Unternehmen Die Wasserratte

Der Arabische Frühling bringt eine neue Unternehmergeneration hervor: Die Libanesin Hind Hobeika, 23, entwickelt eine Schwimmbrille zur Messung der Herzschlagfrequenz - und erhofft sich Hilfe aus Berlin.

Ich habe das Schwimmen immer geliebt, ob als Kind, in der Schule oder an der Uni. An etlichen Wettkämpfen habe ich teilgenommen. „Ihr müsst jetzt diese 200 Meter mit der Hälfte der maximalen Herzschlagfrequenz schwimmen“, rief uns der Trainer einmal zu. So zählten wir manuell unsere Herzschläge. Wie dumm! Wenn man aufhört zu schwimmen, sinkt die Herzschlagfrequenz; und wenn man professionell Sport treibt, umso schneller. Die Aussagekraft ist gering. Die Schwimmbrille, die ich gerade entwickle, wird anders sein. Sie liest die Herzschlagfrequenz an der Schläfenarterie ab und gibt ein Feedback in Echtzeit. Anfangs war ich unsicher, ob das funktionieren würde. Ich tauschte mich mit Ärzten aus: Wie tief liegt die Arterie? Wie stark ist ihr Durchmesser? Wie unterscheiden sich Arterien voneinander? Diese Informationen brauchte ich, um einen Schaltkreis für die Brille konstruieren zu können.

Ich bin ein sehr aktiver Mensch – und ein großer Fan davon, alles zu messen. Ich besitze zum Beispiel eine Waage, die mein Gewicht per W-Lan an mein Handy sendet. Mein Fitbit habe ich gerade nicht dabei, weil mein Freund es stibitzt hat; sonst trage ich es jeden Tag. Das ist ein Clip am Gürtel, der die Anzahl der Schritte, Kalorien und Kilometer anzeigt. Und wie viele Treppenstufen man hinaufgestiegen ist. Das Schöne ist, dass es ein wöchentliches Ziel setzt. Ich liebe es. Man kann das Gerät sogar im Schlaf tragen, ein Armband zeigt an, wie lange man leicht oder tief geschlafen hat. Wenn ich heute 5000 Schritte gegangen bin, möchte ich morgen mehr gehen. Das ist eine Herausforderung für mich.

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In meinen Augen ist es etwas sehr Positives, sämtliche Parameter zu kennen, die den eigenen Körper betreffen. Dazu gibt es Uhren, Gurte, Finger- und Ohrclips. Für Läufer oder Radfahrer sind diese gut geeignet, nicht aber für Schwimmer. Deshalb arbeite ich an einem System, bei dem alles in der Brille integriert ist.

Skeptische Elterngeneration

Am meinem eigenen Projekt arbeite ich seit 2009. Den ersten Prototyp habe ich beim Wettbewerb „Stars of Science“ der Qatar Foundation gebaut. Von 7000 Bewerbern aus der arabischen Welt wurden 16 ausgewählt, darunter drei Frauen. Wir wurden nach Doha in ein Forschungslabor eingeladen. Dort baute ich den ersten Prototyp samt Gehäusedesign und schrieb einen Businessplan. Es war eine schwierige Situation, weil alles gefilmt wurde und einige Männer nur widerwillig vor der Kamera mit mir zusammenarbeiten wollten. Das ist nicht üblich in der Golfregion. In diesem Kulturkreis arbeiten die Frauen in der Regel nicht. Ich stand unter enormem Druck, bin oft zusammengebrochen, habe aber weiter hart gearbeitet. Am Ende gewannen drei Männer – und ich. Ich erhielt 100.000 Dollar.

