lag zunächst brach, dann überlegte der Alte, es seinem Hobby zu widmen. Er ließ Rasen säen, Löcher graben und eröffnete einen Golfplatz.

Im Klubhaus stapeln sich nun Pakete mit zerstückelten Haifischflossen – getrocknet oder in Flüssigkeit eingelegt – neben Golfschlägern. Zwischen dem Tresen, an dem sich die Spieler anmelden, einer mächtigen Sitzgruppe aus Holz und den übervollen Regalen bleibt kaum Platz. Ishiwata schiebt einen Karton Haifischflossensuppe aus dem Weg und tritt hinaus auf den Golfplatz. Zwischen kurzen Grasstoppeln schaut überall Sand durch. Für sattes Grün fehlt derzeit das Geld. Das verbaut der Unternehmer auf der anderen Hälfte des Golfplatzes, den er geteilt hat. Die neue Fabrik ist schon fertig, ein weißer Kasten, lediglich die Maschinen fehlen noch. 600 Mio. Yen (6,2 Mio. Euro) haben sein Vater, sein Bruder und er investiert. Drei Viertel des Betrags übernimmt der Staat, wie bei allen Unternehmen, die ihre Standorte wieder aufbauen. 150 Mio. Yen muss die Familie aufbringen. Eine Stiftung hat ihnen ein zinsloses Darlehen gewährt. 50 Mio. Yen lieh ihnen eine Bank. „Klar, das ist ein ziemliches Gewicht auf meinen Schultern“, sagt Ishiwata. „Aber ich bin jung. Ich habe noch viel Zeit, um die Schulden zurückzuzahlen.“

Land der Firmengreise
In keinem anderen Teil der Erde gibt es so viele uralte Unternehmen wie in Japan. In Krisen verlassen sich die Firmen auf ihre Traditionen
1300 Jahre Geschichte
In Japan arbeiten die ältesten Unternehmen der Welt. Viele starteten vor Jahrhunderten als Lieferanten des Kaisers oder eines Tempels. Die abgeschottete Insellage des Landes und der starke Binnenmarkt schützten ihre Märkte. So tranken Japaner lange kein Bier, sondern Sake, fuhren nicht ins Ausland, sondern in Kurhotels wie das Hoshi Ryokan in Komatsu, das seit 1300 Jahren besteht. Heute stehen die traditionellen Firmen zunehmend unter Druck. Vererbt werden sie meist an ausschließlich ein Kind, um eine Zersplitterung der Anteile zu vermeiden. In der Regel kommt der erste Sohn zum Zuge.
Krisenfest
Wie früher in Deutschland haben Familienunternehmen in Japan ein negatives Image. Sie gelten als verstaubt. Forscher beschäftigen sich erst seit zehn Jahren mit ihnen. Erste Studien zeigen: Alte Familienunternehmen sind überdurchschnittlich krisenfest. Wegen ihrer Erfahrung können sie besser mit Katastrophen umgehen. Zudem sind sie ihrer Gemeinde stärker verbunden als Konzerne – und bauen daher einen zerstörten Standort eher wieder auf. In Fukushima, Iwate und Miyagi gibt es rund 5000 Betriebe, die über 100 Jahre alt sind. 800 wurden vom Tsunami getroffen.

Es sind vor allem junge Unternehmer, die den Wiederaufbau prägen. Sie engagieren sich in Verbänden, diskutieren mit Lokalpolitikern, lenken den Neubau ihrer Firmen. Eigentlich gilt in Japan das Senioritätsprinzip, viele Unternehmer bleiben bis zu ihrem Tod im Amt. In der Krise gelten jedoch andere Regeln. „Eine solche Situation erfordert die Kraft und die Energie junger Führungskräfte, viele Firmen haben nach dem Tsunami die Nachfolge vollzogen“, sagt Wissenschaftler Goto.

Auch bei der Sojasoßenfabrik Yagisawa in Rikuzentakata trat der frühere Chef ab: Kocuyoshi Kono, ein Macher, in der ganzen Stadt bewundert für seine Kraft. Der 67-Jährige konnte es kaum ertragen, die Trümmer seiner Fabrik zu sehen. Die Arbeit seiner Ahnen, seines eigenen Lebens – zusammengestürzt.

Kono sitzt im Container, der nun sein Unternehmen ist. Wut, Trauer, Angst und Freude haben tiefe Linien in sein Gesicht gezeichnet. Er legt einen Stapel Farbfotos auf den Tisch. Die alte Fabrik von vorn. Eine Luftaufnahme mit dem Firmengelände hinter dem dichten Kiefernwald. Der Schutthaufen nach der Tsunamiwelle. Die einsame, übrig gebliebene Kiefer. Immer wieder blättert er vor und zurück. Vorher. Nachher. Sechs Minuten liegen zwischen den Aufnahmen. In dem Alten ist etwas zerbrochen in diesen Minuten. Seine Haltung ist stolz, aber seine Augen sind müde. Seine Gedanken drehen sich um die Welle. „Ich habe meine Visionen verloren.“ Er konnte nur noch Zerstörung sehen. Sein Sohn bestimmte: Es wird, es muss weitergehen. Die Konos gaben immer Arbeit, sie wurden Lokalpolitiker, engagierten sich für den Umweltschutz. „Unsere Familie steht seit über 200 Jahren an der Spitze dieser Gemeinde“, sagte Michihiro Kono zu seinem Vater. „Wenn wir aufgeben, geben alle auf!“

