Unternehmen Druck auf den Immobilienunternehmer steigt

Schlechte Bilanz der Fundus-Fonds, Pleite in Heiligendamm, Probleme mit dem Hotel Adlon: die Lage der Jagdfeld-Gruppe spitzt sich zu. Aufstieg und Fall des Unternehmers.

Wer heute urteilt, darf das nicht vergessen.“ Mit diesem Appell beendet Anno August Jagdfeld sein emotionales Editorial in der aktuellen Ausgabe der Zeitung „Zukunft Heiligendamm“. Unter dem Text ein Foto. Jagdfeld schaut jovial in die Kamera. Feiner Zwirn, akkurat geknotete Krawatte, die Arme vor der Brust verschränkt. So möchte er gesehen werden, als Macher mit Manieren.

Zuvor hat er auf vielen Zeilen seine Botschaft verbreitet. Davon erzählt, was er und seine Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm (ECH) Gutes geleistet haben. Das soll in Erinnerung bleiben. Die „Zeitung für Deutschlands ältestes Seebad“, wie der Untertitel der Postille lautet, ist sein Sprachrohr. In ihr kann er sich ein Denkmal setzen. Herausgeber ist seine ECH, Chefredakteur sein Unternehmenssprecher. Kostenlos wird das Blatt an alle Haushalte in der Stadt Bad Doberan, zu der auch Heiligendamm gehört, verteilt. Das Blatt bietet das Alternativprogramm zu den Schlagzeilen, die der 65-jährige Jagdfeld seit Wochen lesen muss: „Anleger misstrauen dem Finanzjongleur“, „Schieflage in Jagdfelds Immobilien-Imperium“, „Der charmante Pleitier von Heiligendamm“ oder „Bröckelnde Pracht“. Die Geschichten handeln von Insolvenzen, drohenden Zwangsversteigerungen und möglichen Millionenverlusten. Jagdfelds persönlichen Verlusten.

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Dabei war der ehemalige Klosterinternatsschüler aus dem Rheinland ein ganz Großer, hofiert von Politik und Gesellschaft. Der einst gefeierte Immobilienmogul ist Imperator eines kaum überschaubaren Konglomerats aus rund 100 Gesellschaften. Laut Eigenaussage hat Jagdfelds Fundus-Gruppe seit 1975 mit 5 Mrd. Euro mehr als 800 Projekte realisiert: Welche, ist lediglich bei den 45 geschlossenen Immobilienfonds klar, die Fundus seit den 1980er-Jahren aufgelegt hat. Gut 2 Mrd. Euro pumpten mehr als 50.000 Privatanleger und kreditgebende Banken in die Steuersparmodelle und finanzierten so unter anderem Jagdfelds prestigeträchtigste Bauten: das Nobelhotel Adlon am Pariser Platz in Berlin und das Grand Hotel Heiligendamm an der Ostsee, vor dem sich 2007 die Mächtigen der Welt beim G8-Gipfel im Strandkorb versammelten.

Letzteres ist inzwischen pleite und steht damit exemplarisch für die verfehlten Renditeziele vieler Fundus-Fonds. Ende 2002 – neuere Zahlen hat Fundus bis heute nicht veröffentlicht – lag der Ertrag bei mehr als der Hälfte der Investmentvehikel unter Plan. „Unterirdisch schlecht“ sei die Leistungsbilanz der Fundus-Fonds, sagt der Münchner Rechtsanwalt Peter Mattil, der mehrere Jagdfeld-Anleger vertreten hat. „Ich kenne keinen Fundus-Fonds, der die versprochenen Ausschüttungen gezahlt hat“, sagt Mattil. „Das ist falsch“, sagt Jagdfeld-Sprecher Christian Plöger. Fundus-Anleger hätten sehr wohl ihre Renditen erzielt.

Erwartungen enttäuscht hat Jagdfeld, der Liebhaber klassischer Literatur und britischer Nobelautomarken, aber offenbar nicht nur bei einigen Projekten, die er mit fremdem Geld umsetzte. Auch das Familienvermögen könnte nun, so scheint es, durch Jagdfelds überbordendes Geltungsbedürfnis, das sich hinter seiner zur Schau getragenen Noblesse verbirgt, Schaden nehmen. Mit dem Kulturkaufhaus Tacheles kam bereits 2008 ein prominentes Objekt aus dem Immobiliensammelsurium der Jagdfelds unter Zwangsverwaltung. Weit dramatischer dürfte jedoch die jüngste Entwicklung sein. Mit dem Quartier 206, einem Luxuseinkaufstempel in der Berliner Friedrichstraße, steht nun auch das Prunkstück aus dem Familieneigentum unter Zwangsverwaltung – und soll auf Betreiben der Kredit gebenden Bank zwangsversteigert werden.