Mit dieser Summe und Geld eines libanesischen Wagniskapitalgebers finanziere ich jetzt meine ersten Mitarbeiter: einen Ingenieur, einen Konstrukteur und jemanden, der sich um Finanzen und die Buchhaltung kümmert. Bald werde ich auch jemanden fürs Marketing einstellen; ein Patentanwalt kümmert sich in Teilzeit um das Patent in den USA. Das Geld reicht für die Designphase, in vielleicht sechs Monaten kann ich mit der Fertigung beginnen. Dann steht eine zweite, größere Finanzierungsrunde an. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt zum Unternehmertum gegangen bin – und meine Festanstellung aufgegeben habe.

Ein Jahr lang arbeitete ich für ein gutes Gehalt in einer Firma, aber mir war langweilig. Ich fühlte mich unterfordert. Stets hatte ich das Gefühl, nicht eine einzige Gehirnzelle bemüht zu haben. Meine Kreativität und Fantasie konnte ich nicht einsetzen. Es fühlte sich einfach völlig falsch an. Die meisten meiner Freunde drängten mich damals richtiggehend, den Sprung zu wagen. Das Problem ist nicht die jüngere Generation, sondern die Generation meiner Eltern. Als mich zum Beispiel die Mutter meiner Freundin fragte, was ich jetzt mache, und ich ihr erzählte, dass ich eine eigene Firma habe, schaute sie mich komisch an. Für alle arabischen Eltern, die keine Unternehmer sind, ist es schwer zu akzeptieren, dass ihr Kind etwas verrückt ist und etwas Neues wagen will.

Das gilt auch für meine eigenen Eltern. Mein Vater ist Professor, er bevorzugt Sicherheit im Leben und würde niemals kündigen, wenn er noch keinen anderen Job hat. Meine Mutter ist eine starke, gebildete Frau, sie liest viel, geht viel aus, hat viele Bekannte und organisiert kulturelle Veranstaltungen in der Schule. Beide waren irritiert angesichts meiner Pläne. Aber ich habe dafür gekämpft. Jetzt sind sie glücklich und helfen mir, wo sie nur können. Auch meine jüngere Schwester unterstützt mich.

Offiziell registriert wurde mein Unternehmen Butterfleye im September 2011 im Libanon, der Prototyp war aber schon im Juni 2010 fertig. Der Name bezieht sich auf den Schmetterlingsstil, der sehr anspruchsvoll ist, den ich aber gerade deshalb sehr mag. „Eye“ am Ende steht für das Auge, die neue Schwimmbrille misst ja dort die Herzschlagfrequenz – es ist also ein Wortspiel. Wenn das Produkt auf den Markt kommt, werde ich aber wahrscheinlich einen einfacheren Namen wählen.

Die Gruppe an Unternehmern im Nahen Osten ist noch sehr klein, aber sie wächst allmählich. Heutzutage gibt es dort wahrscheinlich mehr Wagniskapitalgeber als Unternehmer; die Golfregion ist ja sehr reich. Und die Investoren können es sich leisten, etwas länger auf eine Rendite zu warten. Sie sind entspannter als beispielsweise amerikanische Kapitalgeber. Sie haben die Chance ergriffen, die sich plötzlich durch den Arabischen Frühling ergab, und fördern die jungen Menschen, die gekämpft haben, jetzt dabei, Unternehmen zu gründen.

Im Libanon ist im Grunde jeden Tag Arabischer Frühling, jeden zweiten Tag geht irgendwo eine Bombe hoch, oder es herrscht Krieg mit Israel. Ein libanesischer Comedian hat mal gesagt, wenn der Libanon heute das stabilste Land im Nahen Osten ist, dann hat die Welt ein sehr ernstes Problem. Jeder hat sich daran gewöhnt. Im Vergleich zu den anderen arabischen Ländern ist der Libanon aber immer noch sehr demokratisch. Wir haben nicht solch extreme Situationen, wie sie in Ägypten oder Tunesien entstanden sind. Die Regierung ist liberaler, man hat mehr Spielraum, etwas zu verändern. Bei uns ist es nicht nötig, dass die Leute auf die Straße gehen. Wir brauchen nur zwei Abgeordnete, die sagen, ich will das nicht, und es gibt einen Regierungswechsel. In den vergangenen fünf Jahren hat die Opposition im Libanon die Regierung ungefähr dreimal verdrängt.