In diesem Moment, fast ohne dass sie es bemerkten, übergab die achte an die neunte Generation. Michihiro Kono, der junge Chef, plant, neben den herkömmlichen Produkten auch Bioethanol herzustellen. Der Rohstoff für Biosprit wird fermentiert, genau wie Sojasoße und Misopaste. Er will die Fabrik nicht nur gesund, sondern größer als je zuvor übergeben. Das ist sein Ziel. Seine Tochter, von der viele sagen, sie sei ganz der Vater, forderte nach dem Beben: „Du musst dich anstrengen. Ich will doch später Präsidentin werden.“ Zehn Jahre ist sie alt. „Und so frech!“, sagt Michihiro Kono. „Sie hat ihren beiden Brüdern gesagt, gegen mich habt ihr keine Chance.“ Dabei erben in Japan eigentlich die Söhne.

Kono steht in der Schuttwüste, wo einmal sein Unternehmen war. Er erzählt von seinen Kindern, und zum ersten Mal an diesem Tag lacht er aus vollem Herzen. Ihre Hoffnung ist sein Antrieb. „Sie werden in der Stadt leben, für die ich heute kämpfe.“

Selten wurden die Unternehmer so gebraucht. Umgerechnet 100 Mrd. Euro sollen in den nächsten Jahren an die vom Tsunami betroffenen Regionen fließen. Doch das Parlament benötigte allein elf Monate, um eine Stelle zu schaffen, die für den Aufbau zuständig ist. Der Atom- unfall in Fukushima und der Umgang mit den Strahlenrisiken haben die Japaner verunsichert, das Misstrauen gegenüber der Politik wächst. Viele Bewohner im Norden fürchten, vergessen zu werden. Reis, Gurken und Pfirsiche werden hier angebaut, Fische gefangen und verarbeitet. Für Konzerne sind die Orte an der zerklüfteten Küste zu weit abgelegen.

200 Briefe und eine Fabrik

„Die Regierung und die Gemeinde handeln zu langsam“, schimpft Yasuhiko Konno – außergewöhnlich deutlich für einen Japaner. „Die Stadtverwaltung spricht über Rikuzentakata in der fernen Zukunft, aber was heute getan werden muss, ist wichtiger.“ Der 57-Jährige führt die Sake-Brauerei Suisen. 21.000 Quadratmeter Firmengelände wurden von der Welle planiert. Trotzdem: Auch Suisen arbeitet längst wieder, in einer kleinen Fabrik, eine gute halbe Stunde Fahrt entfernt von der Küste.

Konno schlüpft an der Tür in Pantoffeln und geht leise über hellgrünen Linoleumboden. Vorbei an Wänden, deren Farbe wie ausgewaschen wirkt. Die Möbel tragen die Spuren vieler Jahre. Anfangs mussten die Arbeiter jede Flasche von Hand abfüllen, weil die Maschine dafür nicht funktionierte. Sie kühlten den Sake mit Eisbeuteln wie ihre Großväter. „Aber wir waren dankbar“, sagt Konno. Ein Konkurrent hat ihm diese stillgelegte Produktionsstätte zur Verfügung gestellt, bis die neue Suisen-Fabrik für rund 900.000 Euro fertig ist.

Die Unternehmer sind zusammengerückt. Jeder wird gebraucht. In den Tagen nach dem Beben kämpfte sich Konno durch die Ruinen, suchte seine Mitarbeiter. Sieben von 60 waren tot. Die Überlebenden begannen aufzuräumen, mit ihren bloßen Händen. Ihre Fabrik wurde durch das Wasser zu einem 20 Meter hohen Turm zusammengedrückt.

Oben ragte ein Stock heraus, an ihm hing ein Holzfass mit Sake, völlig intakt. Sie trugen es ins Flüchtlingslager wie einen Schatz. „Ich war ruhig in diesen Tagen. Ich weinte nicht“, erinnert sich Konno. „Ich habe mich damals durch Sachlichkeit geschützt. Ich habe gelächelt. Sonst wäre ich verrückt geworden.“

Fast 200 Briefe hat er aus ganz Japan erhalten, nachdem er als einer der Ersten verkündet hatte, dass er den Neuanfang versuchen wolle. Ein Wirt, der seit 1960 Suisen-Sake ausschenkt, spendete 50.000 Yen. Eine Künstlerin schickte ihm 1000 Lesezeichen, von Hand ausgeschnitten, beschrieben und mit getrockneten Blumen beklebt.

Konno holt die Lesezeichen vorsichtig aus einer Kiste und liest die schwungvollen japanischen Buchstaben auf ihnen vor: „Traum. Hoffnung. Mut. Glück. Gib niemals auf!“ Seine Stimme klingt belegt, aber fest. 500 Lesezeichen hat er bis heute weiterverschenkt. An seinen Freund, der ohne seine Frau und Kinder so einsam ist, an die Verlorenen in den Flüchtlingslagern. 500-mal Träume, Mut, Hoffnung, Glück.

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