Kritiker sehen Jagdfeld schon vor den Trümmern seines Lebenswerks. Der aber lässt abwiegeln. Geldprobleme habe die Familie Jagdfeld nicht. Auch beim Quartier 206 gäbe es keine finanzielle Schieflage. Es gäbe lediglich „rechtliche Meinungsverschiedenheiten“ mit der finanzierenden Bank. Das ist die Credit Suisse, London, die sowohl Zwangsverwaltung als auch Zwangsversteigerung beantragt hat.

„Eine Rufmordkampagne“

Im Grundbuch sind für die Credit Suisse Grundschulden in Höhe von knapp 145 Mio. Euro eingetragen. Die zugrunde liegenden Kredite hat die Bank mittlerweile an den Immobiliendienstleister Hatfield Philips weiterverkauft. Dass die Eigentümergesellschaft des Kaufhauses, die Friedrichstadt-Passagen Quartier 206 Vermögensverwaltung GmbH & Co. KG, ihren Schuldendienst nicht leistet, weist Jagdfelds Sprecher Christian Plöger deutlich zurück. Vom eingeleiteten Verfahren sei keinesfalls auf die Finanzkraft der Schuldnerin zu schließen. Vielmehr spricht Plöger von einer „Rufmordkampagne gegen Anno August Jagdfeld und die Jagdfeld-Gruppe“.

Schlecht zu sprechen auf den Immobilienmulti sind viele. Im Berliner Nobelhotel Adlon rebellierten die Anleger Ende vergangenen Jahres gegen Jagdfeld, als der Immobilienfonds zum wiederholten Male die Ausschüttung schuldig blieb. Der Grund: Auf dem Adlon-Gelände waren weitere Gebäude saniert worden. Im Gegenzug für die Investitionen stellte Fonds-initiator Jagdfeld zusätzliche Einnahmen in Aussicht. Die im Anbau entstandenen Räume wurden über eine Jagdfeld-Gesellschaft an Bars, Klubs und Restaurants verpachtet. Doch nicht alle konnten die Pacht zahlen. Für Ausschüttungen fehlte in der Folge das Geld. Anleger bemängeln die Nähe der Fundus-Gruppe zum Bauträger Bredero, ebenfalls ein Unternehmen der Jagdfeld-Gruppe. Bredero beauftragte wiederum das Designbüro von Jagdfelds Frau Anne Maria mit der Innenausstattung der Räume . Genau diese Gemengelage beschäftigt die Staatsanwaltschaft in Köln. Gegen Jagdfeld und weitere Mitarbeiter laufen vier Ermittlungsverfahren – wegen Untreue. Jagdfeld-Sprecher Plöger gibt sich unbeeindruckt: „Der Vorwurf ist unbegründet, was das Verfahren zeigen wird.“ Lediglich „ganz vereinzelte Anleger“ hätten Klage erhoben.

Beim Quartier 206 braucht Jagdfeld derartige Anfeindungen kaum zu befürchten. Der Art-déco-Tempel im Stil der 30er-Jahre ist fest in Familienhand. Erbaut nach der Wende von dem berühmten New Yorker Architektenbüro Pei, Cobb, Freed & Partners, ist das Kaufhaus Sinnbild von Jagdfelds Mission, Deutschland Luxus zu lehren. Schwarz-weißes Marmormosaik, offene Galeriegeschosse, eine gigantische Hollywoodtreppe und gläserne Rolltreppen prägen das Atrium. Im Café nippt man zu Pianoklängen in schwarzen Ledersesseln Cappuccino, flaniert vorbei an Schaufenstern der teuersten Modemarken – Louis Vuitton, Strenesse, Moschino, Gant. Das Herzstück des Quartiers bildet der gigantische Departmentstore von Jagdfelds Ehefrau Anne Maria. Er erstreckt sich über die gesamte erste Etage. Mode, Wohnaccessoires, Schmuck und Blumen – hier findet sich alles für den exklusiven Geschmack. Stars wie Madonna und Nicole Kidman sollen Kunden sein.

Doch all der Glamour täuscht nicht darüber hinweg, dass der Erfolg des Quartiers fraglich ist. Während in den benachbarten Galeries Lafayette Menschenmengen durch die Gänge strömen, herrscht im Quartier 206 fast schon gespenstische Ruhe. Mit der Exklusivität der Geschäfte wird das begründet, doch schon seit der Eröffnung Mitte der 90er-Jahre ist das Quartier ein Problemfall für Jagdfeld.