Das Risiko für Unternehmer ist natürlich groß. Von einem auf den anderen Tag kann es, wie 2006, Krieg mit Israel geben. Dennoch verlasse ich das Land nicht. Zum einen ist es im Libanon einfacher, an Geld zu kommen; da ich zur ersten Generation der Unternehmer gehöre, die nach dem Arabischen Frühling angefangen haben, helfen die Menschen voller Hingabe. Zum anderen lebe ich noch bei meinen Eltern, das ist einfacher und erschwinglicher. Ich bin jetzt 23 Jahre alt. In der arabischen Kultur zieht man ohnehin erst mit der Hochzeit bei den Eltern aus. Würde ich in London leben, müsste ich für Miete, Gehalt, Essen und Transport bezahlen. Jetzt habe ich ein Auto und ein Haus. Und mein Freund ist stolz auf mich. Er freut sich über alles, was ich erlebe. Wir reden bei jeder Gelegenheit über das Projekt. Für einen arabischen Mann ist das eher unnormal, aber mit einem typischen Araber würde ich es ohnehin nicht aushalten.

Verhandlungen in Berlin

Verkaufen will ich das Produkt zunächst in den USA – und dann wahrscheinlich auch dorthin ziehen. Ich habe mit einer Menge Leuten Kontakt aufgenommen, die mögliche Vertriebskanäle bieten, auch mit Sportartikelunternehmen. Es soll auch einen Onlinevertriebskanal geben. Die Reaktionen der Firmen sind bislang sehr gut, ich schreibe ihnen zunächst jeweils eine E-Mail, in der ich mich und mein Unternehmen vorstelle. „Ich bin eine junge Unternehmerin aus dem Libanon“, so fange ich stets an, schließlich kann keiner zu einem Unternehmer Nein sagen. Außerdem bin ich 23, dann denken sie: Oh, die ist noch so jung. Diese Karte ziehe ich oft. Wenn sie dann mit mir reden, merken sie, dass ich das Produkt von vorn bis hinten kenne und alles bis ins Detail analysiert habe. Was auch hilft, ist die Tatsache, dass ich Ingenieurin bin und so die technischen Aspekte beherrsche. Zahlen habe ich ja schon immer geliebt, schon in der Schule war Physik mein Lieblingsfach.

Gerade bin ich dabei, Kontakte zu Unternehmen aufzubauen, die für die Fertigung infrage kommen, in Südafrika, in China – und auch in Deutschland. Ich besuche demnächst ein Elektronikunternehmen in einem Vorort von Berlin. Ich liebe diese Stadt. Deutsche Ingenieure sind direkt, verlässlich und technisch sehr versiert. Das ist etwas, was man bei libanesischen Ingenieuren nicht so findet. Außerdem fällt es mir leichter, mit Deutschen zusammenzuarbeiten als mit Asiaten. Vor allem wegen der Sprache. Anfangen will ich erst einmal mit 1000 Stück, Ziel ist allerdings, ein Massenprodukt zu schaffen.

Künftig könnten auch andere Daten erhoben werden: die Anzahl der Züge, Kalorien, die Zeit, die Geschwindigkeit, der Winkel des Kopfes, die Stärke der Arme, die Reibung, der Wasserwiderstand, die Anzahl der Rollwenden – es gibt so viel, was gemessen werden kann. Das macht großen Spaß. Ich fange gerade an, an den technischen
Details für die nächsten Produkte zu arbeiten.

Aufgezeichnet von: Nikolaus Förster

Chefin sein
Ein Jahr lang war sie angestellt, dann kündigte Hind Hobeika und gründete eine eigene Firma. Zum diesjährigen St. Gallen Symposium wurde sie als „Leader of Tomorrow“ eingeladen.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 06/2012
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