Management Elektroräder mit Ladebox erobern den Firmen-Fuhrpark

Ein Lastenfahrrad des Projekts "Ich ersetze ein Auto"

Ein Lastenfahrrad des Projekts "Ich ersetze ein Auto"© Amac Garbe / DLR

Handwerker, Kurierdienste, Schornsteinfeger: Immer mehr Unternehmen nutzen Elektro-Lastenräder als Alternative zum Auto, vor allem für Kleintransporte innerhalb der Stadt. Auch Teilnehmer einer Pilotstudie zeigen sich euphorisch.

Drei Kisten Bier, zwei Kinder oder ein Kühlschrank: Lastenräder sind in den Szenebezirken deutscher Großstädte zum Hingucker geworden. Als Familienkutschen mit Öko-Chick bieten sie Alternativen zum Zweitwagen. Noch eher im Windschatten dieses Trends rollen neue Lastenräder durch das Wirtschaftsleben der Innenstädte: Dort haben die traditionellen gelben Posträder illustre Gesellschaft mit Elektroantrieb und großen Transportboxen bekommen – für längere Strecken, mehr Gewicht und auch mal einen Hügel. Kurierdienste nutzen solche Lastenräder bereits, auch im Winter. Umweltforscher sehen einen großen Markt.

„Ich ersetze ein Auto“: Mit diesem Schriftzug rollen seit fast zwei Jahren 40 imposante Elektro-Lastenräder durch acht deutsche Städte, darunter Berlin, Hamburg, Leipzig und München. Das Institut für Verkehrsforschung hat sie für eine wissenschaftliche Studie an Kurier-Unternehmen ausgeliehen. Zu den Fragen gehört unter anderem, wie viele Autokilometer sie ersetzen können. Schon jetzt will keine der Firmen die Räder wieder hergeben, sagt Projektleiter Johannes Gruber.

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Ein bisschen Strom statt hoher Spritkosten, keine Parkplatzsorgen, ohne Stau in die Innenstadt und auch problemlos in jede Fußgängerzone: Lastenräder haben ihr Image „19. Jahrhundert“ oder „Dritte Welt“ abgelegt, glaubt auch Arne Behrensen vom Verkehrsclub Deutschland. Für Europas Städte gebe es Kalkulationen, dass Lastenräder mit einem Radius von sieben Kilometern, 250 Kilogramm Ladegewicht und einem Kubikmeter Ladevolumen die Hälfte aller Transportfahrten mit dem Auto ersetzen könnten.

Große Modellvielfalt

„Ob das im Einzelfall praktikabel ist, muss man prüfen“, ergänzt Behrensen. Es gebe in Deutschland aber bereits Schornsteinfeger, Gärtner und Raumausstatter, die mit dem Lastenrad unterwegs seien. Warum nicht auch mobile Pflegedienste? Die Vielfalt der Modelle ist inzwischen beachtlich, es gibt mehr raffinierte Technik als früher.

Auch das Handwerk sei neugieriger geworden, bestätigt Forscher Gruber. Denn oft müssten bei Kundenbesuchen in den Innenstädten keine schweren Geräte, sondern nur Werkzeugkoffer transportiert werden. Die Motive sind unterschiedlich: Einsparpotenziale, Ökologie, Imagepflege. Es gibt wohl nur eine wirkliche Voraussetzung: Die Firmen und Mitarbeiter müssen es wollen – bei Wind und Wetter.

„Nicht das Rad hat sich verändert, sondern die Gesellschaft“, sagt Fahrrad-Fachbuchautor Gunnar Fehlau. Dogmen seien aufgeweicht worden, die eine neue städtische Lebenskultur beförderten. „Nicht nur Nerds und Freaks fragen heute nach einem Dienstrad statt einem Dienstauto.“

IHK München unterstützt Unternehmen bei der Anschaffung

Der Verkehrsclub Deutschland ist vom Potenzial der Lastenräder überzeugt. Besonders für Großstädte, die bei hoher Verkehrsbelastung immer strengere Auflagen für Kohlendioxid- oder Feinstaubwerte erfüllen müssen, sei das eine interessante Option.

Lastenfahrrad_1-Beladung_kleinere_DateigroesseIm Januar startete die Stadt München mit der Industrie- und Handelskammer einen Pilotversuch. Sie unterstützt Unternehmen finanziell bei der Anschaffung von Lastenrädern. Im Berliner Stadtteil Kreuzberg gründet sich gerade eine Transportgenossenschaft, die nur auf E-Lastenräder setzen will.

Beim Zweirad-Industrie-Verband geht der Enthusiasmus nicht so weit. Bei rund vier Millionen verkauften Rädern pro Jahr fristen Lastenräder ein Dasein im Nischensegment – zwischen Tandems und Liegerädern. „Da einen Riesenmarkt zu sehen, halte ich für gewagt“, sagt eine Sprecherin. „Aber der Markt ist immer für Überraschungen gut.“

E-Lastenrad kostet bis zu 5000 Euro

Es geht auch um den Preis. Ein E-Lastenrad kostet bis zu 5000 Euro. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) sieht solche Modelle denn auch nicht als Familienkutsche. „Wer fährt schon täglich eine Waschmaschine durch die Gegend?“, fragt Roland Huhn, Leiter Verkehr und Technik. Für Gewerbe und die kommerzielle Nutzung seien 5000 Euro dagegen kein Problem. „Da wird der Preis zum Auto gegengerechnet – inklusive Zeitfaktor“, sagt er. Dass diese Rechnung aufgehen könne, zeige der rege Lastenradverkehr in Städten wie Kopenhagen.

Der deutsche Bundesverband Internationaler Express- und Kurierunternehmen hat das Lastenrad für die Innenstadtlogistik auch im Visier – zum Beispiel für Pakete bis zu 30 Kilogramm. Das kommt den Bedürfnissen vieler Kunden entgegen, die wegen hoher Mieten oft kleine Läden ohne Lager haben – und mehr Lieferungen brauchen.

Oft ist es kleinteilige Ware, die zu den vielen Internet-Bestellungen von Privatkunden dazukommt. Voraussetzungen für den Einsatz von Rädern in der Innenstadt seien Zwischenlager für die Verteilung, in Tiefgaragen oder speziellen Containern, heißt es beim Verband. Die Politik will es nun ganz genau wissen. Das Bundesverkehrsministerium schrieb Ende 2013 eine zweijährige „Untersuchung des Einsatzes von Fahrrädern im Wirtschaftsverkehr“ aus.

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