Die rund 16.000 Quadratmeter Fläche für Büros und Luxusläden sollen von Anfang an schwer vermietbar gewesen sein. Probleme bereitete zudem ein Großmieter. Die Meoclinic, ein Ärztehaus mit Privatklinik – 45 Betten, Intensivüberwachung und mehrere Operationssäle -, hatte allein 4500 Quadratmeter angemietet. 2003 ging die Meoclinic pleite. Kurzerhand übernahm Jagdfeld das Edelhospital mit internationaler Kundschaft. Heute ist sein Sohn Nikolaus dort Geschäftsführer.

Immer wieder erhielt die Klinik Darlehen von anderen Jagdfeld-Gesellschaften, meist sechsstellige Summen, ab und an auch Millionenbeträge. Besonders auffällig: Am 30. März 2006 bekam die Firma einen Kredit über 3 Mio. Euro von der Eigentümergesellschaft der Immobilie und Vermieterin der Meoclinic. Nur einen Tag später löste das Hospital Kredite im Volumen von 2,37 Mio. Euro ab, bei der Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm, ECH. Die Darlehen seien nicht gegeben worden, damit das Hospital seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen könne, heißt es. Vielmehr sei „mit dem gewährten Investitionskredit der Kaufpreis“ der Meoclinic bezahlt worden.

Fragen nach dem Firmengeflecht, in dem eine Gesellschaft der anderen Kredite gibt, die mitunter genutzt werden, um andere Fälligkeiten auszulösen, schmettert Jagdfeld-Sprecher Plöger ab: „Wer nicht hinreichende Kenntnisse besitzt, wofür ein Studium der Betriebswirtschaft mit Zusatzqualifikation als Wirtschaftsprüfer, mindestens Steuerberater, Grundvoraussetzung sind, kann sich die Sachverhalte nicht zuverlässig erschließen.“ Dann lässt er wissen, Investitionsmittel würden dort bereitgestellt, „wo sie benötigt werden“. Im Vergleich zu Bankkrediten sei dies „unternehmerisch wie wirtschaftlich deutlich günstiger“.

Fest steht, im selben Jahr, 2006, führte Jagdfeld Verhandlungen über die Neufinanzierung des Quartiers 206. Kredite bei der Depfa Bank wurden ersetzt durch die Darlehen bei der Credit Suisse, London. Querelen rund um die Immobilie wären da kaum von Vorteil gewesen.

Der aktuelle Ärger um das Quartier 206 wird auf Nachfrage heruntergespielt. Die Investments der Jagdfeld-Gruppe seien „sehr diversifiziert“. Risiken seien „auf eine Gesellschaft – mithin eine Immobilie – begrenzt“. Und: „Eine persönliche Haftung der Familie Jagdfeld besteht nicht.“ Das dürfte stimmen. In den vergangenen Jahren hat sich Jagdfeld senior nach und nach aus vielen Firmen zurückgezogen. Auch beim Quartier 206. Mit Eintrag vom 21. Februar 2007 im Handelsregister ist er als persönlich haftender Gesellschafter bei der Kommanditgesellschaft ausgeschieden.

Rätselhafte Schachzüge

Jagdfelds Söhne – Daniel, Nikolaus, Benedikt und Jonathan -, die gleichzeitig die Mehrheit der Gesellschaftsanteile übernahmen, haften lediglich mit ihrer Einlage, insgesamt weniger als 100.000 Euro. Zudem wurde die Firma in eine GmbH & Co. KG umgewandelt – eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. „Aus steuerlichen Gründen“, so die knappe Erklärung aus dem Hause Jagdfeld.

Doch auch ausgewiesene Experten haben Schwierigkeiten, die Schachzüge der Jagdfelds zu durchschauen: „Eine solche Konstellation ist vorstellbar, wenn bereits der Erbfall vorbereitet wird“, sagt ein Wirtschaftsprüfer, der anonym bleiben will. Für den laufenden Geschäftsbetrieb brächte die Änderung der Rechtsform wohl keine steuerlichen Vorteile.

Ob die Probleme beim Quartier 206 bereits 2007, als die Rochade begann, absehbar waren, ist umstritten. Fest steht: Ein großer Teil der Fläche des Quartiers ist an Unternehmen aus dem Jagdfeld-Imperium vermietet: an die Meoclinic und den Departmentstore von Gattin Anne Maria sowie die Firma Jagdfeld Design, die große Flächen im Quartier gemietet hat. Können die Jagdfeld-Firmen ihre Miete nicht zahlen, dürfte die Eigentümergesellschaft ihre Kredite kaum tilgen können. Ein Problem, das die Kredit gebende Bank erkannt haben wird.

