Unternehmen „Die Zeit der Patriarchen ist vorbei“

Im Sommer hatte impulse zusammen mit der Zeppelin University und der Stiftung Familienunternehmen hunderte Unternehmerkinder nach ihren Werten befragt. Wie werden sie künftig die Wirtschaft prägen? Und was unterscheidet sie von ihren Eltern? Jetzt kamen die zwei Generationen in Hamburg zusammen.

„Die Zeit der Patriarchen ist vorbei“, sagte Jan-Hendrik Goldbeck, 34, in der Hamburger Niederlassung von Sal. Oppenheim. Gemeinsam mit impulse hatte die Bank zu dem Abend eingeladen. Goldbeck gehört zu jenen Unternehmerkindern, die bereits Verantwortung übernommen haben. Als einer von drei Söhnen ist er in der Geschäftsleitung des Bielefelder Bauunternehmens Goldbeck. Sein Vater, der das Unternehmen gegründet hat, ist vor drei Jahren in den Beirat gewechselt.

Heute werde sehr viel mehr in Teams und Netzwerken gearbeitet, das Wissen und die Entscheidungsgewalt konzentriere sich nicht mehr ausschließlich auf den Chef, führte der junge Goldbeck weiter aus. Während die Patriarchen oft nur für die Firma gelebt hätten, böten sich für die neue Generation viele mehr Optionen. „Und die wollen wir auch nutzen.“ Auch das Männer- und Frauenbild habe sich verändert. „Ich will nicht nur ein guter Unternehmer sein, sondern auch ein guter Vater und meine Kinder sehen.“ Dieser Wunsch, Privat- und Berufsleben miteinander zu vereinen, sei früher nicht so ausgeprägt gewesen.

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Zugleich zeigt sich in der nachfolgenden Generation eine größere Offenheit, Know-how von außen zu nutzen. Ein Großteil der Befragten, so das Ergebnis der Studie, hat zum Beispiel kein Problem damit, Fremdgeschäftsführern die operative Leitung zu überlassen, bei den Goldbecks teilen sich Familienmitglieder und Externe die Geschäftsführung. „Das ist auch ein Zeichen für eine Professionalisierung“, sagte Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, der seit Jahren mit den großen Familienunternehmen zusammenarbeitet.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal der neuen Generation, so ein Ergebnis der Studie, ist der hohe Bildungsgrad. Die Eltern investieren viel Geld in die Ausbildung ihrer Kinder, zwei Drittel haben Wirtschaftfächer studiert, fast alle Auslandserfahrung. „Die neue Unternehmergeneration ist eine Elite“, sagte Sal. Oppenheim-Vorstand Gregor Broschinski, der für das Bankhaus die private Vermögensverwaltung verantwortet. „Ihnen ist schon früh klar, dass sie eine Verantwortung haben.“

Kritik übte Jessica Kulitz, 25, am mangelnden Engagement ihrer Generation in der Politik. Die Studie hatte ergeben, dass nur ein Bruchteil der Nachfolger sich parteipolitisch engagiert. „Wir erben nicht nur ein Vermögen, sondern auch die politischen Rahmenbedingungen“, sagte sie. Demokratie und soziale Marktwirtschaft seien die Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg. Kulitz hat noch vier Geschwister, ihr Vater führt das Unternehmen Esta, das Absaugtechnik produziert, und ist Präsident der IHK Ulm. Jessica Kulitz engagiert sich seit Jahren in der CDU und ist Stadträtin in Ulm. Beim Thema Stuttgart 21 etwa sei es höchste Zeit, dass sich mehr Unternehmer zu Wort meldeten. „Wo kommen wir denn hin, wenn die Verlässlichkeit von Politik in Frage gestellt wird.“

Reinhard Prügl, Professor an der Zeppelin University und wissenschaftlicher Leiter der Studie, sieht keinen grundsätzlichen Mangel an gesellschaftlichem Engagement. „Sehr viele engagieren sich sogar, aber die wenigsten gehen heute noch in politische Parteien.“ Eine hohe Priorität hätten soziale Projekte. Aber es gebe viele Möglichkeiten: Das Unternehmen Goldbeck beispielsweise hat gerade an der Uni Darmstadt einen Lehrstuhl für Nachhaltiges Bauen gestiftet. „Auch das ist ein politisches Engagement“, sagte Jan-Hendrik Goldbeck.

Die Zurückhaltung in den Parteien spiegele sich in einer generellen Skepsis der Familienunternehmen gegenüber der Öffentlichkeit, sagte Julia-Carolin Schmid, 24, die zur Zeit in Witten-Herdecke studiert und gerade in Baden-Württemberg in den Vorstand des Verbands BJU – Die Jungen Unternehmer gewählt wurde. Ihre Eltern sind unter anderem Gesellschafter der börsennotierten R. Stahl AG, einem internationalen Spezialisten für Explosionsschutz. Die meisten Familienunternehmen hätten bis heute nicht begriffen, dass es wichtig sei, eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu machen. „Manchmal macht das, wenn überhaupt, nebenbei eine Assistentin aus dem Marketing.“ Die Familienunternehmen, die einen Großteil der Wirtschaft ausmachten, kämen in der Öffentlichkeit kaum vor, das müsse sich ändern, sagte Julia-Carolin Schmid. „Es fehlt eine Stimme der Generation.“

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