Ist der Risikofall inzwischen eingetreten? Gegenüber impulse bestätigte das Büro des Zwangsverwalters HWW Wienberg Wilhelm, dass es „Auseinandersetzungen mit einigen Mietern gibt“. Konkret: dem Departmentstore, der Meoclinic und Jagdfeld Design. Jagdfeld lässt das bestreiten. „Die Unternehmen kamen und kommen ihren mietvertraglichen Verpflichtungen nach.“

Aber warum lässt Jagdfeld es auf eine Zwangsversteigerung ankommen, bei der er das gesamte Quartier verlieren könnte?

Da scheint es ins Bild zu passen, dass Anne Maria Jagdfeld im Mai beim Auktionshaus Christie’s neun Werke chinesischer Künstler unter den Hammer gebracht hat – für 2,9 Mio. Dollar. Die Frau von Anno August ist als Kunstsammlerin bekannt. Teile ihrer Sammlung schmücken den exklusiven China Club Berlin. Hatte Jagdfeld-Sprecher Plöger anfangs gegenüber Medien den Verkauf dementiert, räumt er jetzt ein, dass „lediglich einige wenige Exponate, etwa zwei Prozent der Sammlung“, versteigert worden seien. Werke, die „doppelt vorhanden“ gewesen seien. Handelt es sich also nicht um Unikate? Auf erneute Nachfrage räumt er ein, sich missverständlich ausgedrückt zu haben. „Es handelt sich nicht um Kopien, sondern um Originale, die aber aus einer Reihe eines Künstlers stammen, sich also schlicht sehr ähneln und damit entbehrlich geworden sind.“

Seit jeher hegen die Jagdfelds eine Leidenschaft fürs Schöne, Teure und Außergewöhnliche. So durfte im Portfolio des Ehepaars, das Anfang des Jahrtausends seinen Lebensmittelpunkt aus der rheinischen Heimat nach Berlin verlegt hatte, auch eine historische Villa nicht fehlen. Die Wahl fiel auf die 1910 erbaute Villa Siemens in Potsdam. Ob Jagdfeld das zwölf Hektar große Anwesen am Lehnitzsee aber noch lange sein Eigen nennt, ist fraglich. Wie die „Märkische Allgemeine“ kürzlich berichtete, stehe die Immobilie zum Verkauf. Laut Potsdamer Maklerkreisen stimme die Meldung. Jagdfeld lässt bestreiten, dass der als Heinenhof bekannte prunkvolle Bau verkauft werden soll. Die Villa sei eine hervorragende Kapitalanlage mit großer Wertsteigerung. Das wurde von Heiligendamm auch gesagt.

Clanwirtschaft Das System Jagdfeld
Alles aus einer Hand: Mit einem kaum überschaubaren Geflecht aus Unternehmen hat die Familie gut verdient
Dichtes Netzwerk Rund 100 Firmen umfasst nach eigenen Angaben die Jagdfeld-Gruppe. Neben zahlreichen Objektgesellschaften, die eine oder mehrere Immobilien halten, gehören diverse Firmen zu dem Konglomerat, die so ziemlich alle Geschäfte rund um geschlossene Immobilienfonds anbieten: von der Projektentwicklung über den Bau und die Einrichtung bis hin zur Verwaltung und Steuerberatung. Nicht alle Firmen gehören mehrheitlich den Jagdfelds.
Lukratives Modell Die von Jagdfelds Firma Fundus aufgelegten Immobilienfonds schlossen diverse Verträge ab – etwa mit Bauträgern, einer Fondsverwaltung und einer Steuerberatung. Als Initiator hatte Jagdfeld mitunter maßgeblichen Einfluss auf die Wahl der Partner, viele Aufträge gingen an Firmen aus seiner Gruppe. Ein lukratives Modell, das viele Fondsinitiatoren ähnlich betreiben.
Leise Kritik Den meisten Fondszeichnern dürften die Verflechtungen egal gewesen sein. Die Kosten der Aufträge konnten sie beim Finanzamt geltend machen. Für viele Anleger war die Steuerersparnis Hauptgrund für ein Investment. Entsprechend gering war vielfach das Interesse am laufenden Geschäft mit den Immobilien. Ein Großteil der Anteilshalter blieb den Gesellschafterversammlungen der Fonds fern – und erteilte der Firma Jagdfeld & Partner Stimmvollmacht. Die selten vorgetragene Kritik am Management konnte daher kaum zu Beschlüssen gegen die Jagdfeld-Gruppe führen.
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